
- Idylle nur für Touristen - François Maher Presley
Auch im Winter ist es so warm. Wunderbare weiße Strände, Wasserfälle, Urwälder und der bauliche Einblick in den ersten Teil des vergangenen Jahrhunderts - Kuba. Baden, ausruhen, speisen, Rum trinken, sich verlieben, feiern, tanzen, einfach abschalten - Urlaub auf Kuba. Karibischer Lifestyle, Lebenslust, Leichtigkeit und sorgenfrei - Träumen von Kuba. Ein Hauch 1940er Jahre, große Straßenkreuzer, prächtige Villen, Wolkenkratzer und kostenlose medizinische Behandlung - Wirklichkeit in Kuba. Das ist jene Wirklichkeit, die den Hoffnungen und Wünschen der Journalisten der 68er Generation in Deutschland entspringt, die tatsächlich aber mit der sozialistisch gelebten Wirklichkeit nach 40 Jahren Revolution nichts mehr zu tun hat. Kuba ist lange schon am Ende.
Eine dramatische Wirklichkeit in Kuba
War es unter anderem einmal der Sinn der Revolution, den Kubanern Gleichheit und Wohlstand zu bringen, so sind heute die paradiesischen Teile nur noch den Dollar beladenen Touristen vorbehalten. Auf eigenen Urlaubsinseln oder in Ortschaften, für deren Besuch man Wegegeld bezahlen muss, wird den Europäern jene Welt vorgegaukelt, die sie von der Touristik-Branche verkauft bekommen und die die Medien unbedingt vermitteln wollen, trotzt Castro doch der Supermacht USA.
Der Kontakt zu Ausländern ist verboten. Es ist ebenso verboten, Hotels aufzusuchen, Touristen mit dem eigenen PKW mitzunehmen oder in einem Touristen-PKW zu fahren, von vielen Kubanern dennoch mit großem Stolz praktiziert.
Kubanische Polizei, Geheimdienste und Militär
Massen an Sicherheitskräften “schützen die Touristen in den Hotels vor kriminellen Kubanern, denn Kriminelle gibt es schließlich überall auf der Welt”. Der Hauptarbeitgeber scheint das Militär, die Polizei oder die Securitas zu sein, Angst und Schrecken verbreitend, Razzien durchführend, verhaftend oder Geldstrafen verhängend.
Die letzte Hoffnung ist ein Ausländer
Die meisten Menschen haben entweder keine Arbeit oder ihre Arbeit ernährt sie und ihre Familien nicht. Der in Pesos ausgezahlte Lohn reicht gerade aus, um die Miete zu bezahlen, selbst nicht der Lohn eines Bankangestellten. Es gilt, zu betteln, sich zu prostituieren, Geschäfte mit Touristen zu machen, Wege- oder Autobewachungsgelder einzutreiben, zu stehlen oder einen “Freund” im Ausland zu haben, der einem Geld schickt. Für Pesos kann man fast gar nichts kaufen. Alles kostet Dollars, das wenige, was es gibt, ist doppelt so teuer wie im westlichen Ausland, unerreichbare Träume, selbst Toilettenpapier, Zigaretten oder Seife. So bleiben nur die Lebensmittel-Marken für das tägliche Stück Brot oder den schlechten Zucker einmal im Monat.
Die den Kubanern vorbehaltenen Läden sind leer und dreckig. Die kleinen Verkaufswagen/Shops auf den Straßen reichen für die wenigen Waren aus, die frei käuflich zu erhalten sind. Kommt ein Kubaner in ein für Kubaner bestimmtes Kaufhaus, muss er nicht nur anstehen, sondern wird einer Visitation unterzogen und darf keine Tüten oder Handtaschen mitnehmen. Die Kinder der Revolution gelten den Revolutionären als Diebe.
Hoffnungslosigkeit regiert
Die Aussage, dass hier eine Nation verkommt, wäre geschmeichelt. In diesem Kuba scheint vieles nicht mehr zu retten. Die Menschen sind lethargisch, fast bewegungslos. Sie haben den Glauben verloren, zwischen Angst und Hunger passen kaum noch andere Gefühle. Stundenlanges Warten auf einen Bus, warten am Einkaufsstand, in Läden, auf Straßen und an Autobahnen. Es gibt keine Regelmäßigkeit, es gibt nur Erniedrigung, auch und gerade Erniedrigung durch die Behörden sowie die unmenschliche Arroganz, Oberschicht der Revolution, die Menschenrechte nicht achtet.
Träume, die nie wirklich werden
“Ich war mal in Toronto. Da gibt es alles, Seife, Taschentücher, Parfüm. Die Menschen haben keine Probleme. Du kannst leben wie du willst”, schreit sie durch die geschlossene Fensterscheibe des Touristen-PKWs. “In Toronto will ich leben, dahin wandere ich bald aus. Viva Toronto! Tod Fidel!” Doch weiß sie, dass der Traum ein Traum bleiben wird.
Nicht vorstellbare Zustände des Gesundheitssystems
Eine der Errungenschaften der Revolution ist die kostenlose medizinische Versorgung. Die Krankenhäuser dürfen von Ausländern nicht besichtigt werden. Kommt man doch an den Sicherheitskräften vorbei, erstarrt man vor Entsetzen. Die wenigen sanitären Anlagen sind unvorstellbar schmutzig und kaputt. Es gibt nur selten fließend Wasser, zudem nicht genießbar. Kabel hängen aus den Decken und Wänden. Die meisten Fensterscheiben sind kaputt, die Bettwäsche oder Handtücher für die Patienten sind ungewaschen und ewig schon gebraucht. Es gibt keine Medikamente, kein Verbandsmaterial, und die Familien müssen ihre Angehörigen selbst mit Nahrung versorgen. Castro selbst ließ sich dagegen in Frankreich behandeln.
Selbst der Tod auf Kuba ist lethargisch, und so warten alle auf bessere Zeiten, dösen vor sich hin, hoffen auf Gesundung oder darauf, dass sie nach sieben Monaten Wartezeit endlich einmal operiert werden.
50 Jahre Revolution und nichts funktioniert mehr. Alle versuchen, für sich das Beste herauszuholen. Selbst die Familie hat oft das Nachsehen, jeder ist sich zuletzt doch der Nächste. Es gilt nur das Jetzt, nicht einmal das Heute, keine Vergangenheit, keine Geschichte, kaum Bildung, ohnehin keine Zukunft. Alle warten, alle sitzen in ihren Baracken, schlafen, rauchen kubanische Zigaretten, hoffen auf einen Touristen, auf einen Anruf, selbst dann, wenn sie kein Telefon haben, oder schauen sich die internationalen Hotels von außen an und träumen: Einmal im Leben kein Kubaner sein.
