Verlassene Orte Berlins: Die Eisfabrik in Mitte

Die Eisfabrik an der Spree - Jessy Medernach
Die Eisfabrik an der Spree - Jessy Medernach
Trist hält die Eisfabrik die Stellung an der Spree zwischen modernen Gebäudekomplexen. Bürgerinitiativen kämpfen für den Erhalt der historischen Fabrik.

Einst war sie Eislieferant zahlreicher Lebensmittelhandlungen und Gastronomiebetriebe Berlins. Heute ist die Eisfabrik dem Zerfall überlassen, nun droht der endgültige Abriss.

Die Norddeutsche Eiswerke AG: Gründung der Eisfabrik durch Carl Bolle

Carl Bolle gründete 1876 die Norddeutsche Eiswerke AG mit verschiedenen Standorten in Rummelsburg, Köpenick und am Plötzensee. 1896 entstand das erste Hochkühlhaus Berlins in der Köpenicker Straße 40/41 am Ufer der Spree. Bald wurde das Fabrikgelände erweitert und mit zwei Wohnhäusern versehen.

Die Lage an der Spree hatte zwei Vorteile: Das Natureis konnte vom Fluss abgetragen werden und gleich in den Kühlhäusern gelagert werden. Außerdem konnte das Eis später über die Spree leicht verschifft werden. Doch genau diese Lage gefährdet heute die Eisfabrik, da der Standort im Rahmen der Mediaspree wieder hoch attraktiv geworden ist.

Von den verschiedenen Gebäuden sind heute noch das Kessel- und das Maschinenhaus sowie ein Wohnhaus erhalten. Das zweite Wohnhaus wurde während des Zweiten Weltkriegs zerstört. Die Kühlhäuser wurden 2010 trotz Protesten abgerissen. Dabei ist die Eisfabrik in Mitte eine der ältesten erhaltenen Europas und sogar die Eismaschine der Firma Linde AG hat die Jahre überdauert. Somit ist die Eisfabrik ein historisch wertvoller Zeuge der Eisindustrie.

Die Gewinnung von Natureis

Als das Herstellen von künstlichem Eis noch zu kostenintensiv war, wurde das Eis während des Winterfrostes von Flüssen und Seen abgetragen. Das Frosteis musste mindestens zehn Zentimeter dick sein, dann konnte es mit einem Eispflug „geerntet“ werden. Zahlreiche Arbeiter und Pferde zersägten das Eis in Quadrate. Diese wurden über eine Hebevorrichtung, dem sogenannten „Paternosterwerk“, vom Wasser in den Schuppen gehievt und dort gelagert.

Die Schuppen waren mit Wänden aus Sägespänen und Holz, später auch Kork, versehen, die den Erhalt des Eises bis Juni oder Juli gewährleisteten. Die Brandgefahr der Schuppen stellte jedoch ein Risiko dar, dem viele Kühlräume zum Opfer fielen. Es kam auch immer wieder zu großen Verlusten durch das Zerbrechen der Platten. Über die Spree wurden die Eisplatten an Fleischhandlungen, Brauereien, Restaurants und andere Lebensmittelhandlungen geliefert.

Die Herstellung von künstlichem Eis in der Eismaschine der Firma Linde AG

Natureis hatte jedoch zwei große Nachteile: Erstens war die Gewinnung vom Winterfrost abhängig, zweitens war es oft verunreinigt, was so manches gesundheitliche Opfer forderte. Mit dem Fortschritt der Industrialisierung wurden immer mehr Eismaschinen entwickelt. 1914 kam auch in der Eisfabrik in der Köpenicker Straße eine Pressluftmaschine der Firma Linde AG zum Einsatz.

Mittels einer Dampfmaschine wurde eine Kompressionspumpe angetrieben, die ein Gas, im Falle der Eisfabrik Ammoniak, verflüssigte. In dem Eisgenerator verdampfte das Ammoniak und kühlte eine Salzlösung. In diese Salzlösung wurden Zellen mit Wasser gelegt, aus denen Eisstangen entstanden. Eine solche Maschine konnte zwischen 75 und 2.000 Kilogramm Eis pro Stunde produzieren. Da sich die meisten kleineren Lebensmittelhandlungen und Gastronomiebetriebe keine eigene Eismaschine leisten konnten, waren sie auf das Eis aus industrieller Herstellung angewiesen.

Den vorliegenden Informationen zufolge sind Dampfmaschine, Schwungrad, Eisgenerator und Dampfkessel der Eismaschine in der Köpenicker Straße noch erhalten. Da die Eigentümer TLG Immobilien den Zutritt auf das Gelände untersagt, basiert dies jedoch auf älteren Quellen.

Bürgerinitiativen gegen die Pläne der TLG Immobilien GmbH

Die DDR machte die Eisfabrik volkseigen und nach der Wende übernahm die Berliner Kühlhaus GmbH die Firma. Der Betrieb wurde erst 1995 ganz eingestellt. Seitdem ist die Eisfabrik dem Verfall überlassen, die Kühlhäuser wurden 2010 abgerissen. Lediglich das Wohnhaus ist noch ziemlich gut erhalten, bedarf jedoch dringend einer Sanierung.

Die Eigentümer - die TLG Immobilien GmbH - sind Mitglied im Mediaspree-Projekt und haben eigene Pläne: Ein großer Glasklotz soll auf dem Gelände am Rande der Spree entstehen, der Eisfabrik droht somit das endgültige Ende. TLG wirbt zwar mit dem Erhalt der Gebäude, dies bezieht sich jedoch lediglich auf das Wohnhaus. Dies stößt auf Proteste seitens der Bürger. Sowohl die Initiative zum Erhalt der Eisfabrik, die Initiative der Mieter des Wohnhauses, als auch das Projekt „Mediaspree versenken“ bemühen sich um die Instandhaltung der denkmalgeschützten Eisfabrik.

Dabei ist der Erhalt der Fabrik allein aus historischen Gründen sehr interessant: Die Eisfabrik ist eine der ältesten Europas und die technischen Einheiten der Linde AG sind noch weitgehend intakt. Die verschiedenen Gebäude sind außerdem ein wichtiges Beispiel der neoklassizistischen Ziegelarchitektur. Das Kesselhaus prunkt mit tempelartigem Giebel mit zahlreichen Dekorationselementen. Beispiele wie die Umwandlung der Eisfabrik „Matadero“ in Madrid zum Kulturzentrum zeigen, wie man das Gelände wieder attraktiv machen könnte, wäre man einem solchen Projekt gegenüber nur positiv gesinnt.

Quellen und weiterführende Literatur:

Initiative zum Erhalt der Eisfabrik

Informationen zur Eisgewinnung: Artikel aus der Zeitschrift "Die Gartenlaube" (1895)

Informationen zur Eisfabrikation

Artikel der Historischen Kälte- und Klimatechnik e.V. zur Rettung der Eisfabrik (2008)

Broschüre der TLG „Visionen, Projekte und Objekte“

Street Art Video “Eisfabrik”

Fotos der Eisfabrik

Jessy Medernach, Jessy Medernach

Jessy Medernach - Lebt seit einem Jahr in Berlin, stammt aus dem kleinen Luxemburg und ist hin und her gerissen zwischen dem lärmenden, schmutzigen, ...

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