
- Eintracht-Stadion Braunschweig - ballon-sz
Das Eintracht-Stadion der Stadt Braunschweig hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Die Initiative zum Bau dieses Stadions kam in den 20er Jahren nur wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg von Mitgliedern der Eintracht Braunschweig. Die von ihnen gegründete Gesellschaft verkaufte Anteilscheine, um dieses Projekt zu finanzieren. Sie hatten – trotz der extrem schwierigen Zeiten – Erfolg mit ihrem Aufruf und konnten bereits 1923 die Eröffnung ihres Stadions feiern. Dieses Stadion sollte 1967 den größten Erfolg der Vereinsgeschichte erleben. Ein 4:1 Sieg über Nürnberg besiegelte die Deutsche Meisterschaft. Bis heute bleibt dieser Meisterschaftsgewinn ein Mythos in der Löwenstadt. Eigentümer dieses Stadions an der Hamburger Straße blieb der Verein bis Anfang der 80er Jahre. Die Stadt Braunschweig kaufte es dann und ist heute noch Eigentümerin.
Eine Dauer-Debatte: Abriss, Neubau, Umbau?
Die politische Diskussion rund um diese in der Region beliebte Sportstätte drehte sich immer wieder um die Frage, ob Abriss und Neubau (an einer anderen Stelle) oder Renovierung sinnvoller seien. Der Rat der Stadt Braunschweig beschloss 2008, Renovierungsmaßnahmen durchzuführen. Kosten: ungefähr 15 Millionen Euro. Dieser Beschluss wurde ein Jahr später jedoch gestoppt. Die Wirtschaftskrise ging auch an dem sonst eigentlich erfolgreichen und florierenden Wirtschaftsstandort Braunschweig nicht spurlos vorüber.
Am Sonntag, 6. Februar 2011, hatten die Bürger der Stadt Braunschweig die Chance, über die Zukunft des Stadions zu entscheiden. Es gab keine Rechtsverpflichtung, eine solche Volksbefragung durchzuführen. Der Rat hat das Recht, mit seiner Mehrheit zu entscheiden. So will es die „repräsentative Demokratie“. Das Ergebnis der Volksbefragung verpflichtet den Rat nicht, auf „Volkes Stimme“ zu hören. Es ist jedoch beschlossene Sache, dass die Volksentscheidung vom Rat der Stadt respektiert wird. Denn: Was sollte eine so aufwändige Befragung, wenn sie nachher doch keine Beachtung finden würde?
Heftige Debatten zum Pro und Contra Stadionumbau
Beide Seiten – Befürworter und Gegner dieser Investition – hatten ihre jeweiligen Argumente in Foren des Internets, aber auch in der Fußgängerzone immer wieder vorgetragen. Die Befürworter sehen das Eintracht-Stadion, das zu jedem Heimspiel durchschnittlich 15.000 Zuschauer anlockt, als „eines der bedeutendsten Image-, Standort- und Wirtschaftsfaktoren" der Stadt Braunschweig. Das Eintracht-Stadion könnte nach einem solchen Umbau auch andere sportliche und kulturelle Groß-Events aufnehmen. Logen und Businessbereiche würden deutlich höhere Einnahmen ermöglichen und den Profi-Fußball in Braunschweig nach einem Aufstieg in die Zweite Bundesliga auf höherem Niveau absichern. Die Service-Möglichkeiten würden deutlich verbessert. Eine Gaststätte ist eingeplant, Fanshops und Ticketcenter gehören hierzu.
Die Gegner des Stadion-Umbaus hatten während des „Wahlkampfes“ betont, dass es sich nicht um eine Kampagne gegen die Eintracht handelte. Aber in einer Zeit, in der es derart dringenden, geradezu dramatischen Sanierungsbedarf gibt im Bereich von Kindergärten und Schulen – ist es da zu verantworten, so viel Geld in ein Fußballstadion zu investieren? Hatten die jetzigen Befürworter nicht selbst das Projekt auf Eis gelegt, weil man es sich schlicht und einfach nicht leisten konnte? Jetzt steigen die Steuereinnahmen – und diese Mehreinnahmen sollen zu einem großen Teil in den „Luxusbereich“, in den Ausbau von VIP-Lounges investiert werden? So argumentierten die Gegner des Projekts.
Die Entscheidung ist gefallen: Bürger stimmen für den Umbau des Stadions
Wahlberechtigt waren am 6. Februar 2011 insgesamt 198.503 Bürgerinnen und Bürger. Abgegeben wurden 65.109 Stimmen, davon stimmten 39.142 für den Umbau und 25.862 dagegen, es gab 192 ungültige Stimmen. Dies bedeutet eine Zustimmung von circa 60 Prozent der abgegebenen Stimmen. Kein überwältigendes, aber doch eindeutiges Ergebnis im Sinne der Fußballbegeisterten dieser Stadt. Der Rat der Stadt wird sich bei seinen Entscheidungen an diesem Ergebnis orientieren.
Das Ergebnis unterstreicht den Stellenwert dieses Vereins für Braunschweig. Eines steht fest: Es gibt keine Institution, die auch nur annähernd so viele und so unterschiedliche Menschen mobilisiert und zusammenbringt wie die Eintracht in Braunschweig. Auch wenn Sie über Fußball und den ganzen kommerziellen Rummel rund um diesen Sport die Nase rümpfen: Bei der Eintracht sehen Sie „einträchtig“ alle Generationen, alle Berufsgruppen, Deutsche und Ausländer vereint. In einer immer stärker „zersplitterten" und auseinander driftenden Gesellschaft ist dies ein unschätzbarer Wert für diese Stadt und mehr als nur irgendein blau-gelber Jux.
Auf dem Braunschweiger Siegerpodest steht auch die Demokratie
Ein weiterer Sieger steht bei dieser Volksbefragung auch schon fest. Er heißt „Demokratie“. In Braunschweig wurde nicht nach dem Stuttgarter Modell „Augen zu und ab durch den Tunnel“ ein Großprojekt beschlossen und nachträglich – als schon zu viele Fakten geschaffen worden waren – die öffentliche Debatte darüber geführt. Hier wurde aus diesen Erfahrungen gelernt und die Bevölkerung in diesen Entscheidungsprozess einbezogen.
Der 6. Februar 2011 ist ein bedeutender Tag für die Stadt Braunschweig, für die Eintracht und ihre treuen Fans. Aber dieses Verfahren, der kluge Umgang mit einem Großprojekt, das die Geister spaltet, ist auch ein Wegweiser in eine sinnvolle Ergänzung und Weiterentwicklung unseres demokratischen Systems.
