
- "Durchhalten". Bildpostkarte Erster Weltkrieg - Sammlung Giesbrecht
Der Erste Weltkrieg sorgte bereits im Kriegsjahr 1915 für erhebliche Versorgungskrisen, die im Kriegsjahr 1916 ihren ersten Höhepunkt fanden: Die Fleischversorgung brach weitgehend zusammen.
Propaganda für fleischfreie Gerichte
Im Februar 1916 – erstmals wurde der Fleischmangel auch in der privaten Hauswirtschaft spürbar – präsentierte der Nationale Frauendienst in Oldenburg eine spezielle Ausstellung so genannter „kriegsmäßiger“ Gerichte. Diese, auf die aktuelle Fleischknappheit abhebende Ausstellung wurde außergewöhnlich gut besucht. Bis auf die Straße drängten sich die Einlass begehrenden Besucherinnen, um die fett- und fleischarmen Speisen zu versuchen, die von Hausfrauen der Stadt gestiftet worden waren. „Alle möglichen Suppen, Gemüse, Puddings, Salate, Fischgerichte, usw. luden zur Prüfung und Beurteilung ein. Wem es gelungen war, sich bis an die (in der Kriegszeit mag der Ausdruck vielleicht passieren können), also bis an die Krippe heranzuarbeiten, konnte im kleinen Saale an dazu bestimmten Tischen sich niederlassen und das Erstandene in Ruhe verzehren. Die meisten Damen zogen aber vor, den mühsam erkämpften Platz an der Quelle auch recht auszunutzen und den Neid der weniger vom Glück Begünstigten zu erwecken“ [1].
Närhefe als Fleischersatz
Angesichts des anhaltenden Fleischmangels blieb der Hausfrauenverein auch in den folgenden Monaten in der Nahrungsmittelpropaganda aktiv. Während seiner Monatsversammlung im April präsentierte der Verein kleine, aus Nährhefe gebackene Kuchen, die ihres hohen Eiweißgehalts wegen als probates Fleischersatzmittel angepriesen wurden. „Natürlich läßt sich das Eiweißbedürfnis des Menschen mit Nährhefe allein nicht decken, dem stehen in jedem Falle Geschmacksrücksichten entgegen. Aber als Zusatz zu Suppen, zu Kartoffelbrei u. dergl., als Ergänzung einer sonst eiweißarmen Kost kann sie heute wohl empfohlen werden“ [2]. In diesem Sinne plante der Verein auch eine Vorführung von Muschelgerichten, „um dieses billige Nahrungsmittel weiten Kreisen nahezubringen“ [3].
Resteverwertung in Kriegszeiten
In den folgenden, von zunehmender Verknappung und Rationierung gekennzeichneten Monaten blieb den Frauenverbänden kaum eine andere Wahl, als sich in ihrer Ausstellungstätigkeit mehr und mehr auf die Präsentation solcher Gerichte zu konzentrieren, die entweder aus Resten hergestellt wurden, oder zum Ersatz jeweils besonders knapp gewordener Nahrungsmittel dienen konnten. Eine gut besuchte „Gelatinespeisenausstellung“ Anfang Dezember 1916 etwa sollte zeigen, „daß eine geschickte Hausfrau auch mit den bescheidensten Zutaten noch etwas Ansehnliches und Wohlschmeckendes auf den Tisch zu zaubern vermag; jeder noch so kleine Rest an Fleisch, Gemüse, Fischen gibt noch eine Sülze für den Abendtisch, jedes Saftüberbleibsel eine Nachtischspeise, und dabei hat die Gelatine, wie uns das Kochbuch versichert, nicht nur die schätzenswerte Eigenschaft, daß sie 5/6 des notwendigen Eiweißes der Nahrung ersetzen und daher wohl als Fleischersatz gebraucht werden kann, sondern sie hat auch bei Krankheiten, wie Fieber usw., ausgezeichnete Wirkungen erzielt, ja sie ist sogar besonders geeignet, die gefürchtete Aderverkalkung zu verhüten und das Leben zu verlängern“ [4].
Lebensmittelpropaganda bis Kriegsende
Im weiteren Verlauf des Krieges sollte die Nahrungsmittelversorgung schließlich zusammenbrechen. Vor allem der Kriegswinter 1916 / 1917, der so genannte „Steckrübenwinter“, sorgte auch in Oldenburg für Hunger und Entbehrung. Gleichwohl suchten die Frauenvereine auch weiterhin, dem eklatanten Mangel mit einer bald skurrilen Nahrungsmittelpropaganda zu steuern. Brenneseln, aber auch Surrogate und sonstige Ersatzmittel aller Art, die nachweislich kaum zu genießen waren, wurden schließlich beworben. Dabei verlor die Versorgungsarbeit, die die Frauenverbände jahrelang geleistet haben, schließlich doch ihre Glaubwürdigkeit und wurde regelrecht kontraproduktiv.
Anmerkungen
[1] Nachrichten für Stadt und Land, Nr. 39, 10.02.1916, S. 387.
[2] Ebenda, Nr. 98, 09.04.1916, S. 91.
[3] Ebenda.
[4] Nachrichten, Nr. 336, 08.12.1916, S. 665.
