
- Radpause am Oppidum La Roque de Viou - Judith Weibrecht
Fünf Radwege folgen dem Hinterland der französischen Mittelmeerküste und bieten römische Hinterlassenschaften satt. Auf grünen Wegen, kleinen Nebenstraßen oder Feld- und Waldwegen führen die Rundkurse um die älteste Römerstraße Via Domitia durch Languedoc-Rousillon. Im 2. Jahrhundert vor Christus wurde mit ihrem Bau begonnen. Einst verband sie Rom mit seinen Provinzen in Spanien und führte so auch durch Gallien, die Provinz Gallia Narbonensis. Auf den geschichtsträchtigen Routen fanden Handelsgüter, Nachrichten aber auch Truppen mit römischen Streitwagen schnell ihren Weg. Auch heute noch, über 2.100 Jahre danach, lassen sich ihre Hinterlassenschaften besichtigen, und zwar per Rad.
Fahrradroute 1 Das Oppidum von Nages-et-Solorgues über das antike La Vaunage
Küsschen links, Küsschen rechts, Küsschen links. Es schmatzt. „Bonjour in Südfrankreich!“, sagt Monsieur vom Hotel in Vergèze. „Hier wird dreimal geküsst.“ Und wie haben sich die Römer begrüßt? Bestimmt anders.
Aus Vergèze geht es hinaus aufs Land durch die Garrigue. Die Garrigue ist eine trockene Landschaft mit immergrünen Büschen und Macchia auf Kalkstein. Hier wachsen die berühmten Kräuter Südfrankreichs: Oregano, Rosmarin, Thymian, Lavendel. Zistrosen lugen hervor. Dazwischen liegen Weinberge, Olivenhaine und verschlafene hübsche Dörfer. Der Wind pfeift, bläst einem Lieder in die Ohren. Die Äste ächzen und erzählen Geschichten. Durch ein kleines Waldstück geht es in Richtung Boissières, ein drahtiger, vielleicht 80-jähriger Jogger weist den Weg: „Hier lang, oder da lang, das ist egal! Bonne route!“, ruft er und ist schon wieder im Wald verschwunden.
Auf dem Rad nach Bossières und zu den Oppida von La Roque de Viou und Nages
Dort findet heute ein sonntäglicher Markt statt. Alles ist auf den Beinen: Kinder reiten auf Eseln, Erwachsene decken sich mit Pflanzen ein, mit Wurstspezialitäten aus der Corrèze, mit Weinen aus der Region. Eine Weinprobe ist ein Muss, ein netter Mann aus dem Dorf schleppt die „cyclistes“ aus „Allemagne“ zum Stand. „Bonjour!“ heißt es wieder wie so oft auf den ländlichen Routen durch Languedoc-Rousillon. Eine Dégustation ist Ehrensache, so sieht also die mediterrane Variante des Radwanderns aus. Doch nur ein kleiner Schluck, denn der steile Aufstieg zu den Oppida von La Roque de Viou und Nages folgt auf dem Fuß. Oppida sind auf Lateinisch kleine Städtchen. So nannten die Römer einst ihre befestigten Siedlungen. Diese hier liegen hoch oben auf einem Kalkfelsen, die Blicke fallen weit ins Land. Durch die strategisch günstige Lage fiel den Einwohnern die Verteidigung gegen Angreifer aus der Ebene leicht. Umwallungen, ein Turm, ein Tempel sowie Wohnhäuser sind zu erkennen. Französische Wanderer und Radfahrer schauen erstaunt die alten Steine und Ruinen an.
Nun kann man auf dem Chemin Poissonier zurück nach Vergèze und vorbei an Langlade radeln. In Langlade findet heute ebenfalls ein Markt statt: Flohmarkt. Oder man weitet die Runde aus und fährt über die voie verte, eine still gelegte Bahntrasse, bis ins sehenswerte Sommières und von dort aus zurück. Sommières ist jedoch auch teil der Fahrradroute 2 um die Via Domitia.
