
- Auf Reisen - BirgitH / pixelio.de
„Man erlebt nicht was man erlebt, sondern wie man erlebt.“ (Wilhelm Raabe) In der Urlaubspsychologie wird das Erleben grundsätzlich nicht als Zustand, sondern viel mehr als Prozess gesehen. Schon dann wenn damit begonnen wird, erste Schritte einzuleiten, um Bedürfnisse und Wünschen zu befriedigen, entsteht eine gewisse Vorfreude. Die allgemeine emotionale Aktivierung bezieht sich dabei noch auf die mit der Reise verbundenen möglichen Erlebnisse. Wenn dann das Ziel erreicht ist, beginnt der besondere Zustand des Erlebens. Dieser wird intensiviert durch das gesteigerte lustvolle Lebensgefühl, das eine Zeit lang voll entfaltet bleibt, bevor das überschäumende Gefühl langsam nachlässt und möglicherweise eine Sättigung eintritt. Auch wenn man sich dann an den früheren Gleichgewichtszustand annähert, ist das Erleben allerdings noch nicht vorbei. Denn die Erinnerung an die Urlaubszeit hält jederzeit eine abrufbare Bildgalerie der Urlaubsereignisse bereit. Klar ist, während des gesamten Prozesses ist der Urlauber stets von vorgeprägten Images begleitet, die nicht nur auf den touristische Wahrnehmung, sonder auch auf Denkweisen, Handlungen und Erleben Einfluss nehmen.
Zwischen Alltag und Inszenierung
Begründet auf den Hauptreisemotiven, ist oft das zentrale Muster im Verhalten von Touristen beobachtet worden, dass im Urlaub der Alltag überwunden werden soll und man so frei ist von allen Zwängen und Konventionen. Man will also das tun, was man zu Hause nicht kann oder darf. Allerdings ist es meist nicht möglich, das Verhalten vollkommen vom Gewohnten abzukoppeln. So wird der Urlaubsort zur Kulisse für gewohnte Verhaltensmuster und alltagsbezogene Wünsche, die daheim nicht verwirklicht werden können. Oft lebt der Tourist also mehr oder weniger den gleichen Alltag wie zu Hause nur bei wärmerem Wetter. Wenn die klimatischen Bedingungen erfüllt sind, dann ist das geographische und auch das kulturelle Umfeld für viele Urlauber nur zweitrangig. Viele verzichten sogar konsequenterweise darauf, es überhaupt näher in Augenschein zu nehmen. So werden eher Erlebniswelten geschaffen, in denen für den Besucher und seine Handlungen nicht unbedingt Lage und Beschaffenheit von zentraler Bedeutung sind, sondern die Reaktionen und Gefühle, die dort, durch verschiedenste Ereignisse und Einwirkungen, ausgelöst werden. Reisende begeben sich also in eine Urlaubswelt, die deutlich von der Alltagswirklichkeit zu trennen ist. Wenn auch auf der Suche nach authentischen Erfahrungen, geraten sie in eine mehr oder minder inszenierte Welt, wobei die Authentizität vom Blickwinkel abhängig ist, ein Konstrukt und Interpretation des Reisenden bleibt und somit verhandelbar ist.
Symbolisches zur Bedürfnisbefriedigung
Die Aneignung des Fremden erfolgt mitunter durch das Konsumieren von Symbolen. Diese bilden sich aus einer Mischung von lokaler Einmaligkeit, Universalität, sowie produzierter Sakralität. Solche Formen des Konsums sind beispielsweise das Sonnen am Strand, als Zeichen der Erholung und des Faulenzens, das Konsumieren von nationalen Spezialitäten und das Besichtigen von berühmten Sehenswürdigkeiten. Zum Kontakt und Austausch mit Einheimischen kommt es außerhalb der dafür vorgesehenen Welten aber in solchen Fällen selten.
Handfeste Beweise
Eine weitere Eigenheit des touristischen Verhaltens, zeigt sich darin, die mitgebrachten Images und Vorstellungen von der Reise, nicht nur wahrzunehmen und zur Realität werden zu lassen, sondern in weiterer Folge auch festzuhalten. Die nicht greifbare Dienstleistung der Reise verwandelt sich durch Souvenirs, Ansichtskarten, Filmen oder Fotografieren in etwas Handfestes, das auch in der Heimat weiterwirkt und in gewisser Weise als Beweis dient dort gewesen zu sein. Weil sich der Erfolg des Urlaubes erst in der schönen Erinnerung zeigt, wird auf das Nachwirken der Erlebnisse bereits von Beginn an hingearbeitet.
Quellen:
- Cohen, Eric (1988): Authenticity and Commodity in Tourism. In: Annals of Tourism Research, 15/1988. S. 371-386.
- Heider, C. (1992): „Fiesta Italiana“ mitten in der Türkei. In: AZ, 18.07.1992.
- Krippendorf, Josef (1996): Die Ferienmenschen. Für ein neues Verständnis von Freizeit und Reisen. Vom Autor leicht gekürzte Neuauflage. Bern: Zyglogge.
- Maislinger-Parzer, Maria (2005): Die Sinnstiftung von Erlebniswelten in der Multioptionsgesellschaft. In: Popp, Reinhold: Forschung Urstein GmbH (Hg.): Zukunft:Freizeit:Wissenschaft. Festschrift zum 65. Geburtstag von Univ.Prof.Dr. Horst W. Opaschowski. Wien Lit Verlag. S. 363-375.
- Mandel, Birgit (1995): Wunschbilder werden wahr gemacht. Aneignung von Urlaubswelt durch Fotosouvenirs am Beispiel deutscher Italientouristen der 50er und 60er Jahre. Frankfurt: Peter Lang GmbH, Europäischer Verlag der Wissenschaften.
- Schober, Reinhard (1993): (Urlaubs-) Erleben, (Urlaubs-) Erlebnisse. In: Hahn, Heinz/Kagelmann, H.Jürgen (Hg.): Tourismuspsychologie und Tourismussoziologie. Ein Handbuch zur Tourismuswissenschaft. München: Quintessenz. S. 137-140.
- Wöhler, Karlheinz (2005): “Wo was los ist”. Zur Topographie touristischer Erlebniswelten. In: Wöhler, Karlheinz (Hg.): Erlebniswelten. Herstellung und Nutzung touristischer Welten. Münster: LIT Verlag. S. 17-28.
