2012 macht Bamberg durch zwei besondere Ereignisse von sich reden. Bis zum 7. Oktober findet hier die 16. Bayerische Landesgartenschau statt. Und das Erzbistum Bamberg feiert den Bau des Doms vor 1000 Jahren. Anlässlich dieses Jubiläums präsentiert man eine große Sonderschau im Diözesanmuseum sowie eine Ausstellung kostbarer Handschriften in der Staatsbibliothek am Domplatz. Von hier aus sind es nur wenige Schritte zum Historischen Museum in der „Alten Hofhaltung“. Der Abstecher lohnt sich vor allem für Naturfreunde. Denn die Fotos, die dort noch bis zum 24. Juni 2012 bestaunt werden können, zeigen Bäume aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Unter dem Titel „Visiontrees“ sind Fotografien, Spiegelungen und Visionen von Clarissa van Amseln zu sehen.

Die Fotografin, ihre Technik und die Motive

Die Bilder für „Visiontrees“ entstanden mit Hilfe von Spiegelungen entlang der Längs- oder Querachse. Diese Technik wurde von Clarissa van Amseln und ihrem Partner Peter Kubala eher zufällig beim experimentellen Fotografieren entdeckt. Dabei entstanden faszinierende Bilder mit Motiven, die wie aus einer anderen Welt wirken. Götter, Engel und mythische Fabelwesen scheinen in den Bäumen zu leben. Die einzelnen Werke tragen farbige Markierungen. „Grün - classic“ bedeutet, dass die Bilder nicht digital bearbeitet wurden. Ein violetter Balken und die Klassifizierung „new“ stehen für leichte Bildbearbeitungen. Die Farbe Rot und die Bezeichnung „free“ kennzeichnen freie Bildkompositionen mit digitaler Fotomontage. Alle Bilder entstanden in Spiegeltechnik und stammen aus den Jahren 2007 bis 2009. Derzeit arbeitet die Künstlerin an einer Serie zu den vier Elementen. Feuer, Wasser, Luft und Erde heißen dann bei Ihr schlicht „4F“. Sich selbst porträtiert Clarissa van Amseln als eine Art Vogelwesen, das mit dem Baum im Hintergrund verschmilzt. Ganz passend dazu stimmt ein Gedicht der Fotografin den Besucher auf die Ausstellung ein:

Was bin ich?

Ein Vogel und ein Nest

Ideen fliegen ein und aus

rauschendes Gefieder

colorierte Lieder

Wenn der Sensenmann kommt

sind sie es, die übrig bleiben

Das ist gut!

Ein kleiner Rundgang durch die Ausstellung

Wer Angaben zu Clarissa van Amselns Biografie sucht, findet sie nicht auf Anhieb. Durch die Bilder erschließt sich zumindest, dass sie in den Haßbergen lebt, dort die letzten Naturparadiese sucht und in Fotoserien festhält. Ihre „Visiontrees“ wirken kraftvoll und mächtig. Doch alte Bäume scheinen zwar wie für die Ewigkeit gemacht, fallen aber tatsächlich oft einem Sturm oder unsensiblen „Umstrukturierungsmaßnahmen“ zum Opfer. So wurde die Pappelreihe auf dem Foto „Welcometree“ mittlerweile vom Anglerverein gefällt. Auch der idyllische Platz am See bei Königsberg wo „Waterface“ entstand, existiert heute nur noch auf Bildern. Dieser Vergänglichkeit setzt die Fotografin ihr Lieblingszitat entgegen: „Die Realität ist manchmal ganz anders als die Wirklichkeit“ (B. Vogts). Die Welten-Esche „Yggdrasil“ ist bei Clarissa van Amseln ein Birnbaum, der an die Totempfähle der Indianer erinnert. Auch der „Dombergbaum“ wirkt wie ein Baumheiligtum aus heidnischer Vorzeit. Im winterlich-verschneiten „Dombaum“ verschmelzen Kirche und Baum zu einer grandiosen Kathedrale. Das grimmige Gesicht des Torwächters in „Keeper“ (eine Felsenspiegelung im Elbsandsteingebirge) dürfte jeden Eindringling fernhalten. Der „Tempelbaum“ aus einem Park bei Weimar lässt wohl die meisten Betrachter sofort an nepalesische oder tibetische Tempel denken, noch bevor sie einen Blick auf den Titel des Bildes werfen.

„Between Branches“ bringt das Phänomen der Spiegelungen auf den Punkt: je undeutlicher die Struktur, desto größer bleibt der Spielraum für die Fantasie des jeweiligen Betrachters. So muss man bei „Buddha in the Bush“ schon etwas genauer hinsehen, um die Figur im Gestrüpp des Eichenlaubs zu erkennen. „Eulenhüter“ und „Engelbaum“ zeigen die zwei Gesichter eines einzigen Baumes, der an verschiedenen Ebenen gespiegelt wurde. Wer sich die Robinie in natura ansehen möchte, findet diesen majestätischen Baum nahe der Bamberger Kongresshalle. Auch dem Schweinfurter Museum Georg Schäfer hat Clarissa van Amseln mit einem gespiegelten Baum florales Leben eingehaucht. Bei „Way Up“, „Walking Tree“ und „Wer in den Wolken wurzelt“ wirken die porträtierten Frauen wie Elfen in einer mystischen Landschaft. Die Pflanzenfasern auf „Flow“ erscheinen fragil wie Engelshaar. Wie bei „Roots in the Sky“ und „Circle“ webte die Künstlerin poetische Spruchbänder in die Bäume.

Wissenswertes zum Historischen Museum

Das Museum in der Alten Hofhaltung am Domplatz Nr. 7 ist von Dienstag bis Sonntag jeweils von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 5 Euro bzw. 4,50 Euro ermäßigt. Kinder unter sechs Jahren genießen freien Eintritt, Schüler zahlen 1 Euro, Studenten 3 Euro. Für Familien lohnt sich der Kauf einer gemeinsamen Karte zum Preis von 12 Euro. Der Eintrittspreis ermöglicht Zugang zu allen Ausstellungen im Historischen Museum. Schließlich beherbergt das Haus in der Alten Hofhaltung eine umfangreiche Sammlung zur Kultur der Welterbe-Stadt, darunter Kostbarkeiten wie die aktuelle Ausstellung in der Gemäldegalerie „100 Meisterwerke von Lukas Cranach über Pieter Breughel zu Otto Modersohn". Ebenfalls bis zum 4. November 2012 kann man die Sonderschau „Von der Romantik bis zur Gründerzeit“ besichtigen. Möbel, Musikinstrumente, Gefäße, Geräte, Textilien und Schmuck aus dem 19. Jahrhundert dokumentieren die Bamberger Bürgerkultur zur Zeit des Biedermeiers. Wer bei soviel Kunst und Kultur nun Lust auf Natur bekommen hat und nach den „Visiontrees“ echte Bäume anschauen möchte, dem sei ein Spaziergang über die Landesgartenschau empfohlen. Vom Domplatz aus ist das LGS-Gelände im Bamberger Ortsteil Gaustadt bequem zu Fuß erreichbar.

Bildnachweis: © Museen der Stadt Bamberg, Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit

Als Quellen dienten das Infoblatt zur Ausstellung sowie die Website des Museums. Die Autorin dankt Herrn Dr. Timo Saalmann für die freundliche Überlassung des Text- und Bildmaterials.