Viel Wirbel um neue Zugverbindungen in Andalusien

Durchs Hinterland führt die Zugtrasse - Reinhard Hefele
Durchs Hinterland führt die Zugtrasse - Reinhard Hefele
Die Costa del Sol verlor gegen das Hinterland und erhält keinen Küstenzug mit EU-Geldern.

Die Deutsche Karin Brehmer in Marbella-Nueva Andalucia kennt die Geschichte der Costa del Sol seit über 40 Jahren: „Schon als ich 1967 hier an die Costa del Sol kam, gab es das Gerücht eines geplanten Küstenzuges. Aber damals wie heute frage ich mich: Wo sollte der denn entlang gehen? Soll er die Strände entlang fahren und diese beeinträchtigen wie an der Riviera? Soll er durch all die neuen Urbanisationen hindurch gehen oder dahinter über und durch die Berge?“ Karin Brehmer hätte übrigens von ihrem Appartement auf den geplanten Bahnhof in Marbella geblickt, wenn, ja wenn dieses lang gehegte Projekt Wirklichkeit geworden wäre.

Diese Pläne sind nun Makulatur. Die Europäische Union erteilte dem Küstenzug zwischen Málaga und Algeciras Ende Oktober eine Absage. Stattdessen soll die vorhandene Trasse von Algeciras über Bobadilla, Ronda, ausgebaut und eine Anbindung von da nach Sevilla und Antequera geschaffen werden. Gebaut wird bereits jetzt schon an der auch vorhandenen Strecke von Granada nach Almeria. Von dort geht es inzwischen schon längst weiter nach Valencia. Damit bestünde dann zwischen den wichtigen Häfen Barcelona, Valencia, Sevilla und Algeciras endlich eine wichtige Zugverbindung. In Andalusien ist vor allem der Hafen Algeciras sehr interessiert an dieser Strecke, zeigt er doch eine beeindruckendes Wachstum und hat sich inzwischen mit 371,8 Millionen Tonnen Umschlaggüter im letzten Jahr nach Barcelona und Sevilla zum drittwichtigsten Containerhafen Spaniens entwickelt.

Kaum Befürworter des Küstenzuges unter Ausländern

Für die neue Zugtrasse übers Hinterland der Costa del Sol gibt es nun die begehrten Fördergelder der Europäischen Union, auch finanzielle Unterstützung der andalusischen Landesregierung wie der in Madrid. Doris de Monchy, seit 21 Jahren ansässig an der Costa del Sol: „Ich finde es gut, dass der Zug über Ronda und die Bergdörfer fährt, dann haben die auch etwas davon. Spanien hat im übrigen meiner Meinung nach andere Probleme, als Geld für diesen Küstenzug hinaus zu schmeißen. So ein Nonsens, hier an der Küste wieder Tunnel ausgraben zu wollen.“

Mit dieser ihrer Ansicht steht die Holländerin im krassen Gegensatz zu den spanischen Lokal-Politikern der Küsten-Gemeinden in der Provinz Málaga. Dort hub großes Wehklagen an nach dieser Entscheidung aus Brüssel bei den Gemeindevertretern von Málaga, Marbella, Estepona, Manilva, Benahavis, Casares, Mijas, Fuengirola, Torremolinos. Als Argumente werden angeführt die Vernachlässigung der Infrastruktur einer der wichtigsten Touristenregionen, die enttäuschten wirtschaftlichen Erwartungen, die entgangenen Arbeitsplätze. Die Bürgermeister/innen der genannten Gemeinden gucken sozusagen bildlich in die Röhre, die sie sonst zahlreich an der Küste entlang für die Zugtunnels gebaut hätten, denn nun gibt es kein neuerliches Sprudeln von EU-Fördergeldern zu diesem Zweck. Böse Zungen behaupten, nun kann man dem Schwager, der eine Baufirma hat, keine Aufträge zuschanzen, sich nicht ablichten lassen beim Durchschneiden des Bandes zur Freigabe neuer Tunnels, hat sich vielleicht auch im einen oder anderen Fall verspekuliert mit dem Erwerb von Trassengrundstücken durch Strohmänner.

Gut oder schlecht für den Tourismus?

Ein Defizit für den Tourismus? Den Tourismus, der sich am Flughafen abholen läßt, der den nun inzwischen wirklich vorbildlichen Flughafenbus bis Marbella und Estepona nutzt oder die Golfer mit Ausrüstungen, die sich einen Leihwagen nehmen? Wer, mal ganz im Ernst gefragt, hätte denn den Zug genutzt? Ein paar Rucksacktouristen, auf die die Küstenorte mitnichten scharf sind? Die arbeitende Bevölkerung, die dann zusehen kann, wie sie zwischen den Bahnhöfen weiter kommt?

Ebba Douglas Hill, Deutsch-Chilenin, die seit ihrer Kindheit, seit 1961 an der Costa del Sol lebt, äußert spontan: „Es ist doch Wahnsinn, einen Zug hier an der Küste durchzuführen! Das alles kann man doch viel besser mit guten Autobusverbindungen lösen. Die sind übrigens katastrophal und da muss was getan werden.“ Dem stimmt auch Friederike Dohrmann zu, Tierärztin und Fincabesitzerin mit Reittourenbetrieb bei Casares: „Aus meiner Sicht muss kein Küstenzug sein. Was hat man nicht schon alles kaputt gemacht im Umland. Das wäre ja mit den vielen Tunnels erst einmal wieder eine Dauerbaustelle geworden, und Spanien ist schon Baustelle genug.“

Der letzte Stand: Die Gemeinschaft der Küstengemeinden der Costa del Sol will weiterhin nachdrücklich fordern, dass ein Zug die Küste entlang fährt. Inzwischen protestiert aber auch das Bergdorf Ronda, das vom Geldsegen der Europäischen Union profitieren sollte, gegen die Zugtrasse: sie führe einerseits durch ein von derselben Europäischen Union geschütztes Naturschutzgebiet und nehme andererseits keine Rücksicht auf Besiedelungen.

Quellen:

  • Vor Ort geführte Interviews am 7. und 8. November 2011
  • SUR deutsche Ausgabe, Málaga vom 10.11.2011
  • SUR-Campo de Gibraltar vom 08.12.2011
Dr. Gabriele Hefele, Reinhard Hefele

Dr. Gabriele Hefele - Dr. phil. Gabriele Hefele gewann bereits mit 13 Jahren einen Preis für eine lustige Olympiareportage. Sie schrieb mit 17 ein ...

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