Visegrad – die Stadt an der Drina im Portrait

Die Brücke über die Drina - Thomas Dapper
Die Brücke über die Drina - Thomas Dapper
Es ist dem Schriftsteller Ivo Andric zu verdanken, dass die Stadt an der Drina Weltruhm genießt. Ein kurzes Portrait der bosnischen-serbischen Stadt.

Visegrad. Der Name besteht aus zwei serbo-kroatischen Worten. Serbokroatisch wird heute nirgends mehr gesprochen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens. Jeder spricht heute Serbisch, Kroatisch, Bosnisch, Makedonisch, Slowenisch oder gar Montenegrinisch. Jeder, der all diese Sprachen wie seine eigene beherrscht – es sind ja alles die eigenen Muttersprachen, wenn man nur eine davon von Kindesbeinen an gelernt hat –, der wird wissen, was „vise“ (sprich vische) und „grad“ bedeuten. Vise bedeutet ‚mehr’ und ‚ grad’ Stadt. Eigentlich aber ist „Hohe Burg“ gemeint. Passt auch besser als: Mehr Stadt. Nur, die Stadt besteht aus knapp 8.000 Einwohnern und genießt damit nach deutschem Recht nicht den Status einer Stadt. Visegrad wäre in Deutschland ein Dorf. Das serbokroatische Wort für Dorf ist ‚Selo’. Der Ehrlichkeit halber sollte man in der Republika Srpska, dem serbisch-autonomen Teil Bosnien-Herzegovinas die Empfehlung aussprechen Visegrad in Viseselo umzutaufen, so ein Scherz vor Ort.

Literaturnobelpreis für Ivo Andric – Sohn der stolzen Stadt

Ivo Andric zeichnet in seinem Buch „Die Brücke über die Drina“ die Geschichte des Brückenbaus unter Sultan Mehmet Pascha Sokolovic nach. Das Buch gilt vielen Menschen in Ex-Jugoslawien als Schlüssel zum Verständnis der Konflikte auf dem Balkan. Ratko Mladic behauptete, in Srebrenica Rache für die Taten der Türken genommen zu haben und damit die Ereignisse wie sie von Ivo Andric beschrieben wurden gesühnt zu haben. Sultan Mehmed Pascha Sokolovic lebte von 1505 bis 1579 und ist tatsächlich für den Bau der Brücke verantwortlich. Rache für die ihm literarisch zugeordneten Taten kommt damit im Zwanzigsten Jahrhundert nicht nur reichlich spät und ist Ausdruck menschlicher und moralischer Verkommenheit des Kriegsverbrechers der sich derzeit vor dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag für seine Taten verantworten muss. Was immer in Ivo Andrics Buch beschrieben ist, liegt sehr nahe an Legenden, die sich in der Bevölkerung seit dem Mittelalter gehalten haben. Waren es in Visegrad Kinder, die in die Brücke eingemauert wurden und Söhne, die von den Türken in die Türkei verschleppt wurden, so erinnert der Fluss Djetinja, der durch Uzice fließt dank seines Namens an eine türkische Herrschersgattin, die serbische Kinder im Fluss ertränkt haben soll. Traumatisierungen, die in Ex-Jugoslawien bis in die heutige Zeit hineinwirken durch Legenden, Mythen, Geschichtsunterricht und Religion. Traumatisierungen, die es verdient hätten überwunden zu werden in einem Kontinent der zusammenwachsen will und soll.

Ivo Andric ging in Visegrad zur Schule und dürfte die allgegenwärtigen Legenden, die sich um den Bau der Brücke und Mehmet Pascha bis heute ranken auswendig gelernt haben. 1961 erhielt Andric den Nobelpreis für Literatur. Spätestens seit damals ist die Stadt Ziel für Touristen aus aller Welt. Und doch sind heute kaum Touristen in der Kleinstadt zu finden. Von 1991 über 20 000 Einwohnern werden heute etwa 13 000 für den näheren Einzugsbereich der Stadt gemessen. Die Balkan-Kriege in den 1990er Jahren stehen in Verbindung mit der Geschichte deren Ausdruck auch der Bau der Brücke über die Drina ist. So ist die Brücke über die Drina aus vielen guten Gründen auf der Welterbeliste der UNESCO zu finden.

Quellen:

  • By the Drina... travel guide, Aleksandar Sukalo, National and University Library of the Republic of Srpska Banja Luka
  • Die Brücke über die Drina, Ivo Andric
  • Recherchen vor Ort
Thomas Dapper, Thomas Dapper & Michael von Aichberger

Thomas Dapper - Seit 1993 bin ich in verschiedenen Positionen für Film und Fernsehen tätig. In der Zeit davor habe ich mich politisch engagiert ...

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