Das Vikunja ist neben dem Guanako das kleinere, wildlebende Schafkamel der Anden. Es wird nur 80 cm hoch und nicht mehr als 50 kg schwer. An Halsansatz und Brust hat es eine weiße Mähne. Vikunjas leben in kleinen Familienverbänden, die aus einem Hengst sowie zwei bis sechs Stuten und deren Fohlen bestehen. Aufmerksamer als die Stuten und Fohlen beobachtet der Hengst die Umgebung. Bei Gefahr stößt er laute Warnrufe aus und gibt das Zeichen zur Flucht.

Er bestimmt auch die Richtung. Diesen Umstand haben sich wohl die frühen Vikunja-Jäger zunutze gemacht. Zuerst streckten sie den Hengst nieder. Die Weibchen und Fohlen blieben dann unschlüssig, beinahe hilflos stehen. Und meist ließ sich ein Tier nach dem anderen ohne jeden Fluchtversuch erschießen. Durch diese grausamen Jagden wurden ganze Familienverbände ausgelöscht.

Beim Kampf beißen und spucken die Hengste

Wilderer, die sie wegen ihrer wertvollen Wolle jagten, aber auch streunende Hirtenhunde, waren den Vikunjas fast zum Verhängnis geworden. Obwohl man sie auch heute noch nicht allzu oft zu Gesicht bekommt, hat sich ihr Bestand in Chile eindeutig erholt. Eine Vikunja-Familie lebt jahrein, jahraus im selben Gebiet, das der Hengst gegen alle Eindringlinge verteidigt. Kämpfe um die Weibchen- und Fohlengruppen finden vorwiegend während der Brunftzeit statt. Wenn zwei Hengste einander begegnen, beschnuppern sie sich zunächst gegenseitig an den Nüstern, am After, an den Drüsen, am Kopf, den Geschlechtsteilen und an der Brust. Das ist ein "Annäherungsritual". Beim eigentlichen Kampf schlagen und beißen die Hengste einander und bespucken sich gegenseitig mit herausgewürgtem Magensaft oder mit halbverdauter Nahrung, bis endlich einer der Rivalen aufgibt und aus dem Revier flüchtet.

Vikunjas haben sich an ihren Lebensraum angepasst

Die Urheimat der Vorfahren aller Kamele ist Nordamerika. Dort haben sie sich in verschiedene Gattungen gespalten. Die einen zogen über die Beringstraße nach Asien hinein. Aus ihnen entwickelten sich die einhöckrigen Dromedare und die zweihöckrigen Trampeltiere. Andere Gruppen zogen im Pliozän-Zeitalter, als die Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika aus dem Meer auftauchte, in den südamerikanischen Raum. Sie waren die Vorfahren der heutigen höckerlosen Kleinkamele.

Das Leben unter extremen Bedingungen, wenn die Temperatur fast jede Nacht unter Null Grad sinkt und tagsüber eine gnadenlose Sonne den Boden ausdörrt, erfordert vom Vikunja ein hohes Maß an Anpassung. Genügsamkeit lässt sie selbst in den vegetationsarmen chilenischen Hochebenen noch ausreichend Nahrung finden. Ein paar Zentimeter unter der obersten Sandschicht gibt es kleine grüne Pflänzchen, die von ihnen zielstrebig freigelegt werden.

Quelle: Eckart Pott: "Das große Ravensburger Tierlexikon von A-Z", Ravensburger Buchverlag 2011, ISBN 3-4735-5074-4