"Verdammnis" – Film zwei der Millenium-Trilogie

Noomi Rapace als Lisbeth Salander und Mikael Nyqvist als Blomqvist

Das Mädchen, das mit dem Feuer spielte - Yellow Bird
Das Mädchen, das mit dem Feuer spielte - Yellow Bird
In neuer Regie, mit ausgetauschter Crew, aber mit denselben schwedischen Schauspielern gewann die umstrittene Fortsetzung von „Verblendung" an psychologischer Intensität.

Auf dem Türschild ihrer Inkognito-Luxuswohnung steht „V. Kulla“. Das könnte eine Anspielung auf das schwedische Wort „Villekulla“ sein – Kunterbunt. Villa Villekulla, so heißt die legendäre Behausung von Pippi Langstrumpf, dem superstarken Mädchen mit dem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Das ist aber auch fast schon alles, was die fröhliche, zu Schabernack jeglicher Art aufgelegte weltberühmte rothaarige Heldin der Nobelpreisträgrin Astrid Lindgren mit der autistischen, mageren, ganzrückentätowierten, in der Kindheit schwer traumatisierten Ermittlerin Lisbeth Salander gemeinsam hat.

Lisbeth Salander – eine Pippi Langstrumpf, ein Wallander?

Obwohl – auch Lisbeth glänzt mit einer hohen Intelligenz, die mit Schulwissen äußerst wenig zu tun hat, genau wie Pippi. Auch andere Namen geben zu denken, welcher Schalk den im Jahre 2004 an einem Herzinfarkt 50jährig verstorbene Thrillerautor Stieg Larsson getrieben hat. Blomqvist heißt der auf Kriminalfälle spezialisierte Journalist und Salander-Freund Mikael – wie Meisterdetektiv Kalle Blomqvist? Salander – wie Wallander? Sicher ist, dass Larsson selbst eine Spürnase für erfolgsträchtige, aktuelle Storys hatte. Kassenschlager weltweit als Lesebuch, Hörbuch und nun als Verfilmungen für Kino und Fernsehen.

"Verblendung", "Verdammnis" und "Vergebung" kommen ins ZDF

Warum Produzent Soeren Staermose den Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann und die technische Besetzung fast komplett auswechselte, ist nicht bekannt, vom Ergebnis her betrachtet gibt es viele Spekulationen darüber. Beklagt wird von der internationalen Kritik eine Art Verflachung, die den Kinofilm glatt und damit fernsehtauglich mache. Andere loben gerade das, durch die Vereinfachung der Mittel, den Verzicht auf überflüssige Action und oberflächliche Thriller-Gags habe der zweite Teil gegenüber dem ersten stark gewonnen.

"Verblendung" läuft am 2. Januar und am 9. Januar 2011 im ZDF

Nun sind Teil 2, "Verdammnis", und der für Juni 2010 angekündigte dritte Teil "Vergebung" ursprünglich gar nicht als Kino-Filme geplant worden, sondern sollten nur im Fernsehen (in Deutschland im ZDF) laufen. Auch eine um 30 Minuten verlängerte TV-Fassung von Teil eins „Verblendung“ kommt voraussichtlich am 2. und 9. Januar 2011 als Zweiteiler ins ZDF. Vielleicht hat der bahnbrechende Erfolg des ersten Films dem Produzenten doch die Arme der Kinoverleiher geöffnet – nicht zum Schaden der Zuschauer jedenfalls.

"Verdammnis" heißt schwedisch "Das Mädchen, das mit dem Feuer spielte"

Der Film mit dem irreführenden Titel „Verdammnis“ – der passendere schwedische Titel lautet „Das Mädchen, das mit dem Feuer spielte“ – kann fast als Psychothriller durchgehen, denn es geht hauptsächlich um das Mädchen Lisbeth Salander und ihre schreckliche Familiengeschichte, die in „Verblendung“ (eigentlich „Männer, die Frauen hassen“) bereits angedeutet wurde. Die Story, um die es eigentlich geht – kriminelle Machenschaften eines russischen Überläufers aus dem Geheimdienst, Drogendeal, Verflechtungen in die schwedische Gesellschaft, illegale Prostitution – dienen im Grunde nur als Kulisse für die eigentliche Geschichte um das körperlich zarte, mental umso härtere und emotional unterentwickelte Mädchen Lisbeth.

"Verblendung" hieße besser "Männer, die Frauen hassen"

Weniger gepierct, mit längeren Haaren etwas weiblicher und weicher geworden hackt Lisbeth noch genauso gut fremde Computerinhalte wie im ersten Teil. Diesmal sieht man sie nicht in einer erotischen Situation mit Journalist Mikael Blomqvist, sondern in einer fast anrührenden, nicht gefühlskalten Sexszene mit Freundin Miriam auf dem Fußboden ihrer früheren Wohnung. Das Wort "Freundschaft" hat allerdings für Lisbeth, die an einer autistischen Störung leidet, keine herkömmliche Bedeutung. Mehrfach beklagen sich die Menschen, denen das Mädchen etwas bedeutet, wenn auch vorsichtig, bei ihr, dass sie kommentarlos für ein bis zwei Jahre spur- und nachrichtenlos verschwindet und genauso plötzlich, für sie bruchlos, wieder auftaucht.

Thriller gegen gewalttätige Männer und Mädchenmissbrauch

"Verblendung" und „Verdammnis“ sind keine richtig harten Thriller, wenn auch im Grenzbereich dazu und nervenbelastend genug, um die Altersgrenze von 16 Jahren unbedingt zu befürworten. Jedoch sind sie nicht voyeuristisch im eigentlichen Sinne, denn es handelt sich um politische Filme, die die filmtechnisch zur Verfügung stehenden suggestiven Mittel für ein hehres, aufklärerisches Ziel nutzen: Gewalt und sexuelle Übergriffe von brutalen Männern und von Verbrechern gegen solche Frauen und Mädchen, die ihnen in einer Abhängigkeitssituation und wehrlos augeliefert sind, gnadenlos anzuprangern. Lisbeth Salander nimmt kein Blatt vor den Mund und schreibt es in mitleidsloser Gegengewalt den Tätern auf die Brust: „Ich bin ein sadistisches Schwein und ein Vergewaltiger."

"Vergebung" ab Juni 2010 im Kino: "Das Lustschloss, das gesprengt wurde"

In diesen meist im Verborgenen verübten Taten und Lisbeth Salanders Gegenwehr der unsanften Art liegt das Provokative, Schockierende und der tiefere Sinn dieser vielleicht sogar feministische Thriller. Noch vor 30 bis 40 Jahren, vielleicht sogar noch vor 15 oder 20 Jahren, wären die mitleidlosen Vergeltungsschläge der Datenermittlerin Lisbeth als aggressiver Aufruf zu feministischer Ranküne verstanden worden, hätte mancher den Geist einer Gudrun Ensslin warnend beschworen. Im Jahr 2010 passiert so etwas nicht, die Moral oder Unmoral der weiblichen Tat wird kaum diskutiert.Der dritte Teil der Millenium-Trilogie von Stieg Larsson – , „Vergebung“ – trägt im schwedischen Original den Titel „Das Luftschloss, das gesprengt wurde“.

Andrea Reidt, Freie Journalistin, Foto Monika Werneke

Andrea Reidt - Die Freie Journalistin Andrea Reidt sammelte vielfältige Erfahrungen in ihrem Beruf. Am allerliebsten schreibt sie ...

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