Verein kämpft gegen Armut durch Pflege

Interessenvertretung für pflegende Angehörige gegründet

Arm durch Angehörigenpflege - Foto: Rainer Sturm
Arm durch Angehörigenpflege - Foto: Rainer Sturm
Wer seinen Beruf aufgibt, um einen Angehörigen zu pflegen, gerät schnell in finanzielle Schwierigkeiten. Der 2008 gegründete Verein „wir pflegen" will das ändern.

Ein internationales Forschungsprojekt brachte es an den Tag: In Deutschland gibt es, im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, keine Interessenvertretung, die den rund 1,4 Millionen pflegenden Angehörigen eine Stimme gibt, ihre Belange und politischen Forderungen öffentlich macht und sich für ihre Rechte und ihre gesellschaftliche Anerkennung einsetzt.

Pflegenden Angehörigen droht Armut und Krankheit

Dabei sind pflegende Angehörige die tragende Säule unseres bestehenden Pflegessystems, ohne sie würde es nicht funktionieren: Sieben von zehn pflegebedürftigen Menschen werden nämlich zu Hause versorgt und die meisten von ihnen - rund 92 Prozent - von Angehörigen und Freunden. Vermutlich aber ist ihre Zahl sogar höher, denn statistisch erfasst sind nur jene, die für Ihren Einsatz auch Leistungen der Pflegeversicherung erhalten (Pflegegeld).

Diese so genannte informelle Hilfe wird vorwiegend von Frauen (Töchtern und Schwiegertöchtern) geleistet, die oft mehrfach belastet sind durch Berufsarbeit, die Betreuung eigener Kinder oder Enkelkinder und Pflege. Ihr Risiko, selbst zu erkranken, ist besonders hoch, ihre eigene finanzielle Absicherung ebenso wie ihre Altersvorsorge unzureichend (Grundsicherung im Alter). Besonders fatal aber ist, dass sich diese Angehörigen oft selbst gar nicht als Pflegende wahrnehmen und dass auch in der öffentlichen Wahrnehmung pflegende Angehörige eigentlich nicht vorkommen.

Der Verein für pflegende Angehörige: „wir pflegen“

Zwar gibt es für sie in unserem Land vielfältige Unterstützungs- und Beratungsangebote auf lokaler Ebene, unzählige regionale Initiativen, Institutionen, Selbsthilfegruppen und ebenso nationale, krankheitsbezogene (Alzheimer, Schlaganfall, MS usw.) Interessenverbände, in denen sich chronisch Kranke, Menschen mit Behinderungen, Pflegebedürftige und deren Angehörige gegenseitig unterstützen und stärken. Bislang fehlte allerdings eine bundesweite Interessenvertretung, die speziell die Angehörigengruppen vereint und so als ernstzunehmender Ansprechpartner für die Politik agieren kann.

Wie wichtig es ist, alle vorhandenen Initiativen zu einer Stimme zu bündeln, zeigen übrigens die europäischen Nachbarn. In Ländern wie Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Großbritannien, Schottland, Irland, Finnland oder Schweden, in denen schon länger vergleichbare Lobby-Organisationen pflegender Angehöriger aktiv sind, steht ihr Thema wesentlich höher auf der politischen Agenda als in Deutschland.

Elf Leitlinien für die Arbeit des Vereins „wir pflegen“

Mehr Mitspracherecht, mehr politisches Gewicht, bessere Information zur Situation pflegender Angehöriger – um diese Ziele zu erreichen, haben die rund 40 Gründungsmitglieder im Rahmen von Foren und Workshops 11 Leitlinien erarbeitet. 33 konkrete Vorschläge, wie sich diese Leitlinien politisch und gesellschaftlich umsetzen lassen ergänzen den Katalog. Inhaltlich orientieren sich die Forderungen an den Leitlinien der europäischen Organisation zur Interessenvertretung pflegender Angehöriger (Eurocarers)

Der Verein will erreichen, dass pflegende Angehörige

  • mehr Anerkennung (1), Mitbestimmungsrechte (2) und besseren Zugang zu Informationen (3) erhalten
  • Wahlmöglichkeit (4) und gleiche Chancen (5) erhalten wie nicht Pflegende (Karriereknick, Rentenanrecht, schulische/berufliche Bildung von pflegenden Kindern)
  • wertschätzende, finanzielle, praktische und emotionale Unterstützung bekommen, sowie den Zugang zu bezahlbarer Hilfe (6)
  • Angebote zur Gesundheitsförderung/Prävention der eigenen Gesundheit (7) leicht zugänglich gemacht werden
  • Pflege und Erwerbstätigkeit besser vereinbaren können (8) - so wie Eltern zur Betreuung ihrer Kinder
  • sozial und finanziell nicht benachteiligt werden (9), bezahlte Auszeiten nehmen können (10) und am sozialen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen können (11).

Pflegender Sohn Stefan Krastel auf dem Weg nach Berlin

Armut durch Pflege ist das Schwerpunktthema, für das der Verein „wir pflegen“ in seinem ersten Jahr besonders viel Aufmerksamkeit schaffen will: in den Medien, bei den Politikern, in der Öffentlichkeit. Anhand von Erfahrungsberichten betroffener Familien soll für alle nachvollziehbar werden, wie Armut durch Pflege entsteht.

Ein Gesicht hat die Not im Sommer 2009 bekommen: „wir pflegen“-Mitglied Stefan Krastel aus Kehl wanderte über einen Monat lang 900 Kilometer quer durch Deutschland nach Berlin, um sein Schicksal als pflegender Angehöriger öffentlich zu machen. Durch die Rund-um-die-Uhr-Pflege seiner Mutter hat der Friseurmeister in den zehn Jahren seit ihrem Schlaganfall fast alles verloren: den Friseurbetrieb, Auto, Ersparnisse, Lebensversicherung. Er lebt mit seiner Mutter heute von Hartz IV und dem Pflegegeld für Pflegestufe 3.

Als er am 21. September 2009 vor dem Kanzleramt erschien, wurde er leider abgewiesen. Eine verpasste Chance für die Politik – dafür hatte das Bundesministerium für Gesundheit zwei Wochen zuvor medienwirksam die Kampagne gestartet: „Ich pflege,weil…“ mit der Aufforderung: „Geben Sie der Pflege Ihr Gesicht! Pflegende – ganz gleich, ob beruflich, ehrenamtlich oder familiär – engagieren sich täglich für ein würdevolles Leben anderer. Hier berichten unsere Pflege-Botschafterinnen und Pflege-Botschafter, warum sie diese wichtige Arbeit leisten und was das Besondere an ihrer Tätigkeit ausmacht.“

Wer der „Interessenvertretung begleitender Angehöriger und Freunde in Deutschland“ beitreten oder sie fördern möchte, kann sich auf der Internetseite des Vereins „wir pflegen“ informieren und anmelden.

Marion Seigel, (Foto: Martin Seigel)

Marion Seigel - Marion Seigel ist Fachjournalistin, PR-Beraterin und Referentin - sie betreibt das journalistische Handwerk, ...

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