
- Nabokov: Erinnerung, sprich - Rowohlt Verlag
Nach Ansicht vieler Literaturforscher zählt das Thema der Erinnerung zu einem der signifikantesten Aspekte für den russisch-amerikanischen Schriftsteller Vladimir Nabokov, mit denen er sich in seinen Werken beschäftigt. Diesen Umstand verdankt er maßgeblich seinem Lebenslauf, der von Exil und Emigration und somit auch von der konstanten Erinnerung an das Leben in seiner Heimat, die er verlassen musste, geprägt war.
Nabokovs Leben ist geprägt von Emigration und Heimatverlust
Geboren 1899 im zaristischen St. Petersburg, reist er bereits als Kind durch ganz Europa; darauf folgen ein Studium in England und ein Leben im Exil in Berlin. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland zieht Nabokov mit seiner Familie nach Frankreich. 1940 emigriert er nach Amerika, um dort 21 Jahre seines Lebens zu verbringen, 1961 siedelt er in die Schweiz um, wo er bis zu seinem Tod 1977 mit seiner Frau Véra zusammen wohnt.
Die Erinnerung ist für Nabokov ein zentrales Thema
Es ist unverkennbar, dass Nabokov das Thema der Erinnerung in seinen Romanen und Erzählungen immer wieder aufgreift. Der unaufhaltsame Lauf der realen Zeit und die Unwiederbringlichkeit der Vergangenheit beschäftigen Nabokov sehr. Durch beziehungsweise in seinen Erinnerungen entwickelt er gleichsam einen Gegenentwurf zur fortschreitenden Zeit. Er lässt seine Protagonisten eine Parallelwelt zur tatsächlichen Zeit beziehungsweise zur Handlungsgegenwart innerhalb ihrer Erinnerungen gestalten.
Erinnerungsverarbeitung in Nabokovs Autobiographie
In seiner Autobiographie, die Nabokov im Original auf Englisch unter dem Titel "Speak, Memory. An Autobiography Revisited" verfasst hat, beschreibt er seine Kindheit in Russland und seine Exiljahre in Europa. Die fünfzehn Kapitel erzählen von Liebe, Leben und Literatur, von Heimat, Revolution und Sehnsucht. Die Chronologie wird nicht eingehalten; Nabokov greift in seinen Erinnerungen oft vor und springt dann wieder zurück.
Detailtreue Nabokovs
Die Evokation poetischer Erinnerungen spielt für Nabokov augenscheinlich eine vorrangige Rolle. Immer wieder finden sich äußerst detaillierte Ausführungen seiner Erinnerungen. Beispielhaft hierfür ist die Beschreibung des Prozesses, den eine Raupe durchlebt, bis sie ein Schmetterling wird (S.288).
Es wird deutlich, dass die Geschichte nicht nur auf den Erinnerungen des Erzählers basiert und somit den Inhalt darstellt, wie es üblicherweise der Fall ist, sondern dass sie das Mittel ist, in dem sich die gesamte Erzählung erst entfaltet. Die Nabokovsche Verwendung der Erinnerung kann demnach als Erzählverfahren bezeichnet werden.
Englisches Original ist der deutschen Übersetzung vorzuziehen
Empfehlenswert ist das Englische Original, denn der elegante Sprachfluss Nabokovs wird in der deutschen Version von Dieter E. Zimmer des Öfteren gestört. Die Autobiographie enthält viele Fotos der Familie Nabokov und deren Wohnorte, durch die das Werk noch lebendiger wirkt.
Vladimir Nabokov: Erinnerung, sprich. Rowohlt Verlag 2005. Broschur, 576 Seiten. Euro 9,90.
