Anfang Februar 2008 haben Deutschland und Polen einen langen, seit dem Jahre 2000 andauernden, Streit über das in Berlin geplante Vertriebenenzentrum beendet. Damals hat Polen mit großer Empörung auf den Vorschlag vom Bund der Vertriebenen und ihrer Präsidentin Erika Steinbach reagiert.
Zwei Sichten
Während der „Spiegel“ über die endgültige Absage seitens Polens berichtete, meldeten polnische Zeitungen einen Durchbruch. Polen werde sich an dem Projekt des „sichtbaren Zeichens“ zwar nicht beteiligen, aber es werde ihm mit „freundlicher Neutralität“ begegnen. Der Begriff „Vertriebenenzentrum“ erscheint in diesem Zusammenhang selten in den polnischen Berichten. Man meidet dieses Wort, sichtlich bemüht, die alte Polemik nicht aufs Neue loszutreten.
„Gazeta Wyborcza“, eine der größten polnischen Zeitungen, kommentierte dieses Ereignis unter dem Titel: „Deshalb war es gut, mit Deutschen zu sprechen“. Darin lesen wir, dass der erreichte Kompromiss beide Seiten zufrieden stellen kann. Polen akzeptiere das deutsche Projekt und werde gegen eine Einrichtung des „sichtbaren Zeichens“ der Vertreibung in Berlin nicht mehr protestieren. Es wird nicht mehr um Details gezankt, wie die zukünftige Ausstellung aussehen wird, schreibt „Gazeta Wyborcza“. Man sei zuversichtlich, dass die deutsche Regierung eine falsche Entwicklung nicht zulasse.
Falsch aus der polnischen Sicht wäre, wenn das Andenken an die Vertriebenen ohne den historischen Kontext geschehen würde und die Opfer als Täter dargestellt würden. Der polnische Regierungsbeauftragte für Kontakte mit Deutschland Prof. Wladyslaw Bartoszewski betont, wie wichtig es ist, zwischen Ursachen und Folgen zu unterscheiden.
Aus diesem Grunde solle auch der 70. Jahrestag des Überfalls auf Polen am 1. September 1939 eine große Bedeutung erlangen. Deutschland hat ihre Unterstützung versprochen: sowohl bei der Restaurierung von Westerplatte, wo die ersten Schüsse im Krieg fielen, als auch bei der Einrichtung des Kriegs- und Friedensmuseums in Danzig. Darüber hinaus plant man eine Ausstellung in Berlin über das polnische Martyrium im Krieg.
Die Vertreibung
Die Vertreibung ist keineswegs ein Thema, das erst am Ende des Zweiten Weltkrieges in Erscheinung tritt. Die Geschichte dieses Massenphänomens reicht in das 19. und überschattet das 20. Jahrhundert. Sie betrifft sowohl Deutsche als auch Polen.
Der Forschungsstand in den beiden Ländern ist sehr unterschiedlich. In Polen, wie auch in der Ex-DDR war das Thema sehr lange ein Tabu. Die Vertriebenen durften dort eigentlich nicht existieren. Sie hießen „Repatrianten“ und „Umsiedler“.
In Westdeutschland dagegen erschienen zahlreiche Studien und Untersuchungen, unzählige Veröffentlichungen. Dennoch ist die Vertreibung immer noch zu wenig erforscht. Die Gründe dafür sind vielfältig. Der Zugang zu den Akten in den Staaten des Ostblocks war versperrt. Philipp Ther weist in seinem Buch „Deutsche und polnische Vertriebene“ auf ein anderes großes Defizit der westdeutschen Vertriebenenforschung hin: Die meisten Arbeiten setzen ohne nähere Begründung erst im Jahr 1945 ein. „Plötzlich sind sie da, die Flüchtlinge und Vertriebenen“.
Der neu erreichte Kompromiss bringt mit sich eine Chance, sich des wichtigen und brisanten Themas gründlich anzunehmen und aus möglichst vielen Seiten zu beleuchten.
