Um es gleich vorweg zu nehmen: Einem Rennrad-Crack, der pro Jahr tausende Kilometer abstrampelt, muss man die Alternative E-Racer gar nicht anbieten. Das ist, als wolle man einem eingefleischten Autoliebhaber eine Bahncard verkaufen. „Geht ja gar nicht!“ Man braucht keine Hilfe und will auch keine.

Doch es gibt auch andere. Radfahrer etwa, die es nicht als höchstes der Gefühle sehen, mit einem 33-er Schnitt fünf Stunden durch die Gegend zu brettern. Solche, die gerne radfahren, aber vor einem Rennrad zu viel Respekt haben. Oder lieber bequemer sitzen, auch wenns dann nicht ganz so flott vorwärts geht. Es gibt viele, die mit einem sportlichen Roadbike ohne Rennlenker, Klickpedale und 23-Millimeter-Pneus völlig zufrieden sind. Doch seit das E-Bike nun auch bei den sportlichen Racern Einzug hält, beginnen sich immer mehr Radfahrer zu fragen: „Ein Racer-E-Bike , wäre das was für mich?“

Schweizer radeln gern elektrisch

In der Schweiz, einem traditionell starken E-Bike-Markt, stellt sich diese Frage immer öfter. Hermann Troehler, Radhändler und Inhaber von Troehler Sports im zürcherischen Fehraltorf, verkauft seit Jahren Rennräder an sportliche Kunden und Rennfahrer. Dazu ist er seit einiger Zeit Fachhändler des Schweizer Herstellers Biketech, mit dem Flyer bislang grösster Produzent von E-Bikes. „Bisher hatten wir zwei völlig unterschiedliche Kundensegmente“, sagt Troehler. Doch seit E-Bikes auch sportlich aussehen und es auch sind, wollen auch zunehmend mehr Rennradkunden ein E-Bike. „Da tut sich eine neue Zielgruppe auf.“

Nach wie vor gibt es reichlich Argumente, die im direkten Vergleich für das konventionelle Rennrad sprechen. „Die Sportler werden immer das Rennrad wählen“, glaubt Troehler. Sie haben in diesem Bereich die viel grössere Modellauswahl. Da gibt es feinste Abstufungen zwischen einem knallharten Renner für sehr sportliches Fahren und Rennen, zwischen einem Cruiser oder einem Langstreckengerät mit Komfort. Optiesch gibt es im konventionellen Bereich mehr Design, mehr Farben, mehr sportlichen Look. Die Rahmen und Gabeln sind in ihren Fahreigenschaften sehr differenziert, in ihren Grössen weitaus variabler als die E-Bikes. Besonders grosse Fahrer finden im konventionellen Bereich fast jede Grösse. „E-Bikes gibt es zur Zeit noch gar nicht in allen Grössen“, hält Troehler fest.

Beim Gewicht unschlagbar

Technisch ist ein modernes Rennrad dem E-Bike in den meisten Bereichen voraus. Die drei grossen Hersteller von Schalt- und Bremskomponenten, Shimano, Campagnolo und Sram, haben ihre Produkte in den letzten Jahren auf ein erstaunliches Niveau gebracht, bei hervorragendem Gewicht- und Preisverhältnis. Das bisher Tollste ist die vollelektrische D2-Schaltung von Shimano: Da läuft die Kette so präzise wie ein Uhrwerk. Das hat zwar seinen Preis, ist aber von der technischen Entwicklung derzeit unschlagbar. Shimano hat nun bereits seine günstigere Ultegra-Gruppe elektrisch bestückt.

Kommt dazu, dass ein gutes Rennrad mit Carbonrahmen und Systemlaufrädern heute unter acht Kilo wiegt, ein sehr gutes unter sieben. „Da kommt kein E-Bike hin“, urteilt der Fachmann. „Da sind Welten dazwischen.“ Auch im Preis-Leistungsverhältnis liegen die Rennräder eindeutig günstiger als die sportlichen E-Bikes. Für 4.000 Franken bekommt man heute ein gutes Rennrad mit sehr guten Komponenten. Ein E-Racer wie der neue Flyer R dagegen kostet in der Grundversion bereits fast 5.000 Franken.

