Vielvölkerstaat Afghanistan: Die Staatsentwicklung bis 1978

Afghanische Flagge - Marina Schauer
Afghanische Flagge - Marina Schauer
Seit 1930 steht die Frage nach einem pashtunischen Staat im Raum. Doch aufgrund zahlreicher Ideologien scheint Afghanistan weiter im Chaos zu versinken.

Nach den drei Anglo-Afghanischen Kriegen bis 1919 wurde 1923 eine konstitutionelle Monarchie ausgerufen. Verschiedene Herrscher versuchten, Afghanistan zu einem Staat mit einer religiösen und ethnischen Gemeinschaft zu vereinen, doch zahlreiche Versuche scheiterten.

Nach 1929 kamen nun verschiedene Nationalideologien auf, die weitere Versuche der Einigung nicht einfacher machten.

Nadir Khan und der Nationalismus

Nadir Khan, der erste Herrscher der paschtunischen Khan-Linie, gelang es Ende 1929 Kabul einzunehmen und Habibullah II zu stürzen. Er sicherte die Herrschaft für seine Familie durch eine konstitutionelle Verfassung, die der Amanullahs bis auf einige starke Religionsbezüge sehr ähnlich war.

Khan legitimierte seine Herrschaft durch die Berufung auf den sunnitisch-hanafitischen Islam und dadurch, dass der afghanische Thron von einem Paschtunen besetzt sein müsse. Zudem gewährte Khan den Paschtunen, wie die anderen Herrscher vor ihm ebenfalls, gewisse Vorteile, besetzte allerdings keine einflussreichen staatlichen Ämter mit Paschtunen, da er zwar deren Macht fürchtete, diese jedoch durch weniger einflussreiche Positionen eindämmen wollte. Nadir Khans Tod bedeutete eine erneute Verschlechterung des Verhältnisses zu den Hazara-Stämmen, da ein junger Angehöriger der Hazara Khan tötete.

Um die 1930er Jahre kamen drei verschiedene Ideologien zur Staatlichkeit Afghanistans auf:

  • der islamische Nationalismus:

- sunnitischer Islam als gemeinsame Grundlage, Ausschluss der Schiiten bzw. der Nicht-Muslime aus der Gemeinschaft

- Modernisierung des Landes

- durch die Gründung des sich allein auf den Islam stützenden Pakistans 1949 Abgrenzung über den Islam für Afghanistan unmöglich

  • der arische Nationalismus

- Aufgreifung der Ideen der Jungafghanen

- Konstruktion einer gemeinsamen Landesgeschichte und Betonung der gemeinsamen Herkunft zur Überwindung der gesellschaftlichen Aufspaltungen

  • der pashtunische Nationalismus

- pashtunischer Glaube: Paschtunen sind einzig wahre Arier im Land

- Erhebung von Paschtu zur einzigen Nationalsprache (1936)

- als Dari Wissenschaftssprache wurde, fühlten sich viele paschtunische Studenten benachteiligt

Paschtunistan – eigenständiges Land oder Teil von Afghanistan oder Pakistan?

Durch die Teilung des paschtunisch besiedelten Gebietes des früheren „Afghanistan“ durch den Durand-Vertrag tat sich Mitte des 20. Jahrhunderts die Frage auf, ob „Pashtunistan“ nun ein eigenständiges Land sei oder zu Afghanistan oder doch eher zu Pakistan gehöre.

Zunächst wurde das Gebiet an Pakistan angegliedert, die Pakistani akzeptierten die pashtunische Unabhängigkeit, berücksichtigten jedoch kaum die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Interessen der Paschtunen. Aufgrund der Zugehörigkeitsfrage kam es Mitte der 1950er und Mitte der 1970er Jahre beinahe zu Kriegen zwischen Afghanistan und Pakistan. 1955 forderte Zahir Shah (Sohn des Nadir Khan) eine Wiedereingliederung Paschtunistans in Afghanistan, was jedoch nicht geschah.

Einleitung der Afghanistankrise unter der Herrschaft Mohammad Dauds

Zahir Shah stellte 1964 eine neue konstitutionelle Verfassung auf, die weniger auf Religion basierte als die seiner Vorgänger. Zudem galt die Bezeichnung „Afghane“ nun für jeden Bewohner Afghanistans, nicht nur für die Paschtunen. Die shari’a (das islamische Recht) galt neben westlichen Gesetzen, Dari und Pashtu wurden gleichwertige Nationalsprachen, doch die Vorrangstellung der Pashtunen blieb bestehen. Auch wurden noch mehr Provinzen eingeteilt, um die Stämme weiter aufzuspalten, damit die oberste Herrschaft nicht in Gefahr geriet.

1973 stürzte Mohammad Daud mithilfe der kommunistischen Partei Zahir Shah (und zeigte damit, wie anfällig das derzeitige Regime trotz allem noch immer war), rief eine afghanische Republik aus und stellte 1977 eine neue Verfassung auf. Diese setzte sich aus sozialistischen, nationalistischen und islamischen Werten zusammen, wobei der Islam gegenüber den vorangegangenen Verfassung stark an Bedeutung verlor.

Die Paschtunen wurden wieder stärker in das politische Geschehen integriert und die Paschtunistanfrage gewann wieder an Bedeutung. Durch die April-Revolution 1978 wurde Daud jedoch gestürzt, bevor er seine Ziele erreichte.

Quelle: Schetter, Conrad J.: Ethnizität und ethnische Konflikte in Afghanistan, Berlin 2003, S. 216-281

Schreiben, Celestina Warbeck

Celestina Warbeck - - Studium der Islamwissenschaft und Skandinavistik - Sprachen: Deutsch, Englisch, Arabisch, Türkisch, Schwedisch, Dänisch, ...

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