Für die Amtskirchen ist die vegetarische Lebensweise Jesu und der Jünger, der christlichen Urgemeinde und der Kirchenväter bis heute ein Tabu. In einer Vielzahl der so genannten apokryphen, also verborgenen oder geheimen Evangelien und in anderen heiligen und weltlichen Schriften ist die tierfreie Nahrung der ersten Christen, die „Nazoräer“ genannt wurden, jedoch belegt.
Dem vegetarischen oder sogar veganen Speisegebot liegt ein absolutes Verständnis des 5. Gebotes – „Du sollst nicht töten“ – zugrunde. Für zahlreiche Kirchenväter war es selbstverständlich, sich hieran zu halten – und seine Notwendigkeit zu verbreiten.
Blutopfer ist Abgötterei
So schrieb der griechische Kirchenschriftsteller und Kirchenlehrer Clemens von Alexandrien (ca. 150 bis 215): „Demgemäß lebte der Apostel Matthäus von Samenkörnern, hartschaligen Früchten und Gemüse ohne Fleisch. Und Johannes, der die Mäßigkeit im äußersten Grade übte, aß Blattknospen und wilden Honig. – Die blutigen Opfer aber, so glaube ich, wurden nur von den Menschen erfunden, welche einen Vorwand suchten, um Fleisch zu essen, was sie auch ohne solche Abgötterei hätten haben können.“
Abscheu vor Tierblut
Als die Christen beschuldigt und angeklagt wurden, Menschenopfer zu erbringen, entgegnete der Kirchenvater Quintus Septimus Tertullianus (wohl 160 – 221) in dem Bewusstsein, dass er seinen Kopf riskiere: „Wie soll ich es bezeichnen, dass ihr glaubt, wir seien nach Menschenblut begierig, da ihr doch wisst, dass wir das Tierblut verabscheuen.“
Fleischgerichte sind tugendlos
Der Erzbischof von Caesarea, Basilius der Große (330 – 379), Kirchenvater und Patriarch der orientalischen Mönche, lebte ebenfalls im umfassenden Frieden mit den Tieren, deren Fleisch er niemals zu verspeisen gedachte: „Solange man mäßig lebt, wird das Glück des Hauses sich mehren. Die Tiere werden sich in Sicherheit befinden; man wird kein Blut vergießen, keine Tiere töten. – Die Tafel wird nur bedeckt mit Früchten, welche die Natur spendet, und man wird sich damit genügen lassen. Johannes der Täufer hatte weder Bett noch Tisch noch Erbteil, noch Rind noch Getreide noch Bäcker noch irgendwelche notwendigen Lebensbedürfnisse; daher verdiente er das Lob, welches der Sohn Gottes ihm zollte, dass er der größte aller Menschenkinder sei. Man kann schwerlich die Tugend lieben, wenn man sich an Fleischgerichten und Festmahlen erfreut.“
Unterschlagung durch die Kirche
Der Heilige Hieronymus (ca. 348 – 420), der die Bibel aus dem Hebräischen und Griechischen ins Lateinische übersetzte, nahm eine herausragende Stellung unter den Puristen ein. Der Fall Hieronymus ist typisch für die Unterschlagung der vegetarischen Lebensweise bedeutender Christen durch die Kirche(n). In den Lexika und Kirchengeschichten heißt es allenfalls, er sei „Asket“ gewesen. In Wirklichkeit war seine streng vegane Lebensweise Dreh- und Angelpunkt seines gesamten Geistes- und Gottesverständnisses; Hieronymus ist ohne seinen in der Liebe zu Tieren begründeten Veganismus überhaupt nicht zu verstehen.
