
- Marlowes Faust - unbekannt, London 1631
Goethe, wie wir ihn kennen: ein Denkmal, Weisheits-Stahl mit dem Prädikatssiegel "Klassik". Doch kaum ein anderer Dichter hatte so viele widersprüchliche Gesichter. "Mein Werk ist das eines Kollektivwesens" befand der Meister selber - ein Bonmot, das vor allem auf die Entstehung des "Faust" zutrifft. Hier reimte der zynische Verächter Goethe neben dem idealistischen Sphärenwandler, der entrückte Geheimrat neben dem jugendlichen Rebell und der Teufelsspuk vermengte sich mit dem Aufklärungsdrama.
Der historische Faust - ein tragisches Mobbing-Opfer
Die Faust-Story beginnt um 1480 vermutlich im württembergischen Knittlingen mit der Geburt von Georg Sabellicus. Ein Himmelsstürmer und Gaukler, der sich "Faustus", d.h. der "Glückliche" nennt. Dieser fahrende Gelehrte, Arzt, Magier und Alchemist ist ein Außenseiter, der die Verdächtigungen auf sich zieht. (So nennt ihn Luthers Mitstreiter Melanchton eine Bestie und "Scheißhaus aller Teufel.") Sabellicus stirbt um 1540, heruntergekommen, eines vermutlich unnatürlichen Todes, was bald die Legende nährt, er sei vom Teufel geholt. Die Mär seiner angeblichen Seelenverschreibung setzt - gerade ist der Buchdruck erfunden worden - eine publizistische Lawine in Gang.
Vom Schreckgespenst zum Himmelsstürmer - Goethes Inspirator Marlowe
1587 erscheint in Frankfurt das erste Faust-Büchlein, die "Historia vom Johann Fausten, dem weitbeschreyten Zauberer und Schwartzkünstler", ein Bestseller, dem innerhalb eines Jahrzehnts 22 Nachdrucke folgen - und zahlreiche fromme Traktate, die den Erkenntnisdrang dieses Satans-Sozius geißeln. Ein Schreckgespenst geht um in Europa und setzt bereits 1588 über den Ärmelkanal: In London erscheint Christopher Marlowes "Tragische Geschichte vom Doktor Faustus". Während Johann Fausten in den Moralschriften zur pädagogischen Abschreckung dient, überhöht Marlowe die Figur zu einem titanischen Empörer gegen die Grenzen der Menschheit, der die Hölle als Ammenmärchen verlacht. Wandernde englische Komödianten reimportieren Faust in der Marlowe-Version nach Deutschland und garnieren ihn mit viel clownesker Action. So beginnt Fausts Karriere als Jahrmarktsbelustigung. Im 18. Jahrhundert - der berüchtigte Hexer geistert inzwischen erfolgreich im Puppenspiel - bemächtigt sich, fast 200 Jahre nach Marlowes Geniestreich, wieder die höhere Literatur des populären Stoffes.
Faust wird zum Aufklärungs-Helden - und zu einer Ikone von "Sturm und Drang"
Im Geiste der Aufklärung versucht zunächst Lessing eine radikale Neubewertung. Er streicht sämtliche Schauer-Effekte - vor allem die Höllenfahrt - um einer philosphischen Essenz willen: Faust ist ein Wahrheitssucher, dessen rastloses Streben dem Licht der Erkenntnis gilt. Der moralische Outcast wird zum Kronzeugen des humanistischen Ideals. Um 1770 erfährt die Fabel vom Doktor Faustus mit einer Vielzahl von Bearbeitungen eine literarische Hochkonjunktur. Unter dem Einfluss einer neuen poetischen Bewegung: dem "Sturm und Drang". Die Avantgarde - zu der auch der junge Goethe gehört - huldigt einem Gefühls- und Geniekult. Faust, der kühne Einzelgänger, den keine Gottes- und keine Höllenfurcht schreckt, Faust, der unersättliche Sinnenmensch und geistige Abenteurer, wird für die "Stürmer und Dränger" zur Identifikationsfigur - und zu einer Lebenaufgabe für Goethe, der sich, 23-jährig, an seine erste Faust-Version, den "Ur-Faust" heranmacht.