Das wichtigste Argument für das konventionelle Rennrad ist sicherlich die Reichweite: Im Gegensatz zum E-Bike ist sie unendlich, beziehungsweise hängt allein vom Fahrer ab. Deshalb sind diese Räder ideal für solche, die gerne sportlich unterwegs sein und lange Strecken fahren wollen.

Der Vergleich hinkt

Doch der direkte Vergleich ist eigentlich unsinnig. „Die Frage ist doch viel mehr: Welche Art von Bike passt zu welchem Bedürfnis?“ sagt Troehler. Die sportlichen E-Racer sprechen immer mehr Velofahrer an. Leute, die Geschwindigkeit geniessen und von ihr profitieren wollen. Sie schätzen Komfort und sind sich nicht zu schade, ihre Muskelkraft durch ein Motörchen zu unterstützen. Troehler hatte bereits Monate vor dem Erscheinen mehrere Vorbestellungen für den neuen Flyer R. Er registriert aber auch Anfragen nach alternativen Modellen anderer Hersteller, etwa der deutschen Firma Stevens aus Hamburg. „Da sind Pendler dabei, die morgens schnell und unverschwitzt zur Arbeit wollen“, sagt er. Ein Kunde ist bereits weit über 70, fuhr bisher klassisch Rennrad und fühlt sich nicht mehr so fit dafür. Mit dem elektrounterstützten Rennrad würde er sich immer noch eine 60-Kilometer-Tour zutrauen.

Und ein anderer Interessent will den E-Racer seiner Frau schenken. So können beide endlich zusammen sportliche Touren unternehmen, er mit dem Rennrad, sie mit dem E-Bike. Bisher war er zu schnell für sie. Jetzt wird er besonders beim Anfahren und am Berg sogar Mühe haben, ihr zu folgen. Denn die neuen E-Racer springen zügig an und lassen sich auch im Anstieg noch sehr schnell fahren, weil sie da im Unterstützungbereich von etwa 25 bis 35 Stundenkilometern liegen. Wer schneller rollt, spürt, wie die zusätzliche Power abnimmt. Fällt er wieder unter die Speedgrenze, spendiert der Motor zusätzliche Wattleistung. „Dieses Gefühl ist beeindruckend und fasziniert viele Interessenten“, sagt der Fehraltorfer Veloexperte.

Die Hersteller reagieren vorsichtig

Seit der Trend zu elektrischen Mobilität die Fahrräder erfasst hat, kommen immer mehr Hersteller (endlich) mit sportlichen Geräten heraus. Neben dem Flyer R haben auch zum Beispiel Stevens, der spanische Produzent BH oder die Kreuzlinger Tour de Suisse einen E-Racer im Programm. Sie verfügen über unterschiedliche Ausstattung, Technik und Gewicht. Den Antrieb mit der grössten Reichweite hat wohl der Flyer R, den es wahlweise mit 12 oder 16 Ampere-Akkus gibt. Der stärkere bietet je nach Topografie und Fahrstil eine Reichweite von etwa 70 Kilometern. Wer sich einen Erstatzakku dazu bestellt und im Rucksack mitführt, kann da schon ordentliche Touren absolvieren. „Wenn sich die Akkus noch weiterentwickeln, kann der E-Racer eine echte Alternative zum klassischen Touren-Rennrad werden“, glaubt Velohändler Troehler.

Eine Aufgabe für die „Daniel Düsentriebs“ der Velowelt. Die Grenze zur 100-Kilometer-Reichweite hat das erste E-Bike bereits geknackt. Der Akku des Schweizer „Speedped“ soll nach Herstellerangaben bereits weit über 100 Kilometer halten. Fazit: E-Racer werden ihre Fans finden. Und so manchen klassischen Rennradler, der sich nicht dupieren lassen will, tüchtig ins Schwitzen bringen.

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