Vietnamesische Vertragsarbeiter in der DDR

Über 70.000 Vietnamesen arbeiteten in der DDR - Uwe Molt / pixelio.de
Über 70.000 Vietnamesen arbeiteten in der DDR - Uwe Molt / pixelio.de
Sie sollten als Brüder der sozialistischen Staatengemeinschaft ihrer Heimat und ihrem Gastgeber zu Wohlstand verhelfen - doch es kam vieles anders.

Mit dem Regierungsabkommen von 1980 kamen etwa 70.000 Vietnamesen als Vertragsarbeiter in die DDR. Nach den Wirren des Vietnamkrieges und den nachwirkenden sozialen Missständen verließen sie ihr Land in Hoffnung auf ein Leben, das zukünftig einmal besser aussehen würde. Doch die Weltanschauung des Marxismus-Leninismus mit ihrer Doktrin der Völkersolidarität konnte in der Realität ihrem Anspruch nicht gerecht werden - die vietnamesischen Arbeiter waren nicht mehr und nicht weniger als Lösungsversuche für die Probleme beider Planwirtschaftssysteme.

Die ökonomische Schieflage zwingt zum Handeln

Für das Zustandekommen der Regierungsvereinbarung ist vor allem die wirtschaftliche Situation beider Staaten Ende der 70er Jahre von Bedeutung: Vietnam hatte vom 1975 beendeten Krieg in sozialen und wirtschaftlichen Belangen die Folgelasten zu tragen - Hungersnöte, allgemeine Armut und politische Disparitäten mit dem Süden des Landes, der im selben Jahr mit der Wiedervereinigung in das sozialistische System integriert wurde, gehörten zur leidvollen Tagesordnung. Dazu kamen noch militärische Auseinandersetzungen mit der VR China und Kambodscha. Mit dem Abkommen schien sich Vietnam für den eigenen Arbeitsmarkt auf Grund nicht vorhandener Qualifizierungsmaßnahmen und Verdienstmöglichkeiten nicht zur Verfügung stehender Personen entledigen zu können - bei gleichzeitiger Aus- und Weiterbildung in der DDR, durch die die Rückkehrer aktiv am Aufbau des Landes hätten mitwirken können.

Die Intentionen der DDR ergänzten hierbei idealerweise die Vietnams, da sie unter einem immer stärkeren Rohstoff- und Devisenmangel litt, der zu verminderter Produktivität und dem Verschleiß an technischen Anlagen führte. Weil für Sanierungsmaßnahmen aber keinerlei Mittel zur Verfügung standen, die starren Pläne der Zentralverwaltungswirtschaft aber eingehalten werden sollten, füllte die Anwerbung von vietnamesischen Vertragsarbeitern die Lücke der Kompensation. Außerdem zogen Ungarn, Bulgarien und Algerien ihrerseits die in der DDR befindlichen Vertragsarbeiter in den 70er und 80er Jahren ab und verursachten damit einen Mangel an ausländischen Arbeitnehmern, die häufig als einzige bereit waren (und durch Verträge verpflichtet), monotone Tätigkeiten zu übernehmen.

Das Regierungsabkommen und seine Inhalte

Die Vereinbarung bezüglich der Vertragsarbeiter wurde offiziell am 11.04.1980 unterzeichnet und am 01.07.1987 nochmals verlängert - denn durch die Umstellung der vietnamesischen Wirtschaft auf das reformerische System der Ðoi moi 1986 wurden plötzlich weitere Arbeitskräfte freigesetzt. Das Abkommen beinhaltete im Wesentlichen Rechte und Pflichten der vietnamesischen Arbeiter, die nicht nur die betriebliche Tätigkeit selbst, sondern auch private Bereiche umfassten. Auf Grundlage des Abkommens ging jeder Arbeiter einen Verpflichtungsvertrag gegenüber der DDR ein, der fünf Jahre gültig war, aber von Seiten der DDR unilateral aufgekündigt werden konnte. Der Aufenthalt, seine Dauer, örtliche Bestimmungen oder dessen Verweigerung bedurften keiner Begründung und waren damit nicht anfechtbar - und lag somit nicht im Ermessen der Vertragsarbeiter.

Weiterhin hatten als Festlegungen des Regierungsvertrages die Auswahl der Arbeiter (demnach sollten Bewerber zwischen 18 und 35 und ledig sein), der Heimurlaub (nach zwei Jahren Aufenthalt für zwei Monate), Sprachkurse (ein Deutschkurs im Umfang von 200 Stunden), die Unterbringungsverhältnisse sowie finanzielle Transferregelungen (zwölf Prozent des Bruttolohnes wurden den Arbeitern als "Aufbauhilfe des Sozialismus" abgezogen) Bestand. Darüber hinaus wurden Vereinbarungen zum Warentransport nach Vietnam geschaffen. Für die Kosten der Unterbringung hatte der zuständige Betrieb der DDR zu sorgen. Allerdings darf dabei nicht übersehen werden, dass die Beschränkungen wie angesprochen massiv das soziale Leben bestimmten - und das ganz im Sinne des Systems: "Die vietnamesischen Vertragsarbeiter sollen ihr Heimweh überwinden, den deutschen Arbeitsstil erlernen und übernehmen, das Produktionssoll erfüllen und sich auf Deutsch verständigen können, gute Arbeitskontakte aufbauen und nicht negativ auffallen." (Freytag 1998: 276).

