Seit Mai 2010 ist ein neuer Roman der hier in Deutschland noch relativ unbekannten Autorin Paddy Richardson auf dem Markt.
Die Autorin
Paddy Richardson ist neuseeländische Autorin. Sie lebt in Dunedin und ist Literaturprofessorin. An der hiesigen Universität unterrichtet sie englische Literatur. Als Schriftstellerin wurde sie durch ihre Kurzgeschichten bekannt, die mit Preisen ausgezeichnet. Ihre Kurzgeschichten wurden auch über das Radio New Zealand ausgestrahlt.
Der Inhalt des Romans
Die verwitwete Journalistin Claire lebt mit ihrer Tochter Annie zusammen. Beide versuchen den Tod des Mannes und des Vaters so gut es geht zu verarbeiten. In ihrer kleinen heilen Welt sind sie glücklich, bis Claire eines Tages einen Anruf des Anwaltes eines bekannten Serienvergewaltigers bekommt. Sie soll einen biografischen Roman über diesen Mann schreiben. Trotz vieler Skrupel ringt sich Claire durch und unterschreibt den Vertrag, denn hinter dem Buch steht eine Menge Geld, das die alleinerziehende Mutter gut gebrauchen kann. Claire ist schon vor Beginn der Recherche klar, dass sie ein heikles und sehr brisantes Thema bearbeitet. Sie als Frau, der so etwas Schreckliches auch passieren könnte, soll das Thema Vergewaltigung auch vom Standpunkt des Täters aus bearbeiten. Und genau zu diesem Zeitpunkt gerät Annie in Kontakt mit einer etwas fragwürdigen Mitschülerin. Die Ereignisse scheinen sich zu überstürzen und Claire verliert scheinbar die Kontrolle über ihr Leben. Doch unmittelbar bevor die Katastrophe das Leben von Claire zerstören kann, tritt Claires neue Liebe als rettender Engel in ihr Leben.
Das Interview einer Frau mit einem bekannten Serienvergewaltiger
Das Thema Vergewaltigung von Frauen erregt in der Gesellschaft unterschiedliche Diskussionen. Die Versuche, die Taten zu rechtfertigen, teilen die Gesellschaft in jedem Land. Mit ihrem neuen Roman, der bereits im Jahr 2008 in Neuseeland unter dem Titel “A Year to Learn a Woman” erschien, greift die Autorin Paddy Richardson dieses heikle Thema auf.
Im Verlauf der Arbeit an den Memoiren des Verbrechers Travis Crill kommt es zu einer unerwarteten Wende, die auch Claires Leben und das ihrer Tochter nachhaltig beeinflusst. Diese Wende scheint das Leben von Claire zu zerstören.
Der Beginn des Romans liegt in den 90er Jahren. Nach der Schilderung der Situation bricht die Handlung unvermittelt ab. Wenn auch dieser Anfang ziemlich gewagt ist, so reizt er dennoch zum Weiterlesen. Immer wieder scheint die Handlung abzuflachen. Spannungsaufbau erfolgt dann durch Andeutungen und unvollständige Sätze, die das Ausmaß des gesamten Geschehens nur erahnen lassen.
Jedes neue Kapitel beginnt mit einer Jahreszahl oder einem Namen um den Leser in die richtige Zeit zu versetzen bzw. um dem Leser zu vermitteln, wer im Mittelpunkt des Geschehens steht. Die Erzählperspektive wechselt sehr häufig und oft auch schon nach kurzer Dauer.
Der zuweilen ausführliche Rückblick ist notwendig um das Geschehen vollständig zu verstehen. Dabei besteht die Gefahr, dass sich der Leser abwendet. Die Hinführung zur eigentlichen Thematik erstreckt sich über mehrere Kapitel und mit dem Ende des eigentlichen Geschehens. Die Reflektion von Erlebten und die Verarbeitung dessen bildet die Grundlage für den Roman. “ Und obwohl ich weiß, dass Crill uns nichts mehr antun kann, laufen mir kalte Schauer über den Rücken, gegen die ich hilflos bin.” Mit diesem Satz erfährt der Leser, dass etwas Schreckliches passiert sein muss, weiß aber nicht, was.
Den wesentlichen Raum nimmt die Arbeit Claires an den Memoiren des Serientäters ein. Jede Seite, jeder Gesprächspartner wird minutiös geschildert, ebenso wie die unterschiedlichsten Gefühle, die Claire während der Arbeit hat. Paddy Richardson schildert die Gefühle der Protagonistin so sprachlich gewandt, dass der Leser in die Rolle von Claire schlüpfen kann und sich somit mit der Hauptperson identifiziert. Auch die sich anbahnende Gefahr für Claire und ihre Tochter lässt den Spannungspegel weiter ansteigen. Sehr gekonnt hat Paddy Richardson dies gestaltet, indem sie nur wage Andeutungen macht.
Die Katastrophe lässt auf sich warten und erst im letzten Teil geschieht das schier Unabwendbare. Durch die Nähe zum Schluss des Romans scheint auch eine Lösung der Katastrophe nicht in Sicht. Doch die komprimierte Handlung führt rasch zum Schluss und zur Lösung des Konfliktes. Nach der Lösung des Konfliktes nehmen sich Mutter und Tochter Zeit für ein Resümee. Der anfängliche Rückblick schließt sich und der Roman fügt sich zu einer Einheit zusammen. Beginn und Ende scheinen einen Rahmen um das eigentliche Geschehen zu bilden.
Sprachliche Gestaltung
Durch die Wahl der Sprache zeichnet sich das Milieu der handelnden Personen ab. Die reichhaltige und sehr bildhafte Sprache lässt den Leser in das Geschehen eintauchen. Innere Monologe charakterisieren die Protagonistin und ihre Gegenspieler, zu denen auch zeitweilig ihre Tochter gehört. Unvollständige Sätze lassen Gedankenblitze deutlich werden. An manchen Stellen überwiegen die Beschreibungen der Handlung, was dazu führt, dass das Geschehen in die Länge gezogen wird. Unter Umständen kann das den Leser abschrecken weiter zu lesen. Der Wechsel zu überwiegender Handlung verdeutlicht am Ende die Dramatik im Roman.
Zusammenfassend kann man sagen, dass Paddy Richardson ein sehr lesenswerter Roman gelungen ist.
Paddy Richardson: "Der Vogelbrunnen", Droemer-Knaur, 2010, ISBN 978-3-426-19884-1, 16,95€
