Drei deutsche Erstaufführungen gab es neben Traditionslasten ferner Ballettepochen und einer witzigen Pointe in der Gala zu sehen, mit der das Staatsballett Berlin am 28. September die Saison 2011/12 in der Deutschen Oper eröffnete.
In Gala zur Gala
Das Publikum hat sich größtenteils passend in Gala geworfen bzw. in das, was mitten in der Woche darunter verstanden werden kann. Manche Damen glänzten in großer Toilette samt Stola, andere durch schicke Cocktail-Couture. Die älteren Herren ab 40 kamen wie gewohnt im schwarz-grau-anthrazit-dunkelblau gehaltenen Anzügen. Wenn der Herr etwas wagte, trug er Jeans mit Retro-Turnschuhen; die Jüngeren kamen in Stylingimpulsen modischer Bekleidungsketten. Man war also festlich gestimmt, und das Haus bis auf Restplätze ausverkauft.
Großer Aufwand, geringer Ertrag
Doch hat sich der Aufwand gelohnt? Acht Choreographien wurden dramaturgielos aneinander gereiht, bis die Kompagniespitze nahezu komplett über die Bühne geführt war. Die Choreographien sollten Lust auf die kommende Spielzeit machen. Also gab es die eine Mischung aus Klassik und Moderne, letztere ohne jedes Verstörungspotenzial, erstere mit jeder Menge Staub. Dabei nahmen sich das Auftakt-Pas de deux aus dem Petipa-Ballett „Rast der Kavallerie“ (müsste es nicht eigentlich Last heißen?) von 1892 und die deutsche Erstaufführung der Malakhov-Choreographie „Die Vier Jahreszeiten“ gegenseitig nichts. Der Vierteiler zu Giuseppe Verdis Divertissement aus der Sizilianischen Vesper ist in Kostüm und Beleuchtung höchst plakativ, und choreographisch genauso belanglos wie bei der Wiener Uraufführung 2001 als Teil des „Verdi-Ballett: Ein Maskenball“. Wen wundert es, dass bei diesen Übungen in Eleganz der Funke nicht überspringen will. Tänzerische Herausforderungen waren das nicht, und so begann und endete der Galaabend eher glanzlos.
Immerhin machte der Pas de deux „Araz“ der türkischen Choreographin Zeynep Tanbay nach der Musik von Philip Glass, eine deutsche Erstaufführung, Lust auf mehr. Intendant und Erster Solotänzer Vladimir Malakhov tanzt mit Elisa Carrillo Cabrera um ein, von Scheinwerfern gebildetes, Rechteck herum den Selbstfindungsprozess eines Paars. Eine stille eindrückliche Leistung. In einer weiteren deutschen Erstaufführung stemmte der Ballettchef, diesmal mit Mikhail Kaniskin, einen weiteren Pas de deux: „Clear“. Dessen perfekt sitzende Pointe war – abgesehen von den nicht immer exakt dargebotenen Gegenläufigkeiten der Choreographie von Stanton Welch, derzeit Houston, Texas – die einmal kurz über die Bühne durchgereichte Maria Boumpouli.
Ausblick auf die Saison: Klassik und Modern
Mit Itzik Galilis Trio „Das Sofa“ (1995) blickt das Staatsballett ein wenig in die kommende Spielzeit, in der neben den Premieren der Übernahmen von Heinz Spoerlis „Peer Gynt“ und John Crankos „Romeo und Julia“ unter anderem auch eine Uraufführung Galilis auf dem Spielplan steht. Jedenfalls haben Soraya Bruno, Leonard Jakovina und Michael Banzhaf das Dreiecksgeschichtchen zwischen Frau und Mann und Mann und Mann brillant bis in die Applauschoreographie hinein durchgetanzt.
Ballettsaalroutine statt tänzerische Leichtigkeit
Genau dieser Glanz und tänzerische Leichtigkeit fehlten ansonsten fast gänzlich. Ballettsaalroutine prägte den Abend, als hätte es Nijinski, Nurejew, Balanchine, Béjart und das Tanztheater nie gegeben. Sicherlich tanzen alle formidabel. Aber letztlich waren alle unter ihrem Möglichkeiten gefordert, tänzerisch wie inhaltlich. Augenfällig wurde das beim Pas de deux von Beatrice Knop und Dmitry Semionow im „Sommer“ überschriebenen dritten Teil der Vier Jahreszeiten.
Dem Publikum hat es dennoch gefallen, musste es auch, schließlich war es eine Gala. Und so feierte es Kompagnie, Ballettchef und das Orchester der Deutschen Oper unter Robert Reimer freundlich.
Die nächsten Termine des Staatsballetts Berlin sind am Sonntag, 2. Oktober, in der Deutschen Oper der Ballettklassiker „La Esmeralda“ nach Victor Hugos „Der Glöckner von Notre-Dame“ mit der exquisiten Ballettmusik von Cesara Pugni und am Mittwoch, 5. Oktober, in der Komischen Oper Berlin Giorgio Madias Tanzstück für Kinder ab sechs Jahren, „OZ – The Wonderful Wizard“ auf Kompositionen von Dmitri Schostakowitsch. Der Premierenreigen des Staatsballetts beginnt am 18. November mit Heinz Spoerlis Ballett "Peer Gynt" in der Deutschen Oper Berlin.
