Jeder Mensch war einmal krank, ist einmal krank und vielleicht ungewollt sehr krank. Das freut inzwischen nicht nur die US-amerikanischen Mediziner, sondern auch die Betreiber von Heilanstalten von Österreich und auch Deutschland, ja wahrscheinlich der ganzen Europäischen Union. Verlierer sind sowohl Ärzte als auch Patienten. Wenn kommerzielle Gesichtspunkte über den medizinisch-fachlichen und ethischen stehen wird es ein neues gesellschaftliches Problem geben.

Die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens

Der Vergleich macht unsicher. In den Vereinigten Staaten wird immer noch heftig über eine einheitliche Sozialversicherung debattiert, Millionen Menschen können sich aus Versicherungsgründen kaum einen Arzt beziehungsweise Spitalsaufenthalt leisten. Doch die "Zwei-Klassen" Medizin hat auch schon längst in Europa Einzug gehalten. Hat der Patient eine Zusatzversicherung, wird er besser untergebracht, die Behandlungen erfolgen schneller und die Betreuung ist bestens. Trotz des landesweiten Sozialversicherungssystems in Österreich. Warum? Weil die gesetzlichen Krankenkassen nur mehr eigene Gewinninteressen verfolgen und ihren Repräsentationspflichten nachkommen.

Arzt, Apotheker, Mechaniker

Selbstverständlich ist jeder Mechaniker, der ein Fahrzeug, Flugzeug oder einen Eisenbahnzug in Stand hält wichtig. Er hält die Sache am Laufen, so wie es sich die Besitzer oder Kunden erwarten. Im medizinischen Bereich sieht die Betrachtungsweise doch etwas anders aus. Der Mensch ist keine geschaffene Maschine und will daher auch nicht so gesehen werden wie ein lebloses Objekt. Daher ist Fingerspitzengefühl gefragt. Menschen, die im medizinschen oder auch Pflegebereich tätig sind, können davon ein Lied singen - ein wahrscheinlich trauriges. Ökonomie im Gesundheitswesen muss sein, die Kommerzialisierung der falsche Weg.

Kranker Mensch - Kunde oder Patient?

Wenn ein Patient Kunde wird, dann wird der Arzt Dienstleister. Das Verhältnis eines Dienstleisters zu einem Kunden ist eine ökonomische Beziehung, die auf völlig anderen Prinzipien beruht als das traditionelle europäische Arzt-Patienten Verhältnis. Für die Ärzte ist das von Nachteil, weil sie gelernt haben, ihre Patienten nach medizinisch-fachlichen und medizinisch-ethischen Gesichtspunkten zu behandeln, aber nicht in Hinblick auf Rendite, Profit und Gewinn. Da jedem Arzt in einem Krankenhaus ein kaufmännischer Direktor vorangestellt ist, sind auch die Möglichkeiten eines Primararztes ziemlich eingeschränkt. Ein krankes System.

Vertrauensverlust zwischen Arzt und Patient

Der Sinologo, Pharmazeut und Medizinhistoriker Paul Ulrich Unschuld, Direktor des Horst-Götz-Stiftungsinstitus für Theorie, Geschichte und Ethik Chinesischer Lebenswissenschaften an der Charité in Berlin nimmt sich kein Blatt vor dem Mund. In einem Interview für die österreichische Wochenzeitung "Die Furche" nimmt er klipp und klar Stellung :" In einer großen deutschen Klinik wird zum Beispiel der chirurgische Eingriff bei Gebärmutterhalskrebs, der üblicherweise aus einer einzigen Operation besteht, auf zwei Operationen aufgeteilt, weil der Betreiber dann zwei Fallpauschalen von der Krankenkasse erhält. Der größte Preis, den wir bezahlen, ist der Verlust des Vertrauens."

Quelle: Die Furche 27/2012