Verbraucherschützer warnen vor teurem Patiententelefon

Online-Verbraucherschutz - Verbraucherschutz
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In bundesdeutschen Kliniken wird mit teuren 0180-Telefonnummern viel Geld verdient. Die Patienten und deren Angehörige fühlen sich zunehmend abgezockt.

Auf dem Schreibtisch von Julia Nill stapeln sich die Reklamationen von Krankenhaus-Patienten und deren Angehörigen, die empört sind über horrende Telefonrechnungen, die sie bezahlen mussten. Oft 20, 30, 40 für ein paar wenige Gespräche, mitunter sogar über hundert Euro und mehr.. "Die Beschwerden nehmen ständig zu", sagt die Verbraucherschützerin vom Landesverband Baden-Württemberg. "Die hohen Telefongebühren in Krankenhäusern sind ein Dauerthema bei uns."

Die Telefongebühr liegt ein Vielfaches über dem normalen Tarif

In vielen Unternehmen in ganz Deutschland ist es längst gängige Praxis, die lukrativenTelefonnummern zu betreiben, und auch immer mehr Krankenhäuser und Hospitäler haben offenbar dieses Finanzierungsmodell für sich entdeckt. In der Landeshauptstadt Stuttgart beispielsweise bündelt sich der Zorn auf das städtische Klinikum, das in seinen vier Krankenhäusern bereits 2006 die Telefonanlagen umgestellt und eine 0180-Nummer in Betrieb genommen hat. Diese Nummer sei eingeführt worden, um die Kosten für den Betrieb der Telefonanlage zu erwirtschaften, sagt die Klinikum-Sprecherin Ulrike Fischer auf Anfrage. Die Kosten auf alle Beteiligten umzulegen sei nötig gewesen, da die Bereitstellung der Telefonanlage nicht über die Fallpauschale abgedeckt sei.

Seither müssen nicht nur die jährlich rund 80 000 Patienten wesentlich tiefer in die Tasche greifen, sondern vor allem auch die Angehörigen, die oft mehrfach am Tag am Krankenbett anrufen. "Wer eine 0180-Nummer wählt, der zahlt immer ein Vielfaches vom üblichen Ortstarif", betont die Verbraucherschützerin Julia Nill. Anrufe über das Handy könnten dabei sogar bis zu einem Euro pro Einheit kosten. "Wie lange eine Einheit dauert", betont Julia Nill, "das sagt einem in der Regel aber keiner."

Die Hospitäler schröpfen Angehörige von Parienten, die am Krankenbett anrufen

Diese Erfahrung hat auch Florian Mair vom Verein Online-Verbraucherschutz gemacht. Der Kommunikationsexperte hatte tagelang vergeblich auf eine entsprechende Auskunft des Klinikums Stuttgart gewartet. "Keiner konnte mir sagen, wie lange zu welcher Zeit eine Einheit dauert. Der Patient hat aber das Recht darauf, darüber informiert zu werden", sagt Mair, der in diesem Jahr schon etliche Einsätze an der Krankenhausfront hatte. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten mit allen Mitteln gegen die teuren Telefontarife vorgehen. "Die Nummern sind ein Freibrief für Abzocke", betont er. Um Licht ins Tarifdunkel zu bringen, haben die Verbaucherschützer eine Liste mit Krankenhäusern in ganz Deutschland erstellt, die so genannte Shared-Cost-Nummern einsetzen, darunter auch zahlreiche Unikliniken und städtische Häuser. Stuttgart sei dabei mit den vier Krankenhäusern des Klinikums mit insgesamt 2300 Betten überproportional vertreten, sagt Mair. Gemessen am üblichen Ortstarif würden alleine hier für die Angehörigen der Patienten jährlich Mehrkosten von einer Million Euro entstehen. Und dabei sei noch nicht berücksichtigt, dass viele über ihre Festnetz-Flatrate eigentlich umsonst telefonieren könnten. Bundesweit seien es rund 80 Millionen Euro Mehrkosten. Es ist nicht akzeptabel, so Mair, "dass Krankenhäuser Menschen schröpfen, die ihre Angehörigen am Krankenbett anrufen".

Mit den Shared-Cost-Nummern wird über Gebühr verdient

Zu den Profiteuren dieses fragwürdigen "Geschäftsmodells" gehören auf der einen Seite die Telefonanbieter, aber auch bei den Krankenhäuser würden dabei gut verdienen, sagt Mair. Die Begründung der Kliniken, die Nummern aus Kostendeckungsgründen eingeführt zu haben, hält er dabei für "völligen Humbug". Um eine Telefonanlage zu finanzieren, würde es völlig genügen, dem Patienten pro Tag für die Bereitstellung des Telefons 1,20 Euro zu berechnen. Und auch Julia Nill von der Verbraucherzentrale ist davon überzeugt, dass mit den Shared-Cost-Nummern über Gebühr verdient wird. "Andere Kliniken zeigen, dass es auch ohne diese teuren Tarife geht."

Wie man die teuren 0180er Nummern umgehen kann

Um die teuren Nummern zu umgehen, haben die Verbaucherschützer zwischenzeitlich im Internet das 0180-Telefonbuch eingerichtet. Hinter jeder 0180er Nummer stecke nämlich eine ganz normale Festnetznummer, die an den üblichen Ortstarif gebunden sei und die man eben auch wählen könne, sagt Mair.In dem Telefonbuch sind bereits zahlreiche der Ersatznummern aufgelistet, an deren Veröffentlichung die Kliniken und andere Unternehmen, die teure Hotlinenummern betreiben, natürlich kein Interesse haben. Die Liste werde ständig fortgeschrieben und lebe daher vom Mitmachen, sagt Mair: "Je mehr Ersatznummern bekannt sind, desto weniger kann abgezockt werden."

Markus Heffner, Markus Heffner

Markus Heffner - Informatik studiert, als Softwareentwickler gearbeitet, den Bettel hingeworfen, an der Uni Hohenheim Kommunikationswissenschaften ...

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