Victor von Bülow oder Loriot - und "Der gute Ton"

Der gute Ton - Loriot
Der gute Ton - Loriot
Ein frühes Büchlein aus dem Jahr 1957 wurde Angelpunkt eines Lebenswerkes. Vicco ist gestorben

Es war die naturnotwendige Fortsetzung des „Unentbehrlichen Ratgebers für das Benehmen in feiner Gesellschaft“ aus dem Jahr 1956. Es war nur ein Jahr später schlicht „Der gute Ton“. Ein Handbuch der feinen Lebensart, verfasst und bebildert von einem, der es von Haus aus wissen musste, war er doch adligen Geblüts. - Am 23. August 2011 ist Bernhard Victor Christoph Carl von Bülow, salopp Vicco (mit zwei C) genannt, im Alter von fast 88 Jahren gestorben. Und wenn er seinen Tod erlebt hätte, dann wäre ihm sicher der ihm zum Ritual gewordene Satz entfahren, „Das wäre jetzt wirklich nicht nötig gewesen“. Loriot also.

Spiegel kleinbürgerlicher Wirklichkeit

Irgendwie, im Rückblick auf ein unüberschaubares Lebenswerk des Humoristen, des feinsinnigen Satirikers (falls es das gibt), kreist eigentlich das meiste, was er zwischen 1955 und der Jahrtausendwende geschaffen hat, in vielen inhaltlichen Facetten um jenes frühe Büchlein, um den guten Ton also. Denn es war in den Anfangsjahren der Bonner Republik ein Spiegel kleinbürgerlicher Wirklichkeit, wie sie sich breit gemacht hatte. Die Leute haben reingeschaut in diesen Spiegel, haben gelacht – und haben nicht gemerkt, dass sie sich selbst auslachen.

Parodie auf den Anstandswahn

Die Menschen in der Bundesrepublik Deutschland Mitte der 1950er Jahre „waren wieder Wer“, fühlten sich jedenfalls so. Und da war es kein Wunder, dass es vom Knigge bis zum Werk von Frau von Pappritz viele Bücher über den guten Benimm auf dem Markt gab. Aber, um in den Worten eines frühen Rezensenten zu sprechen, „selten eines, das so treffsicher, mit einer so hintergründigen Ironie die brüchigen Stellen der gesellschaftlichen Konvenienz anpeilt“ – wie „Der gute Ton“ des Loriot. Und die Zürcher Weltwoche schrieb 1957, hier seien „Wort und Bild eine ungemein witzige dialektische Einheit; zusammen bilden sie eine wahrhaft komische, grausame, entlarvende Parodie“ auf den „Anstandswahn“ jener Tage.

Was tun bei atomaren Detonationen?

Die brüchigen Stellen gesellschaftlicher Konvenienz also hat Loriot seinerzeit im „Guten Ton“ aufzuspüren gesucht – und das hat er dann sein ganzes Leben lang im gesamten Werk so gehalten. Im Vorwort zu dem Büchlein schrieb Loriot im Sommer 1957: „Diese Aufzeichnungen sind nur für den ganz kleinen Kreis von Herrschaften bestimmt, deren Umgangsformen noch nicht von jener letzten Elegance gekennzeichnet werden, die heute schon breitesten Bevölkerungsschichten zur Selbstverständlichkeit geworden sind“. Dabei entschuldigte er sich damals zugleich für eine „gewisse Unvollständigkeit in der Behandlung moderner Themen“. Und so grämte er sich darüber, dass er keine Tipps geben konnte zum „weltmännischen Verhalten bei Detonationen atomarer Projektile in Entfernungen von vier Metern und darunter“.

Die Männer mit Knubbelnase im Stresemann

Dafür aber gab er detaillierte Empfehlungen zum Verhalten beim Dinner wie beim Picknick im Freien, zum Verhalten gegenüber weiblichen Einbrechern, Handkuss eingeschlossen, zur Eroberung von Damen, „Abschleppen“ inklusive – kurzum Empfehlungen in allen Lebenslagen. Der „Elegance“ war es geschuldet, dass Loriot die Herren der Schöpfung zwar stets mit Knubbelnase – aber immer im Stresemann – auftreten ließ. Loriots Geschöpfe waren somit stets „viel zu sehr mit dem Versuch beschäftigt, den äußeren Anschein einer respektablen Person zu wahren, als dass sie bemerken konnten, wie sehr sie sich mit diesem Versuch lächerlich machen.“ So hat es Stefan Kuzmany in einem Nachruf gesagt.

Zwischen Irrenhaus, Zuchthaus und Friedhof

Also hat Loriot der bundesrepublikanischen Gesellschaft einen Spiegel vorgehalten – und sie hat sich köstlich darüber amüsiert, ohne sich selbst zu entdecken. Er hat es mit leisem Augenzwinkern getan, ohne dass es bösartig wirkte. Aber es war häufig bösartig – mit einem leichten Augenzwinkern. Was ihn geprägt hat, so zu wirken und so zu werden, hat er einmal selbst bekannt: „Als ich anfing zu studieren, wohnte ich zwischen dem Irrenhaus, dem Zuchthaus und dem Friedhof. Allein die Lage wird es gewesen sein“.

Und in späten Jahren lebte er zwischen Möpsen, zwischen einem Rudel von Möpsen… Auch das prägt. Er hat einmal gesagt: „Ohne Möpse ist ein Leben zwar möglich, aber sinnlos“. Vielleicht war auch dies ein Spiegel kleinbürgerlicher Wirklichkeit.

Klaus J. Schwehn, Klaus J. Schwehn

Klaus J. Schwehn - Daß ich Journalist geworden bin, verdanke ich dem Umstand, daß mir meine Eltern kein Studium finanzieren konnten. (Ich ...

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