Wohnen und Arbeiten in der DDR - das vietnamesische Leben in einem fremden Land

Die Vertragsarbeiter unterlagen zu jedem Zeitpunkt sowohl der Aufsicht der DDR-Behörden als auch der vietnamesischen Botschaft, die gemeinsam die Unterbringung in separierten Wohnheimen organisierten. Durch das Abkommen wurde Ihnen zwar ein Mindestmaß an Wohnqualität zugesichert, jedoch konnte diese besonders im Zuge der stetig steigenden Zahl an Arbeitern ab 1987 nicht mehr gehalten werden - die vorgeschriebene Größe von fünf Quadratmetern pro Person und die maximale Belegung von vier Personen pro Zimmer standen häufig nur mehr auf Papier. Die eigens neu errichteten Wohnheime galten im Vergleich zu den Arbeiterwohnheimen für Deutsche oder den Studentenwohnheimen der DDR als komfortabel und gut ausgestattet, waren aber meistens Ende der 80er Jahre hoffnungslos überbelegt.

Diese Missstände traten jedoch erst im Laufe der Zeit immer offensichtlicher zu Tage - wohingegen restriktive Kontrollmechanismen in den Wohnheimen von Beginn existierten. Das lag vor allem am speziell ausgewählten, also partei- und damit linientreuen Aufsichtspersonal, das sich aus vietnamesischen Funktionären speiste - sie erhielten die Anweisung, keine Regelverstöße zu dulden, da ernsthafte Probleme mit der DDR und der vietnamesischen Botschaft drohten. Die Heimordnung musste also von den Vertragsarbeitern strikt eingehalten werden, weil ansonsten weitere Einschränkungen oder die Heimreise erfolgten. Die meisten Vietnamesen störten vor allem das Besuchsrecht, das den Kontakt mit Deutschen untersagte, die Nachtruhe ab 22 Uhr und das Verlassen des Wohnheims ausschließlich zu Besorgungszwecken - denn was die DDR-Behörden nicht konnten, war, sich auf kulturelle Eigenheiten ihrer Gäste einzustellen.

Ab 1987 kam es in erheblichem Maß zu verstärktem Unmut der DDR-Bürger gegenüber den Vietnamesen: Ihnen war es rein rechtlich nicht untersagt, Waren auf- und wieder zu verkaufen - was sie dann auch taten, um für ihre Familien daheim, die sie durch ihre Tätigkeit in der DDR mitversorgen mussten, maximal zu wirtschaften. In der notorischen Mangelökonomie Ostdeutschlands begeisterte das aber nur die wenigsten, da viele Produkte kaum mehr erhältlich und die Fertigwaren, die die Vietnamesen wieder anboten, kaum billiger waren. Deshalb - und entgegen den Postulaten der anti-rassistischen Weltanschauung - erfuhren die Vietnamesen auch in der DDR Feindsinnigkeit und rassistisch konnotierte Verhaltensweisen. Ausländerfeindlichkeit ist also kein Phänomen der bundesrepublikanischen Geschichte und Gesellschaft, sondern war bereits in der DDR ein Problem - das politisch jedoch nicht existierte.

Ein letzter Problemkomplex bestand in der Tatsache, dass einige vietnamesische Frauen während ihres Aufenthaltes ein Kind erwarteten; und das illegal, da bei einer Schwangerschaft die sofortige Ausweisung erfolgte - oder ein erzwungener Schwangerschaftsabbruch, um weiter in der DDR bleiben zu können. Erst 1989 hob man diesen Paragraphen zugunsten der Vietnamesen auf.

Quellen:

  • Freytag, Mirjam: Die "Moritzburger" in Vietnam. Frankfurt/Main 1998.
  • Krüger-Potratz, Marianne: Anderssein gab es nicht. Ausländer und Minderheiten in der DDR. Münster/New York 1991.
  • Marburger, Helga: "Und wir haben unseren Beitrag zur Volkswirtschaft geleistet." Frankfurt/Main 1993.
  • Weiss, Karin/Dennis, Mike (Hrsg.): Erfolg in der Nische. Münster 2005.
Markus Leithold, Markus Leithold

Markus Leithold - Ich finde, das Leben sollte erfüllt sein, Spaß bereiten und - das Wichtigste - glücklich machen. Beim Schreiben über ...

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