Verharmlosung von frei verkäuflichen Medikamenten

Tabletten: Für manche Menschen eine Sucht - Jetti Kuhlmann, Pixelio
Tabletten: Für manche Menschen eine Sucht - Jetti Kuhlmann, Pixelio
Insbesondere bei frei verkäuflichen Medikamenten wird selten auf ein mögliches Suchtpotential hingewiesen.

Egal, ob Nasensprays, Abführmittel oder Schmerzmittel: Auf das Suchtpotential frei verkäuflicher Medikamente wird in der Regel nicht hingewiesen, wie auch die Sendung „markt“ (21. Februar 2011, WDR) festgestellt hat. Manche Arzneimittel machen schneller abhängig als der Konsument glauben mag.

Nasensprays: Ca. 120.000 Abhängige in der Bundesrepublik

Nasensprays, die gegen Schnupfen wirken sollen, zählen zu den frei verkäuflichen Arzneien. Häufig wird jedoch unterschätzt, dass bereits ein zehntägiger Gebrauch dieser Präparate wie etwa Nasivin oder ratiopharm Meerwasser-Nasenspray abhängig machen kann. Normalerweise sind die Nasenschleimhäute selbst in der Lage, ihren Feuchtigkeitshaushalt zu regulieren, beim dauerhaften Gebrauch von Nasensprays kommt es jedoch dazu, dass der Körper nach relativ kurzer Einnahme nicht mehr ohne die Hilfe von außen auskommt. Die Folgen sind: Trockene Nasenschleimhäute, die in der Folge verschorfen, sodass der Betroffene das Gefühl hat, die Nase sitzt zu und erneut zu Nasenspray greift. Im ungünstigsten Fall, so die Ausführungen eines Arztes, kann der Dauergebrauch von Nasensprays dazu führen, dass auch die Nasenscheidewand angegriffen wird.

In der oben genannten markt-Sendung wurde von einer Dame berichtet, die seit über 50 Jahren jeden Tag mehrfach Nasenspray nimmt und unruhig wird, wenn sie kein entsprechendes Präparat griffbereit hat – ein klassisches Kennzeichen für eine Abhängigkeit. Ebenso schilderte sie die oben aufgeführten körperlichen Symptome.

Offiziell wird davon ausgegangen, dass in Deutschland etwa 120.000 Menschen von Nasensprays abhängig sind, die Dunkelziffer dürfte jedoch weitaus höher liegen. Laut der Sendung „markt“ hat die Pharmaindustrie allein mit dem Verkauf von Nasensprays im vergangenen Jahr 23 Millionen Euro umgesetzt.

Frei verkäufliche Schmerzmittel und Suchtpotential

Zu den in der Apotheke rezeptfrei erhältlichen Schmerzmitteln zählen unter anderem Neuralgin, Aspirin/ASS, Thomapyrin, Paracetamol und Ibuprofen (bis 400 Milligramm) – Tabletten mit höherer Ibuprofen-Dosis sind verschreibungspflichtig.

Gerade Analgetika (Schmerzmittel), die zusätzlich zu den schmerzstillenden Wirkstoffen noch Coffein enthalten, stehen im Verdacht, ein höheres Suchtpotential zu beinhalten als andere Schmerztabletten. Ein Beispiel für ein frei verkäufliches Schmerzmittel mit Coffein-Anteil ist Neuralgin.

Je nach Dosierung und Wirkstoff können bis zu sechs Tabletten pro Tag eingenommen werden, wobei in den Beipackzetteln darauf hingewiesen wird, dass zwischen den einzelnen Einnahmen mindestens sechs Stunden liegen sollen. Auch der Hinweis, dass Schmerzmittel nicht über einen längeren Zeitraum ohne ärztlichen oder zahnärztlichen Rat angewendet werden sollen, ist zwar auf manchen Packungen oder zumindest im Beipackzettel nachzulesen, dennoch kommt es immer wieder zu einer Abhängigkeit von Schmerzmitteln, das heißt, der Betroffene hat das Gefühl, nicht mehr ohne die Tabletten auskommen zu können und nimmt auch teilweise prophylaktisch etwas ein, auch wenn gerade keine Schmerzen zu spüren sind.

