VILLA INTOLLERANZA II auf Kampnagel in Hamburg

Frei nach Luigi Nonos Oper "Intolleranza 1960" bringt Christoph Schlingensief Versuche der Annäherung afrikanischer und europäischer Künstler auf die Bühne.

Nach 90 Minuten nehmen die Künstler aus Burkina Faso den gemütskranken Europäer in ihrer Mitte auf. Am Schluss bleibt nur die einfache menschliche Zuneigung. Doch der Weg dorthin ist voller Missverständnisse, die Begegnungen geprägt von Rollenspielen und ein Scheitern des Projekts nahezu vorprogrammiert.

Ein Operndorf in Burkina Faso

Im Zentrum des Bühnengeschehens steht das Projekt "Operndorf Afrika". Seit Januar 2010 entsteht in Burkina Faso das Projekt "Operndorf Afrika" nach einer Idee des Theaterregisseurs Christoph Schlingensief. Das ist keine Fiktion, sondern ein ganz reales und aktuelles Geschehen, nicht nur ein "So tun als ob".

Auf der Bühne dagegen sieht das Geschehen grotesk aus. Das europäische Helfer-Syndrom frisst sich in jede Kommunikation. Wo endet Rassismus? Wo beginnt er? Können die afrikanischen Künstler helfen, den Europäern ihre tief sitzende Angst vor Afrikanern zu nehmen?

Schlingensief erzählt vom ersten Scheitern

Zuerst kam Schlingensief die Idee, ein Festspielhaus in Afrika zu bauen. Der Anfang eines Entwicklungsprozesses. Inzwischen sind Planungen fortgeschritten, zumindest theoretisch. Scheinbar soll den Europäern ein unvoreingenommener Zugang zur Kunst durch die Menschen in Burkina Faso vorgeführt werden. Über das Internet darf der große Bruder zuschauen.

Im realen Operndorf ist der Architekt Francis Kéré der Projektleiter. Auf traditionelle Weise wird mit den Naturstoffen der Region gearbeitet. Kéré lehrt in Berlin Architektur und stammt selbst aus Burkina Faso.

Ganz offensichtlich hat Schlingensief aus den ersten Monaten in Burkina Faso gelernt. In gewohnt schnellen Assoziationssprüngen macht er deutlich, welche persönliche Entwicklung er in und mit diesem Projekt durchläuft. Sogar seine Krebserkrankung kann er inzwischen als ein Geschenk statt eine Geißel Gottes anerkennen. Doch wer in Burkina Faso kann ihn verstehen? Die Künstler auf der Bühne des Kampnagel schreien laut: "Was für eine europäische Künstlerscheiße!"

Was Europäer über sich selbst lernen können

Ein Franzose tanzt sich seinen Singularitätsanspruch, schwelgt selbstbeweiräuchernd in seinen eingebildeten Begabungen. Während in Deutschland ein Entsolidarisierungsprozeß untereinander unaufhaltsam voran schreitet, ist die Entwicklungshilfe vielleicht nur die Kompensation enttäuschter Liebe. Durch die Medien kann keine bedingungslose Zuneigung entstehen, auch nicht mit Absicht.

Mit den Bedingungen in Afrika kann ein Europäer nur leben, weil er weiß, dass er wieder nach Europa zurückkehrt. Auch Schlingensief ist erleichtert, zu seinem verhassten Prenzlauer Berg heimkehren zu können.

VIA INTOLLERANZA II wirkt

Die Zuschauer auf Kampnagel applaudieren ausdauernd jedem einzelnen Darsteller. Die Vorstellung war grell, laut und verdammt ehrlich ins Gesicht. Christoph Schlingensief ist ein Hampelmann und viele im Saal erkennen vielleicht den eigenen Hampelmann in sich. Das verbindet.

Das "Operndorf Afrika" ist ein Gesamtkunstprozess mit viel Beteiligung. Das Scheitern ist ein Element und der Weg ist der Erfolg.