Vom Bewusstsein des Todes - Ringvorlesung der Uni Würzburg

Auch Senioren sind eingeladen: Würzburger Ringvorlesung eröffnet Chance für lebenslanges Lernen und lockt mit dem Tod von der Antike bis zur Gegenwart.

Die Vorlesungsreihe dieses Sommersemesters, die vom Institut für deutsche Philologie der Julius-Maximilians-Universität organisiert wird, rückt das Bewusstsein des Todes von der Antike bis zur Gegenwart in den Mittelpunkt des Interesses. Prinzipiell eine gute Gelegenheit für eine Begegnung zwischen Jung und Alt. Doch hielt sich der Zulauf trotz hochkarätiger Gastprofessoren bisher in überschaubaren Grenzen, wohl eine notwendige Folge des existentiell belastenden Themas, das außerdem die Frage aufwirft, wo diese Todessehnsucht, umhüllt vom wissenschaftlichen Mantel, herrührt.

Dorothea Klein, Spezialistin für mittelalterliche Literatur, nahm Sterben und Tod um 1200 in den Fokus. Die Legenda aurea, eine lateinische Legendensammlung, erzählte vom vorbildlichen Sterben der Gottesmutter, die sich nach ihrem Sohn sehnte und deshalb um baldige Aufnahme in den Himmel betete. Ihr Sterben empfand sie dann als Freudenfest, als Erfüllung aller Wünsche. Entspannt, in der tröstlichen Gegenwart ihrer Verwandten, ging sie in die Ewigkeit ein. Diese Art des Abschieds erhielt in der Folgezeit normativen Charakter, so Klein. Die Kunst des Sterbens, die ars moriendi, die auch in der heutigen Hospizarbeit eine bedeutende Rolle spielt, hat hier ihren Ausgangspunkt.

Tod im Nibelungenlied

Ganz anders der heroische Tod, den das Nibelungenlied beschrieb. Im Sinne des Helden, der sein Lebenskonzept dem Kampf weihte, war der Tod an sich in diesem Kontext kein Grund zur Klage und über jede Tröstung erhaben. Einzig das, was zum Tod führte, galt als erwähnenswert.

Der Tod der Heiligen besaß wiederum andere Qualitäten. So beschrieb das Rolandslied das feierliche Sterben. Hier wurde das Leben als Lehen, als Leihgabe begriffen und das Sterben als ein Wunderzeichen vom Himmel und die Geburt zu einem neuen Leben.

Das Sterben eines Fürsten bereitete dagegen den irdischen Machtwechsel vor und konzentrierte sich auf die Verteilung des materiellen Besitzes, meist allerdings ohne christlichen Beistand. Dahinter verbarg sich die Morallehre von der tugendhaften Sorge sowohl für das eigene Seelenheil wie das der Erben, auch die Sorge um die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung.

Überhaupt galt in alten Zeiten die Regelung des Erbes als verlässlichstes Gegenmittel gegen die Todesangst. Schreckbilder der Vanitas, auch die Memento mori mit Totenschädeln verwiesen auf die Vergänglichkeit allen Seins und deuten auf eine tief verwurzelte Weltverneinung hin, von der heute keineswegs mehr gesprochen werden kann.

Der Tod in der Moderne

„Der Tod ist groß und wir sind die Seinen. Tod und Sterben bei Rainer Maria Rilke“, betitelte Fred Lönker seinen Gastvortrag und nahm damit das moderne Subjekt ins Visier, das im Zentrum der poetischen Perspektive dieses Dichters stand. Passagen aus den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, das 1907 entstandene Gedicht „Todeserfahrung“ und die achte Duineser Elegie dienten als Vorlage, die neue Sicht auf den Tod zu verdeutlichen: Sterben als Heraustreten aus der Zeitlichkeit und als Übergang in die reine Gegenwart des Offenen.

Weitere Themen sind unter anderem: Der tote Zarewitsch und das Sterben des Godunow in Chronistik, Drama und Oper; Kann Kunst im Sterben trösten? Grenzgang zwischen Tod und Theologie; Über das tragische Lebensgefühl des frühen 20. Jahrhunderts und seine Nachgeschichte; Paul Celans Todesfuge.

Die Vorlesungen finden jeweils Dienstag um 19.00 Uhr, Neue Universität, Sanderring 2, Hörsaal 166 statt; abweichend 15. Juni in der Neubaukirche.

Nächste Termine und Themen unter www.studiumgenerale.uni-wuerzburg.de

Judith-Katja Raab - Judith-Katja Raab: In Paderborn geboren; Studium der Rechtswissenschaften, Soziologie, Politik M.A.; langjährige Journalistin und ...

rss