Körperliche Folgen von Schmerzmittelmissbrauch

Hierzu zählen im Einzelnen:

  • Angegriffene Magenschleimhaut, sodass es zu Blutungen, Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüren kommen kann, da der Magen in der Folge einen Überschuss an Säure produziert. Selbst bei bestimmungsgemäßem Gebrauch raten viele Ärzte dazu, zusätzlich zu den Schmerztabletten säurehemmende Medikamente einzunehmen (zum Beispiel Pantozol Control). Bei Patienten, die nicht aufgrund von chronischen Schmerzen, sondern zur Behandlung und Prophylaxe von Gefäßverschlusskrankheiten (Herzinfarkt, Schlaganfall, Thrombosen sowie damit zusammenhängende Autoimmunerkrankungen) auf eine jahrelange oder sogar lebenslange Einnahme von Aspirin oder ASS angewiesen sind, ist eine zusätzliche Einnahme von magenschützenden Tabletten ebenfalls zu empfehlen, da die in Aspirin beziehungsweise ASS enthaltene Acetylsalicylsäure, die ein Verklumpen der Blutplättchen verhindern soll, ebenfalls die Magenschleimhaut angreifen kann.
  • Kopfschmerzen trotz Einnahme von Schmerztabletten. Es wird zwar im Beipackzettel darauf hingewiesen, dass bei Missbrauch Kopfschmerzen auftreten können, die nicht durch eine höhere Dosierung des Präparats behandelt werden dürfen, von Abhängigen wird dieser Hinweis jedoch meist ignoriert. In der markt-Sendung vom 21. Februar 2011 wurde von einer Dame berichtet, die zeitweise eine ganze Packung Schmerztabletten am Tag eingenommen hat, obwohl maximal sechs Tabletten pro Tag als Höchstdosis angegeben waren.
  • Nach jahrelangem Missbrauch kann es entweder zu dauerhaften Leberschädigungen und/oder einer Niereninsuffizienz (eingeschränkte Funktionsfähigkeit mindestens einer Niere) kommen. Manche Patienten sind in späteren Lebensjahren aufgrund durch dauerhaften Schmerzmitteleinnahme geschädigter Nieren sogar auf eine Dialyse beziehungsweise Nierentransplantation angewiesen.

Schmerzmittel: Ein hoher Wirtschaftsfaktor

Wie markt festgestellt hat, wurden im Jahr 2010 950 Millionen Euro mit frei verkäuflichen Analgetika umgesetzt. Angaben über die Zahl der schmerzmittelabhängigen Personen in Deutschland wurden nicht gemacht. Ein Vertreter der Pharmaindustrie versuchte gar, die aus dem regelmäßigen Konsum von Schmerzmitteln resultierenden Probleme zu verharmlosen.

Meist sind Schmerzmittel maximal in Packungsgrößen von 20 Tabletten erhältlich. Dennoch ergab ein Testkauf in einer Apotheke, dass die Apothekerin der Kundin sogar bis zu drei Packungen à 20 Tabletten verkauft hätte, was also 60 Schmerztabletten entspricht. Auf die Frage nach einer möglichen Abhängigkeit wurde überhaupt nicht eingegangen.

Abführmittel: Ebenso verharmlost wie Nasensprays

Ähnlich wie bei Nasensprays kommt der Darm nach relativ kurzer Zeit nicht mehr ohne die Hilfe von außen aus, sodass infolge dessen eine Abhängigkeit von Laxantien (Abführmitteln) entstehen kann. Dennoch entsteht bei Werbespots für Dulcolax und ähnliche, frei verkäufliche Präparate der Eindruck, als wenn keine körperlichen und psychischen Folgen durch die regelmäßige Einnahme entstehen könnten. Normalerweise ist der Darm selbst in der Lage, seine Perestaltik (Bewegungen zur Stuhlausscheidung) zu steuern, kommt jedoch bei regelmäßiger Einnahme von Abführmitteln nicht mehr ohne diese aus, sodass es ohne die Einnahme des Präparats zu weiteren Verstopfungen kommt, die dann vielfach wiederum mit erhöhten Dosen des Medikaments behandelt werden.

Natürliche Abführmittel statt pharmazeutische Mittel

Als natürliche Abführmittel bei Darmträgheit haben sich eingeweichtes Dörrobst, Sauerkraut und lauwarmes Bier bewährt, sodass fraglich ist, ob Abführmittel tatsächlich in allen Fällen notwendig ist. Allerdings ist die Anwendung der natürlichen Abführmittel natürlich dem Umsatz der Pharmaindustrie abträglich.

Quellen:

markt vom 21. Februar 2011 (WDR, 21 Uhr)

Dr. med. K. U. Benner (Hg.): Gesundheit und Medizin heute. Augsburg 2002

Dorling/Kindersley (Hg.): Praxishandbuch Medizin und Gesundheit. Wissen, Ratschläge, Selbsthilfe. Starnberg 2002

___________________

Bildnachweis:

Tabletten mit Wasserglas: © Jetti Kuhlmann, Pixelio

Zeppelin mit Thomapyrin-Werbung: © Rike, Pixelio

Alexandra Döll, Autorin, Marina Hong, Düsseldorf

Alexandra Döll - Persönliche Daten: geboren 1974 in Essen, wohnhaft ebendaFamilienstand: ledig, keine KinderAbitur 1993, anschließend ...

rss