Varengeville-sur-Mer

Wo sich Kunst und Natur ein Stelldichein geben

Der Strand - ©Bernhard Haußmann
Der Strand - ©Bernhard Haußmann
Der Küstenabschnitt zwischen der Hafenstadt Dieppe und dem Badeort Quiberville hat auf kleinstem Raum einiges an touristischen Sensationen zu bieten

Eigentlich ist Varengeville-sur Mer nur ein Dorf in der Normandie mit etwas mehr als 1000 Einwohnern – eigentlich.

Was den Ort so besonders macht, ist seine Lage an einem der beeindruckendsten Abschnitte der Côte d’Alabatre, der normannischen ‚Alabasterküste’ mit ihren weißen Klippen, im Pays du Caux etwas unterhalb von Dieppe. Es ist ein malerischer Ort, der von den Kontrasten zwischen der rauen, teils dramatischen Klippenküste und der lieblichen Sommerfrische des Ortes lebt. Seine Blütezeit erlebte der Ort in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Seine Ausstrahlung hat der Ort mit seinen lauschigen Ecken, von schattigen Alleen gesäumten Straßen und einer Unzahl von Refugien durchaus behalten und bis heute leben hier zahlreiche Künstler, die von der Landschaft fasziniert sind. Der Zugang zum Strand unterhalb der Klippen ist nur an einigen Stellen über steile Treppen möglich, sodass sich Massentourismus nicht breit machen kann. Den einmaligen Ausblick über die Küste hat man nur an einigen wenigen Stellen.

Varengeville-sur-Mer und die Künstler

Unzählige berühmte Künstler schätzten und liebten den Ort – Renoir, Picasso, Léger, Derain, Giacometti, Le Corbusier, Kandinsky, Pissarro, Vallotton, Corot, später auch Künstler wie Miro und Calder, André Breton, Louis Aragon, Jacques Prévert hielten sich hier auf.

Insbesondere die Impressionisten hatten den Ort für sich entdeckt und wurden nicht müde, die Klippenküste zu malen, Monet schuf hier einige seiner berühmtesten Bilder. George Braque (1882-1963) baute sich hier 1930 ein Landhaus und verbrachte dort bis zu seinem Tod im Jahr 1963 die Sommermonate. Er gestaltete eine Serie über Küstengebiete in der Normandie, wohin er immer fuhr, um die Kargheit der Landschaft inmitten dieses nördlichen Küstenabschnittes zu beobachten. Miró und Braque lernten sich 1938 näher kennen, als Miró mehrere Monate in Varengeville-sur-Mer verbrachte. Miró hatte hier vorübergehend ein Studio, in dem er zwei Serien unter dem Titel ‚Varengeville’ schuf und mit seinen ‚23 Konstellationen’ begann, mit denen er seinen Naturbeobachtungen Ausdruck verlieh, bevor er im Mai 1940 mit dem letztmöglichen Zug nach Spanien floh.

St. Valéry - Kirche und Friedhof

1954 schuf Braque für den Chor der Kirche Eglise St-Valéry von Varengeville ein tiefblaues Glasfenster. Offenbar war er dem Ort so verbunden, dass er ihn wegen des einzigartigen Ausblicks auf die Klippenküste auch für seine Grabstätte wählte. Das Mosaik für seine Grabplatte hat er selbst entworfen. Seine letzte Ruhestätte teilt er mit anderen Berühmtheiten wie dem französischen Komponisten Albert Roussel (1869-1937), dem Architekten Paul Nelson und dem Reeder Jehan Ango (1480-1551).

Erstmals im 12. Jahrhundert auf der Spitze einer Klippe gebaut, wurde die Kirche im 16. Jahrhundert rekonstruiert. Den spektakulären Ausblick bezahlt sie mit einer ungewissen Zukunft: seit Jahrhunderten nagen Meer und Wind an der Küste und unterspülen das Fundament und man kann nicht sagen, ob das Meer sie nicht eines Tages verschlingt.

Der Besuch lohnt in jedem Fall wegen des herrlichen Blicks über Küste und Klippen.