„Der Heiligen Leben und Leiden, anders genannt das Passional“ ist eine 1913 im Insel-Verlag erschienene Sammlung mittelalterlicher Heiligenlegenden. Sie gehen bis zur legenda aurea des 13. Jahrhunderts zurück. Hier erfährt man im 1. Band noch die Wahrheit über die Lebensweise des Hieronymus:
"War ihm Fisch und Fleisch zuwider"
„Und peiniget seinen Leib sehr mit Hunger und Durst und auch mit harten Kleidern, und trank in fünfzig Jahren nie nichts, weder Wein noch Bier noch Met. Und war ihm Fisch und Fleisch alles zuwider, und mocht sein nicht genießen. Und trug alle Zeit schnöde Kleider, und lag nur auf der Erde, und aß alle Tage nur einmal, das waren Blätter und Wurzeln. Und war nimmer müßig, er las oder schrieb oder prediget dem Volke. Und hütet sich auch vor unnützen Worten als vor einer Sucht. – Und las oft von dem Morgen bis an den Abend ungegessen und ungetrunken. Da merkten viele Leut gar bald sein heiliges Leben, und kamen viele Menschen zu ihm und wurden seine Jünger.“ So lebte ein gottgläubiger Veganer um 400 nach Jesus Christus.
Bis zur Sintflut kein Fleisch
Hieronymus ist die tiefste christlich-theologische Begründung des Vegetarismus überhaupt zu verdanken: „Der Genuss des Tierfleisches war bis zur Sintflut unbekannt; aber seit der Sintflut hat man uns die Fasern und die stinkenden Säfte des Tierfleisches in den Mund gestopft; wie in der Wüste warf man dem murrenden, sinnlichen Volk Wachteln vor. Jesus Christus, welcher erschien, als die Zeit erfüllt war, hat das Ende wieder mit dem Anfang verknüpft, so dass es uns jetzt nicht mehr erlaubt ist, Tierfleisch zu essen.“
Der Mensch: Schlimmer als Tiere?
Auch der berühmteste Kirchenschriftsteller Griechenlands, Johannes Chrysostomus (354 – 407), Primas von Konstantinopel, klagte an: „Wir folgen dem Wege der Wölfe und den Gewohnheiten der Tiger; oder vielmehr sind wir noch schlimmerer Art. Jene hat die Natur auf Fleischnahrung angewiesen, uns aber begnadete Gott mit vernünftiger Rede und mit dem Sinn der Gerechtigkeit. Und dennoch sind wir schlimmer als die wilden Tiere geworden.“ In seinem 26. Lebensjahr gesellte er sich den Einsiedlern hinzu, deren Lebensweise er so beschreibt: „Keine Ströme von Blut fließen bei ihnen; kein Fleisch wird geschlachtet und zerhackt… – Bei ihnen riecht man nicht den schrecklichen Dunst des Fleischmahles, hört man kein Getöse und wüsten Lärm. Sie genießen nur Brot, das sie durch ihre Arbeit gewinnen, und Wasser, das ihnen eine reine Quelle darbietet. Wünschen sie ein üppiges Mahl, so besteht ihre Schwelgerei in Früchten, und dabei empfinden sie höheren Genuss als an königlichen Tafeln.“
"Ein schändliches Unrecht"
Gregor von Nazianz, Kirchenvater von Kappadozien, prangerte an: „Die Schwelgerei in Fleischgerichten ist ein schändliches Unrecht, und ich wünsche, dass ihr vor allen Dingen bestrebt sein möget, Eurer Seele eine Nahrung zu reichen, welche ewige Dauer hat“. Auch der bedeutendste lateinische Kirchenvater des Altertums, Aurelius Augustinus (354 – 430), ernährte sich ausschließlich pflanzlich. In seiner Schrift De vera religione (II,161,168) zitiert er Paulus, wo dieser empfiehlt, weder Fleisch zu essen noch Wein zu trinken (Röm. 14,21).
Quellen
Skriver, Carl Anders: Der Verrat der Kirche an den Tieren, Höhr-Grenzhausen 1967 u. 1986
Springer, Robert: Enkarpa, Kulturgeschichte der Menschheit im Lichte der pythagoräischen Lehre, Hannover 1884, S. 288ff.
