
- Trine Dyrholm - Thomas Petri
Um 4 Uhr 48, wenn die Verzweiflung wiederkommt, möchte sie sterben. Um 4 Uhr 48 ist aber auch die Zeit, „wenn die Klarheit vorbeischaut“. Für eine kurze Frist kehrt die Vernunft zurück, bis die Figur wieder in den Taumel von Wahn und Qual zurückfällt. Trine Dyrholm spielt diese depressive Frau, die in dieser Welt nicht leben kann, aber eigentlich nur den „eigenen Arsch retten“ möchte. Das vorgeführte Seelendrama ist eine Art Tagebuch für jene, die noch nicht geboren sind. Das Werk wurde posthum veröffentlicht: kurz vor ihrem Selbstmord übergab Sarah Kane ihrem Verleger das Manuskript, das dann im Jahr 2000 als Drama im Londoner Royal Coart Theatre uraufgeführt wurde.
Irrende Seele im falschen Körper
Das Einpersonenstück wird auch nur von einer Person gespielt, was nicht selbstverständlich ist, denn in einigen anderen "Psychosis"-Inszenierungen wurden die Monologe, Dialoge und Textfragmente auf drei oder vier Rollen verteilt. In dieser Produktion verlagert sich die Konzentration ausschließlich auf diese zerrissene Frau, die, von inneren Konvulsionen geschüttelt, nur mit einem Arzt sprechen darf, dessen Bild an die Bühnenwand projiziert wird. Obwohl die Außenwelt permanent in die Innenwelt einsickert, ist wenig von den äußeren Umständen zu hören, etwa vom Klinikalltag, in dem sich die Ruhelose wie in einem Gefängnis windet. Insofern leidet die Frau auch nicht an Weltschmerz, an der Unzulänglichkeit der Welt oder an der Unmöglichkeit, die eigenen Utopieentwürfe zu realisieren: sie leidet an sich selbst, an der Unvereinbarkeit von Seele und Körper, an zwei Bereichen, die längst auseinandergefallen sind und ein zerstörerisches Eigenleben führen. Relativ düster ist es auch auf der Bühne, die Schauspielerin agiert auf einer blauen, leicht abfallenden Spielfläche, deren Licht durch die an die Wand geworfene Bilderflut verändert wird. Schlicht ist die Darstellerin gekleidet, sie läuft barfuß, trägt Bluejeans und ein weißes T-Shirt, das ihre robusten Proportionen deutlich zur Geltung bringt.
Kleine Hoffnungen in der Hoffnungslosigkeit
Trine Dyrholm ist kein Leichtgewicht, das leisetreterisch auftritt, sich in romantischer Wehmut wälzt und vor lauter Schmerz sich in die Unsichtbarkeit auflösen möchte. Die Zuschauer sehen vielmehr eine kompakte nordische Kraftfrau, die sich gegen die Verzweiflung auflehnt und immer wieder nach einem Hoffnungsschimmer hascht. Sie klammert sich an die Liebe einer fiktiven Person, die mal ein Mann, mal eine Frau ist, der sie nie begegnet ist, weil sie gar nicht geboren wurde. Dies ist ein letzter desperater Aufschrei nach Liebe, ein Verlangen nach seelischer Vereinigung, die ihr im tristen, medikamentös aufgepeitschten Klinikalltag versagt bleibt. Hinter der Akteurin sind mitunter Bilder einer Science-Fiction-Landschaft zu sehen, aber auch Zahnräder wie in einer Maschinenhalle und ein dreiköpfiges Ärzteteam. Zumeist ist es nur ein Arzt, dessen sachliche, prägnante Stimme vom Band kommt, um das Gespräch nicht als Selbstgespräch in eine Leere versanden zu lassen. Die Kranke wehrt sich gegen diese übermächtige, von Vernunft diktierte Instanz, sucht jedoch auch Verständnis, Anlehnung, ja eine Haltefunktion, die sie vorm letzten Schritt bewahren könnte. Trine Dyrholm spricht ihre Worte selten zögerlich, zuweilen kommen sie klar und fest heraus, als liege selbst im selbstgewollten Untergang noch ein letztes Quantum an Kraft. Obwohl es sich anbietet, werden die Klageworte kaum herausgeschleudert oder –geschrieen. Trotz einiger lauterer Töne werden Schreie nur mit halber Kraft ausgeführt, zurückgehalten auf einem erträglichen Limit. Gewiss, unsagbar ist das Unsägliche, und so fährt einige Male die gespreizte Hand ins Gesicht, um sich abzuwenden von einer Welt, in der eine irrende Seele in einem falschen Körper geboren wurde.
Suhlen im Abgrund
Viel mit präparierten Grafiken und Videoprojektionen arbeitend, hat Jacob F. Schokking, der künstlerische Leiter von Holland House, die Atmosphäre visuell verdichtet und eine dunkle Stimmung der Unausweichlichkeit erzeugt. Die Zuschauer sehen das weiße T-Shirt und die helle Haut Dyrholms, während sie in dunkelgrüner Großaufnahme als verdüstertes gigantisches Abbild noch einmal auftaucht. Die Pulsadern hat sie sich aufgeschnitten, aber nicht, wie der Arzt vermeint, um sich den Druck zu nehmen. Die Diagnose lautet: pathologische Trauer, eine Serie von Medikamenten wird an ihr ausprobiert, ohne den geringsten Erfolg. Einmal vertraut ihr der Mediziner an, dass er wegen dieses „Scheißjobs“ nach Feierabend Freunde brauche, sonst würde er das alles nicht aushalten. Plötzlich wirkt auch der souveräne, professionelle Therapeut wie ein Haltloser, der sich anklammern muss. Und die Kranke wird immer weiter herabgezogen, sie suhlt sich förmlich in der Absurdität ihrer aufgelösten Welt. Sie fährt fort in ihren Selbstanklagen, bis sie zu verschwinden scheint. „Sieh mich verschwinden“, spricht sie innerlich taumelnd, bis sich der Vorhang öffnet: für die Zuschauer geht das Licht aus. Trine Dyrholm zeigte eine Energieleistung ohne völlige Selbstverausgabung. Mit der ihr anhaftenden Sensibilität findet sie oftmals die richtigen Worte. Doch während ihre Figur bereits ein Wrack ist, steht sie immer noch da, mit der Imposanz ihrer Erscheinung.
48: 8 Psychosis
Von Sarah Kane
Schauspielerin: Trine Dyrholm (Im Video: Kristian Halken)
Regie, Bühnenbild: Jacob F. Schokking
Lichtdesign: Peter Plesner
Video Grafik: Jakob Thorbek
Ton: Gert Sørensen
Übersetzung: Morti Vizki
Techniker: Turpin Napoleon Djurhuus, David Hjerting
Produktionsfirma: Holland House
Koproduzenten: TBA Revival of the Betty Nansen Theatre performance, Wilhelm Hansen Fonden
Bildnachweis: © Thomas Petri