Leuchtturm Phare d'Ailly

Einer der wenigen Punkte, von dem aus man ebenfalls einen wunderbar weiten Blick über die Küste hat, ist der 1775 erbaute Phare d’Ailly - der Leuchtturm, der auf der Grenze zur Nachbargemeinde Saint Marguerite sur Mer liegt. Da er von Wald umgeben ist und man nicht zur Klippe vor treten kann, muss man die 91 Stufen erklimmen, um das überwältigendes Panorama zu überblicken: von den Klippen von Saint-Valéry-en-Caux, bis zur Bucht der Somme – ein einmaliger Anblick.

Geöffnet: Mitte Juni bis Mitte September täglich von 10.00 bis 12.30 Uhr und von 14.00 bis 17.30 Uhr

‘Le Bois des Moutiers’ und Manoir d’Ango

Die meisten Menschen, die Varengeville-sur-Mer heute besuchen, sind Gartenliebhaber und sie kommen, um den Park der Familie Mallet Le Bois des Moutiers zu besuchen, der fraglos im Verein mit dem dazugehörigen im Arts und Crafts Stil erbauten Wohnhaus ein äußerst sehenswertes Ensemble abgibt – für Garten- und Architekturfreunde ein absolutes Muss.

Guillaume Mallet (1859 – 1945) verliebte sich 1897 in ein Grundstück mit Meerblick in Varengeville-sur-Mer und beauftragte den damals noch sehr jungen englischen Architekten Edwin Lutyens mit dem Bau eines Hauses im damals in England populären ‚Arts and Crafts’ Stil. Der leidenschaftliche Gartenamateur legte im Laufe von fast 40 Jahren auf dem 12 h großen Grundstück ein einzigartiges Gartenensemble an, in das Entwürfe der großen Gartengestalterin Gertrude Jeckyl einflossen. Die Gartenleidenschaft muss Monsieur Mallet offenbar seinen Kindern vererbt haben – bis heute leben Nachkommen von ihm in dem Haus und bewahren und pflegen den Garten, der 1970 für die Öffentlichkeit geöffnet wurde, in seinem Sinne.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Garten nicht nur wieder hergestellt, sondern auch durch den 2 Hektar großen Jardin Shamrock mit der heute weltgrößten Hortensien Sammlung bereichert.

Das zweite architektonische Highlight in Varengeville-sur-Mer, das Manoir d’Ango, wurde bereits im 16. Jahrhundert von dem berühmten französischen Händler und Reeder Jehan (Jean) Ango (1480 – 1551) erbaut. Geboren in Dieppe, erlebte Ango unter Franz I. von Frankreich als Reeder seine Blütezeit, erwarb sich zahlreiche Titel und Ehren und ein beachtliches Vermögen. Im Jahr 1540 ließ der kunstinteressierte Mäzen in Varengeville-sur-Mer auf einem 5 000 Hektar großen Grundstück ein Sommerhaus im italienischen Renaissancestil errichten, das in seiner Art einmalig in der Normandie ist. Als Vorbild diente zwar der italienische Stil, umgesetzt wurde es jedoch ausschließlich mit örtlichen Materialien wie Backstein, Feuerstein und Kalkstein, die die Fassaden in kunstvollen Mustern zieren. Die kreisrunde Colombier, das Taubenhaus, mit einem Dach aus der Kaiserzeit ist einzigartig. 1862 wurde das Ensemble unter Denkmalschutz gestellt. Der Garten hinter dem Haus, so wie er heute gestaltet ist, erinnert mit seinem Seerosenteich stark an Monet's Garten. Nach aufwändigen Renovierungsarbeiten ist es seit Sommer 2007 wieder für die Öffentlichkeit geöffnet.

Geöffnet 11.April bis 30. September täglich von 10.00 bis 12.30 und von 14.00 bis 18.00 Uhr

Charlotte Schäfer, Bernhard Haußmann

Charlotte Schäfer - Seit drei Jahrzehnten beschäftige ich mich mit Architektur und darstellender Geometrie (zweidimensional als Architektur-Illustratorin ...

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