Die Moderne tanzt schwindelig um zwei Goldene Kälber, das Geld und die Vernunft – Geld als das Vermögen, das Verhalten seiner Mitmenschen zu kontrollieren, Vernunft als das Vermögen, über die reine Abstraktionstätigkeit der Sinneswahrnehmung hinaus die gewonnenen Begriffe zu regulieren und dem Verstand Prinzipien zu setzen. Die moderne Gesellschaft mit ihrer fortgesetzten Spezialisierung, Arbeitsteilung, Ausdifferenzierung von Funktionsbereichen beruht auf dieser Vernunft. Und das ist schon ein bemerkenswerter Vorgang, denn das Leitbild der Vernunft suggeriert eigentlich Unteilbarkeit; Prinzipien gelten oder sie tun es nicht; sie gelten aber nicht zum Teil. Wie kommt es, dass das unteilbare Prinzip Rationalität so viele verschiedene gesellschaftliche Bereiche mit ihren eigenen Verfahrensweisen hervorgebracht hat? Von der Beantwortung dieser Frage hängt nicht zuletzt ab, inwieweit man überhaupt an die Möglichkeit einer Konsensgesellschaft glaubt.
Das klassische Vernunftkonzept
Das gesamte Vernunftkonzept beruht auf einer zweiwertigen Form, die einen Entscheidungsraum begrenzt; diese Zweiwertigkeit wird durch die Werte Wahr und Falsch vorgegeben; vernünftig ist dann diejenige Denkweise, die die Entscheidung zugunsten des wahren Wertes trifft und sich bewusst von dem Falschen abgrenzt. Das gilt nicht allein für die theoretische Ebene, sondern auch für die Praxis; eine rationale Handlung ist eine richtige Verhaltensweise, die dem Kriterium der Wahrheit genügt. Das Richtige ist also immer auch das Wahre.
Moderne Unübersichtlichkeit
So weit das Prinzip. Die graue Wirklichkeit sieht anders aus. Man kann es drehen und wenden, wie man will, alle Gesichtspunkte ins Kalkül ziehen, eine an der Wahrheit orientierte Entscheidung treffen – eine zweite Person kommt hinzu, widerspricht, manchmal gar vehement, und erklärt das Gedachte für unvernünftig. Das lässt einen Dritten nicht ruhen, der flugs seine Sicht der Dinge darlegt, die, wie nicht anders zu erwarten war, besagt, dass seine Vorredner im Unrecht sind. Und Nummer Vier ist nicht weit. Die Volksweisheit, dass viele Köche den Brei verderben, ist nicht allein auf das kulinarische Gebiet beschränkt. Wie sieht es zum Beispiel mit der Reform der sozialen Sicherungssysteme aus? Partei X schlägt A vor, Partei Y denkt eher an B, man einigt sich auf C, Partei Z brandmarkt handwerkliche Mängel, die C davon abhalten, D zu werden, Partei Z hält es eher mit Wirtschaftsverband a und weist nach, dass die ganze Debatte allein E zur Folge hätte und schlägt vor, das Thema eher in einem Gesamtzusammenhang unter dem Aspekt 1 zu diskutieren. Das ruft Sozialverbände auf den Plan, die den Aspekt 1 vehement verneinen. So zieht Zeit ins Land.
Vernunft als Prozess
Als jemand, der zu keiner der genannten Gruppierungen gehört, hat man zwei Möglichkeiten; entweder man macht es sich leicht und spricht jeder einzelnen die Vernunft ab oder man ahnt, dass die Vernunft als übergreifendes Einheitsprinzip allein mehrere Teilrationalitäten erzeugen kann, die, jede für sich, berechtigt sind, aber nicht mehr übergreifend zusammenpassen. Anders gesagt: es beschleicht einen das Gefühl (!), dass man mit Rationalität allein noch nicht vernünftig handelt. Was betriebswirtschaftlich gesehen sinnvoll ist, kann volkswirtschaftlich betrachtet Anlass zur Sorge geben; was unter dem Gesichtspunkt des sozialen Friedens notwendig ist, kann die Wirtschaft schwächen, was den Frieden wieder gefährdet. Vernunft ist also eine vernünftige Konstruktion: jeder reklamiert für sich, über sie zu verfügen, bis er feststellt, dass er mit diesem Anspruch nicht ganz allein dasteht. Also macht man sich auf die Suche. Vernunft liegt also allein im Prozess der Auswahl zwischen der wahr/falsch-Alternative, nicht in der Entscheidung selbst. Vernunft hält das ganze im Gang; sie findet aber kein Ende. Das kann man nur deklarativ ausrufen und ‚Staatraison’ nennen und alle, die nach der Vernünftigkeit dieses Vorgehens fragen, in Lager pferchen.
Vernunft und Intelligenz
Die heutige Gesellschaft leidet also nicht unter einem Mangel an Vernunft; im Gegenteil, durch die Ausbildung von verschiedenen Interessengruppen, die spezifische Vernunftpositionen vertreten, ist es ihr gelungen, das Vernunftproblem rational zu handhaben. Nur – intelligent ist das nicht. Intelligenz besteht gegenüber der Vernunft darin, eine Perspektive zu entwickeln, innerhalb derer man erst eine Wahlalternative zwischen wahr und falsch formulieren kann. Durch die Zugehörigkeit zu einer Partei, einem Verband oder wozu auch immer hat man dagegen bereits eine vorgegebene Perspektive angenommen. Die Behandlung der wahr-/falsch- Unterscheidung bekommt dann etwas Vorgefertigtes, Erwartbares, Reflexartiges. Die vernünftigen Argumente für oder gegen die Gesundheitsreform hat nun wirklich jeder gehört.
Und auch deshalb macht sich öffentlicher Verdruss breit. Man ahnt, dass die Debatte hoch rational ist. Daher das intelligente Misstrauen gegenüber allen vernünftigen Kombattanten.
