Verkommt der Profifußball zum Menschenhandel?

Neo-Kolonialismus der europäischen Vereine ruft Politik auf den Plan

Dämmert es den Vereinen bald? - Dan Kamminga
Dämmert es den Vereinen bald? - Dan Kamminga
Das pietätlose Millionenspiel mit den Talenten im Fußball nimmt überhand. Der FC Chelsea ist mit einem Transferverbot der erste Verein, der dafür bestraft wurde.

In den 1990er waren einst Nigerianer wie Jay Jay Okocha oder Nwanko Kanu die Exportschlager Afrikas im professionellen Fußball. Heute sind Samuel Eto'o (Inter Mailand), Didier Drogba (FC Chelsea) oder Emanuel Adebayor (ManchesterCity) die Helden vieler junger aufstrebender Nachwuchstalente. Die Erfolgsstory a la Eto'o, mit Titeln, Ruhm und Geld, bleibt aber in den meisten Fällen aus und endet für die aus Afrika und Lateinamerika gelockten Talente oft im totalen Fiasko.

Europäische Vereine auf Einkaufstouren durch die Dritte Welt?

Bereits 2003 warf FIFA-Präsident Sepp Blatter in seiner Kolumne in der Londoner "Financial Times" den international angesehen Traditonsclubs aus England, Spanien und Italien Menschenhandel vor. Viele junge Nachwuchs-Kicker aus Übersee wurden und werden immer wieder mit lukrativen Angeboten, vielversprechenden Verträgen und einer visionären Aussicht auf den Status eines Drogbas nach Europa gelotst. Die Reisekosten übernehmen oftmals die skrupellosen Spieleragenturen. Dann ist der Spieler auf sich allein gestellt – oder eher gesagt die vermittelte Ware. Schaffen die Jugendkicker, deren Pässe oftmals gefälscht sind, es nicht eigenständig, Verträge an Land zu ziehen, droht ihnen in einem Worst-Case-Szenario die Straße. Blatter nennt dies "Neo-Kolonialismus" und attackiert dabei insbesondere die Scout-Abteilungen der großen europäischen Vereine, die gerne auf "Einkaufstouren" in die Dritte Welt oder Schwellenländer gehen.

Blatter: "Neo-Kolonialismus" breitet sich aus

Doch wenn Blatter 2003 noch in erster Linie die Spitzenclubs als Vorreiter für diesen Neo-Kolonialismus im Profisport beklagte, fand sich dieses Schema F nicht nur in den Spitzenligen England, Spanien, Deutschland, Italien oder Frankreich wieder, sondern hatte sich bereits auf Ligen aus der zweiten Reihe, wie Niederlande und Belgien, ausgedehnt. Das Geschäft mit den Juwelen und Stars von morgen ist zu ertragreich, als dass man es links liegen lassen könnte. Zu viele vermeintliche Förderer, Agenten, Scouts und Vermittler hängen längst in der Maschinerie "Nachwuchsfußball" mit im Boot – und verdienen sich an den Fähigkeiten der Jugendlichen dumm und dämlich. Begünstigt wird diese Entwicklung zunehmend mehr von den astronomischen Umsatzzahlen (2008 lag die Zahl der 20 umsatzstärksten europäischen Klubs bei 3,7 Milliarden Euro) der Geldmaschine Profifußball.

Transferververbot für FC Chelsea als Exempel

Dass sich die Problematik seit Blatters Kolumne 2003 nicht verflüchtigt hat, zeigte das im September 2009 verhängte Transferverbot für Roman Abramowitschs FC Chelsea. Den Chelsea-Bossen wurde vorgeworfen, den Teenager Gael Kakuta, damals noch in Diensten des französischen Erstligisten RC Lens, 2007 zum Vertragsbruch genötigt zu haben. Die FIFA antwortete mit einer drakonischen Strafe und watschte die "Blues" mit einem Transferverbot von einem Jahr ab. In diesem Zeitraum darf Chelsea keine Spieler aus dem In- und Ausland verpflichten und muss somit notgedrungen mit derselben Truppe in die nächsten zwei Spielzeiten gehen. Zusätzlich wurde der heute 18-Jährige Kakuta mit 750.000 Euro bestraft – dafür haftet allerdings auch Chelsea. Der Verein von der Stamfordbridge muss zudem eine Ausbildungsentschädigung von 130.000 Euro an den RC Lens überweisen.

Rummenigge spricht vom "Kidnapping"

Mit dem Transferverbot gegen Chelsea wurde somit ein erstes Exempel in der Problematik der Transfes von Nachwuchstalenten im Profifußball statuiert. Dennoch war dies nur der Anfang. Karl-Heinz Rummenigge, Vize-Präsident des deutschen Rekordmeisters FC Bayern München, knöpfte sich im Zuge des Transferverbots gegen Chelsea einen weiteren Premierleague-Klub vor. Zielscheibe der Kritik war Arsenal Londons Trainerguru Arsène Wenger. Rummenigge rieb sich besonders daran, dass Wenger jedes Jahr "Heerscharen" von Spielern hole – dies grenze an "Kidnapping". Wenger wies die Kritik zurück und unterstrich das hervorragende Förderungsprogramm des Klubs bei der Integration ausländischer Talente. Es bleibt dennoch ein komischer Beigeschmack, wenn man Jahr für Jahr beobachtet, dass Wenger scheinbar spielend leicht das nächste jugendliche Spielerjuwel aus dem Hut zaubert und zum Weltstar macht.

Politik soll Menschenhandel stoppen

Der UEFA und der FIFA ist das Problem durchaus bewusst, welches zuweilen Kreise bis in die Politik zieht. Der ehemalige Profi-Fußballer Jean-Claude Mbvoumin rief die EU bereits 2007 zur aktiven Mithilfe durch Gründung einer "Charta der Solidarität im Fußball" und durch die Installierung von Informationszentren in Afrika auf. Dadurch sollen jungen Spielern Illusionen über den Traumjob "Fußballer" genommen werden. Vielversprechernder erscheint allerdings die schärfere Überwachung der Spielerkader der Vereine durch die Einwanderungs- und Arbeitsbehörden.

Letztlich gilt es, die "Ware Spieler" wieder mit ethischen Werten zu behandeln. Denn man vergisst scheinbar im Business, dass es sich immer noch um junge Menschen handelt – und nicht um Wertanlagen innerhalb eines im Profifußball neuentstandenen sogenannten Neo-Kolonialismus.