Vom Bauernsohn zum gräflichen Amtsträger

Der gesellschaftliche und soziale Aufstieg des Berend Lübbermann aus Lienen, Kreis Steinfurt.

Am 9. Februar 1705 verstarb in Gütersloh im Alter von 55 Jahren der Führer der Landfolge des Kirchspiels Gütersloh und Gräflich-Tecklenburgische Sekretär Berend Lübbermann. Seine Leiche wurde vor dem Altar der Kirche aufgebahrt und die Schulkinder sangen Trauerchoräle. Die gesamte Landfolge war aufgeboten und gab ihrem verstorbenen Anführer unter Fahne und Gewehr das letzte Geleit – ein ehrenvolles Begräbnis also für einen Mann, der im Jahr 1650 als einfacher Bauernsohn in Lienen, Kreis Steinfurt, das Licht der Welt erblickt hatte. Doch wie kam es zu diesem in dieser Zeit nicht alltäglichen gesellschaftlichen Aufstieg?

Nicht alltäglicher Aufstieg

Berend Lübbermann stammte vom gleichnamigen Hof in der Lienener Bauerschaft Westerbeck (heute Heemann, Schafstr. 2), der den Herren von Korff auf Harkotten gehörte und der 1545 unter den Ganzen Erben genannt wird. Es handelte sich also um ein großes bäuerliches Anwesen. Wie Berend in gräfliche Dienste gelangte, ist nicht bekannt. Unter Umständen gab es schon länger bestehende Beziehungen zum Tecklenburger Grafenhaus, wenn man den 1480 genannten gräflichen Waffenmeister Hannes Lübbermann mit der Lienener Familie in Verbindung bringen darf (Wilkens, S. 193). Möglicherweise hängt Berends Aufstieg aber auch mit dem zwei Jahre vor seiner Geburt endenden Dreißigjährigen Krieg zusammen, in dessen Verlauf die Bevölkerung durch Kriegshandlungen, aber auch durch Krankheiten und Hungersnöte stark dezimiert worden war. Es fehlte an klugen und fähigen Köpfen, so dass auch ein einfacher Bauernsohn einen sozialen Aufstieg erleben konnte. Vom elterlichen Hof selbst konnte Berend nicht viel erwarten, denn auch dieser war stark in Mitleidenschaft gezogen worden. So befand sich 1643 kein einziges Stück Vieh mehr in den Stallungen (Wilkens, S. 193).

Vom Kammerdiener zum gräflichen Sekretär

Sicher nachzuweisen ist hingegen, dass Berend Lübbermann zunächst Kammerdiener und später vertrauter Sekretär des Grafen Hans-Adolf von Bentheim-Tecklenburg (1637-1704; Regent seit 1674) war. In dieser Funktion gelangte er auch nach Rheda, wohin die Tecklenburger Grafen seit 1671 ihre Residenz verlegt hatten (Schaub, S. 92). Seit 1685 lässt sich Berend in den Akten der gräflichen Hofhaltung in Rheda nachweisen. Am 6. November 1691 heiratete er dort auch Catharina Ermegard von Cölln, die Tochter des Kaufmanns Johann Agneten genannt von Cölln, Krameramtsgenosse, Ratsverwandter, Großbürger und Hausbesitzer. Diese Verbindung förderte natürlich Berends sozialen Aufstieg. Sie zeugt aber auch davon, dass er bereits 1691 einen gewissen gesellschaftlichen Status erlangt hatte, so dass der einstige Bauernsohn als Ehepartner einer Rhedaer Kaufmanns- und Bürgertochter überhaupt in Frage kommen konnte.

Der erlangte soziale Rang mag sich auch in den Taufpaten seines ersten Sohnes widerspiegeln: Graf Hans Adolf, Franz Heinrich von Hatzfeld und Gräfin Maria von der Lippe. 1698 heißt es in Rhedaer Stadtunterlagen: „Berend Lübbermann, welcher viele Bürgerlichen Güther mit Geld belegt und an sich gebracht, jedoch […] kein Straßengeld von Selbigen genommen, da er doch der vornembsten Häußer eine bewohnet“. Zu dieser Zeit war Berend Lübbermann also in Rheda ein gemachter Mann. Sein damaliges Wohnhaus lag an der oberen Widumstraße im Stadtzentrum. Von 1701 bis zu seinem Tod 1705 befehligte er als „Hochgräflich Tecklenburgischer Führer“ die Landfolge des Kirchspiels Gütersloh. Seine Nachkommen waren wohlhabende Handwerker (Leinentuchmacher), gehörten zu angesehenen Bürgern der Stadt Rheda und stellten dortige Ratsherrn (Lübbermann, S. 14-23). Die Lebensgeschichte des Lienener Bauernsohnes Berend Lübbermann ist somit eine nicht ganz alltägliche Biographie in damaliger Zeit.

Literatur:

  • Lübbermann, Ernst August, Die Geschichte der Familie Lübbermann – Rheda, [Frankfurt a.M. 1973].
  • Schaub, Hermann, Die Herrschaft Rheda und ihre Residenzstadt. Von den Anfängen bis zum Ende des alten Reiches, Bielefeld 2006.
  • Wilkens, Wilhelm, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004.

Christof Spannhoff - Spannhoff, Christof – Studium der Fächer Geschichte und Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität ...

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