Volker Kutscher - Goldstein

Volker Kutscher Goldstein Buchcover - Kiepenheuer & Witsch
Volker Kutscher Goldstein Buchcover - Kiepenheuer & Witsch
Kommissar Raths dritter Fall dreht sich um Straßenkinder, Berliner und amerikanische Gangster, orthodoxe Juden, SA-Terror und mörderische Polizisten.

Volker Kutschers dritter Krimi um Kommissar Gereon Rath spielt im Jahr 1931. Es ist Raths drittes Jahr im Berliner Mordkommissariat unter dem berühmten Leiter Erich Gennat. Diesmal widmet Kutscher sich besonders dem jüdischen Milieu Berlins. Natürlich spielen auch die politischen Zustände der Weimarer Republik eine Rolle in dem Mordfall, den der eigensinnige Rath bearbeitet.

Der dritte Fall von Kommissar Gereon Rath: Goldstein

Bei einem Einbruch ins KaDeWe stürzt Straßenjunge Benny auf der Flucht vor der Polizei tödlich ab. Was wie ein Unfall aussah, war Mord, begangen durch den Polizisten Kuschke. Komplizin Alex war Augenzeugin und taucht unter.

Kommissar Rath soll einen amerikanischen Gangster observieren, der frisch aus den Staaten eingereist ist. Abraham Goldstein ist Jude, stammt aus Deutschland und arbeitet in den USA als Killer. Die Berliner Kripo argwöhnt, dass er einen „Auftrag“ hat, denn seit kurzem häufen sich die Todesfälle unter zwei verfeindeten Ringervereinen. Nebenbei bekommt Rath von Unterwelt Boss Marlow, der ihn in der Hand hat wegen eines alten Vergehens, einen Privatauftrag. Rath soll herausfinden, wer hinter den Morden steckt.

Auch Raths Freundin Charlie hat ein Geheimnis: Sie ist an den internen Ermittlungen gegen Kuschke beteiligt. Als Rath erkennt, wie die Fälle von Benny, Kuschke, den Ringervereinen und Goldstein zusammenhängen, gerät Charlie in höchste Gefahr.

Die Fälle von Kommissar Rath: Eintauchen in verschiedenen Berliner Milieus

Raths erster Berliner Fall „Der nasse Fisch“ spielte sich im Milieu der Berliner Exilrussen ab. Sein zweiter Fall „Der stumme Tod“ fand in der Berliner Filmindustrie statt. In seinem dritten Fall taucht Rath in das Milieu der streng orthodoxen Juden Berlins ein. Es ist ein Berlin, dass es so nicht mehr gibt in Berlin. Mit dem Ende des Dritten Reich sind auch UFA, Exilrussen und orthodoxe Juden verschwunden. Es ist der Verdienst Volker Kutschers, diese untergegangene Welt anschaulich wieder auferstehen zu lassen in seinen Krimis.

Volker Kutscher Krimis: Gut recherchiert und detailgetreu

Was Kutschers Romane so authentisch macht, ist seine historische Genauigkeit und Detailkenntnis. Als Berliner erkennt man die Orte, Straßennamen, Gebäude wieder, an denen sich die Handlung abspielt. Auch die unterschiedlichen Milieus macht er lebendig, durch den Jargon, durch prägnante Personenbeschreibung. Auch wenn sein Stil nüchtern ist, die Sympathien des Autors werden klar, wenn er z. B. Straßenkind Benny, obwohl der nur kurz auftritt, eine Geschichte und Persönlichkeit gibt oder wenn er schreibt:“ die vier trugen Uniformhemden von der Farbe eines ungesunden Durchfalls“.

Goldstein: Krimi mit anspruchsvollem Plot

Aus Kutschers Romanen entsteht mosaikartig ein Bild der Gesellschaft der Weimarer Republik. Mit den vielen Figuren wechselt auch immer die Erzählperspektive. So ist der Leser dem Erzähler immer ein kleines Stück voraus. Trotzdem haben seine Bücher alles, was ein Krimi braucht: es gibt mehrere Verdächtige, falsche Spuren, Ermittlungen, überraschende Wendungen, ein dramatisches Finale. Die Handlungsstränge werden die schlüssig zusammengeführt. Der intelligente, aber auch komplizierte Plot erfordert aber Aufmerksamkeit, sonst kann man bei den vielen Personen und Organisationen den Überblick verlieren.

Die Gereon-Rath-Reihe: Der langsame Zerfall der Weimarer Republik

Was die Bücher von Volker Kutscher so interessant macht, ist der gelungene Anspruch, Weimarer Republik im Genre des Krimis darzustellen. Über den Zeitraum der drei Bücher, von 1929 bis 1931 hat sich die politische Lage merklich zugespitzt. Der Leser weiß aus der Rückschau, wie er die Geschehnisse deuten soll, die Protagonisten sind sich deren Bedeutung nicht bewusst. Das Chaos, die Gewalt und die Armut sind für die Figuren der Bücher Alltag, fast unmerklich verändert sich die Gesellschaft. „Goldstein“ endet mit einem organisierten Überfall der SA am Kudamm. Die Gewalt, die in den armen Bezirken schon zum Alltag gehört, ist im reichen Westberlin angekommen, zur Überraschung und Fassungslosigkeit der Betroffenen. Aber nach dem ersten Schreck geht man wieder zur Tagesordnung über. Es ist ein Ausländer, ein Gangster, der den Zustand Berlins auf den Punkt bringt: „In this town the street gangs wear uniforms“.

Fazit: Krimi als unterhaltsamer Geschichtsunterricht

Der dritte Krimi der Gereon Rath Reihe ist auch für Neueinsteiger verständlich, aber wer die die Hauptperson und ihr Verhalten verstehen will, sollte auch die vorherigen Bücher lesen. Wie die beiden Vorgänger nimmt sich auch „Goldstein“ Zeit, Personen und Milieus zu beschreiben, die sich zu einem Panorama der Gesellschaft der Weimarer Republik zusammensetzen. Trotzdem ist „Goldstein“ kein Geschichtsbuch, sondern Unterhaltung auf hohem Niveau. Volker Kutschers Bücher sind Romane mit einem kriminalistischen Fall, an dessen Implikationen der Zeitgeist einer Epoche sichtbar wird. Es gibt eine Bankenkrise, Studentenunruhen, Armut und Obdachlosigkeit, Menschen, die anders aussehen, werden angepöbelt und bedroht – das klingt beängstigend vertraut.

Volker Kutscher. Goldstein. Kiepenheuer & Witsch. September 2010. Gebunden. 576 Seiten. 19.95 €

Bereits erschienen und auf Suite101 rezensiert:

Volker Kutscher: Der nasse Fisch. Kiepenheuer & Witsch 2008. Taschenbuch, 560 Seiten. Euro 8,95.

Volker Kutscher: Der stumme Tod. Kiepenheuer & Witsch 2009. Gebunden, 544 Seiten. Euro 19,95.

Brigitte Grahl, Brigitte Grahl

Brigitte Grahl - Nach meinem Studium der Germanistik und Publizistik an der FU habe ich als freie Journalistin bei Print- und Online-Medien ...

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