
- Vermittlungsgespräche - Gerd Altmann
Das Vermittlungsgespräch in den Arbeitsagenturen folgt in der Regel einem einfachen, standardisierten Schema. Die Arbeitsvermittler müssen sich beim Vermittlungsgespräch an ein von der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit (BA) vorgegebenes Gesprächsraster halten. Für die Klärung von individuellen Voraussetzungen, Problemen, Bedürfnissen, Wünschen und Erwartungen des Arbeitssuchenden bleibt bei dieser Art des Vermittlungsgespräches kaum Raum.
Zu diesem negativen Ergebnis über die Qualität der Vermittlungsgespräche kommt jedenfalls eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie des Sozialwissenschaftlers Volker Hielscher von der SRH Fachhochschule Heidelberg und des Organisationberaters Peter Ochs, die entsprechende Vermittlungsgespräche in Arbeitsagenturen ausgewertet haben.
Erster Kontakt beim Vermittlungsgespräch
Zur Untersuchung der Qualität von Vermittlungsgesprächen wurden fünf Arbeitsagenturen in Regionen mit unterschiedlichen Arbeitsmarktsituationen ausgewählt. Im Rahmen der Studie zu den Vermittlungsgesprächen differenzierten die Wissenschaftler dann zwischen den folgenden fünf Typen von Vermittlungsgesprächen:
- Im Rahmen eines Aushandlungsprozesses formulieren Arbeitsvermittler und Arbeitssuchender im Vermittlungsgespräch ihr jeweiliges Ziel und einigen sich auf ein gemeinsames Vorgehen. Beide Seiten stehen sich hierbei im Vermittlungsgespräch praktisch als gleichberechtigte Partner gegenüber. Leider zählten die Wissenschaftler nur zwei solcher idealtypischen Fälle. Die übrigen 40 beobachteten Gespräche verliefen anders.
- Bietet der Arbeitsvermittler seine unterstützende Dienstleistung an, so geht er zumindest auf die Arbeitssuchenden ein, soweit es das vorgegebene Pflichtprogramm gestattet. Beim Vermittlungsgespräch versucht er eine Strategie zu entwickeln, die von den Vorstellungen des Arbeitssuchenden ausgeht. Insgesamt 17 Gespräche entfielen auf diesen Typus.
- Bei der bürokratischen Interaktion dominiert die "Herrschaft der Verwaltung" das Vermittlungsgespräch. Auf das Anliegen des Arbeitsuchenden wird kaum eingegangen. Missverständnisse und ratlose Arbeitssuchende sind häufig die Folge solcher Vermittlungsgespräche. Die Wissenschaftler zählten immerhin elf von diesen Vermittlungsgesprächen.
- Bei der Als-ob-Interaktion verhalten sich beide Seiten strategisch, gehen nicht aufeinander ein, versuchen aber, währendes des Vermittlungsgespräches Konflikte zu vermeiden. Der Vermittler macht im Vermittlungsgespräch Vorschläge, die aus seiner Sicht eine schnelle Arbeitsmarktintegration ermöglichen. Dabei nimmt er allerdings keinerlei Rücksicht auf die Wünsche und Vorstellungen des Arbeitslosen. Der Arbeitssuchende geht im Vermittlungsgespräch zum Schein darauf ein, obwohl er andere Ziele verfolgt – etwa eine berufliche Neuorientierung.
- Bei der Abwehr von Ansprüchen stemmen sich die Arbeitsvermittler gegen die Pläne der Arbeitssuchenden: Der Wunsch nach einem Branchenwechsel oder einer Umschulung wird im Vermittlungsgespräch abgelehnt, Schwierigkeiten – zum Beispiel bei der Kinderbetreuung – werden ignoriert.
Nach dem Vermittlungsgespräch
Direkt nach dem Vermittlungsgespräch ordnen die Arbeitsvermittler den jeweiligen Arbeitssuchenden einer von vier Kategorien zu: von Marktkunden, die keine besondere Unterstützung benötigen, bis Betreuungskunden, die vermutlich in den kommenden zwölf Monaten keine neue Arbeit finden werden, wie zum Beispiel ältere Arbeitnehmer oder Arbeitnehmer mit geringer Qualifikation.
Während sich die Hilfe bei Qualifizierung und Jobsuche aber auf die Betreuungskunden konzentrieren sollte, bemühen sich die Arbeitsvermittler tatsächlich vor allem um die leichter zu Vermittelnden, weil sich der Mitteleinsatz aus ihrer Sicht hier eher rentiert.
Qualität der Vermittlungsgespräche
Nach Ansicht der Wissenschaftler sind diese Rahmenbedingungen kaum geeignet, den individuellen Bedürfnissen der Arbeitsuchenden gerecht zu werden.
Über die standardisierten Profilabfragen gelingt es nur selten, die Voraussetzungen und Fähigkeiten der Arbeitslosen für eine weitere berufliche Entwicklung korrekt zu erfassen. Für ein eingehendes Vermittlungsgespräch bleibt angesichts der Fülle der abzuarbeitenden Prozeduren kaum Zeit, so jedenfalls die Auffassung der Wissenschaftler.
