
- Autoren Johannes Czwalina, Clemens Brandstetter - Margrit Müller
Politiker denken oft kurzfristig und haben nicht den Mut, der ökonomisch praktizierten Realität entgegenzutreten, weil sie sich Sympathien nicht verderben möchten. Sie brauchen Widerstand von der Basis und permanente Unterstützung auf dem Weg zu einer gelebten Nachhaltigkeit.
Wirtschaftvertreter fühlen sich sehr stark von der ökonomisch praktizierten Realität abhängig. Sie fragen immer als erstes nach der Finanzierbarkeit nachhaltiger Ideen. Großkonzerne handeln nur geldgesteuert und machen sich immer abhängiger von den Gewinnforderungen ihrer Aktionäre. Überzeugungsarbeit bei Aktionären und den Geschäftsführungen ist gefordert.
Vertreter von Organisationen der Zivilgesellschaft haben oft Angst, ihre Förderer, die vom System abhängig sind, zu verlieren, und sie schweigen zu oft. Sie kalkulieren, dass die großen Geldgeber lieber Not lindern, lieber Reparaturarbeit leisten als notwendige langfristige Veränderungen anzugehen. Diese Organisationen bedürfen der ständig mahnenden Stimmen, die sich nicht zum Schweigen bringen lassen, sie bedürfen mutiger Vereinsmitglieder, die immer wieder die Stimme des Gewissens einfordern statt nur über die Erhöhung des Spendenvolumens zu sprechen.
Kirchenvertreter haben ein ähnliches Problem wie Organisationen der Zivilgesellschaft. Der Geldmangel hält sie oft zurück, mutig ihre Stimme zu erheben, und verleitet sie dazu, nicht selten selbst an der Börse zu spekulieren, um dadurch mehr „Gutes“ tun zu können. Auch sie werden so oft zu Verhinderern einer neuen Nachhaltigkeit von Arbeit, die dem Menschen wieder seine Würde als Krönung der Schöpfung zurückgeben könnte. In den Synoden, Pfarrkapiteln und Kirchenräten braucht es Menschen, die man nicht zum Schweigen bringt, wenn es darum geht, Arbeit wieder als Würde des Menschen und nicht allein als Mittel des Gelderwerbes zu entdecken.
Vertreter von Universitäten und Hochschulen nehmen ebenfalls mehr und mehr die Interessen der Wirtschaft wahr, weil sie sich sonst nicht mehr finanzieren können. So wollen sich viele nicht an vorderer Front engagieren. Nicht von ungefähr ringen gerade die Institute für Wirtschaftsethik an den Universitäten oft ums eigene Überleben, weil sie sich am wenigsten den Wirtschaftsmächtigen prostituieren. Diese Menschen brauchen Ermutigung und Förderer, damit sie ihre Unabhängigkeit nicht verlieren. Sie brauchen den Bürger auf der Straße, der ihre Themen verinnerlicht und veräußerlicht.
Medienvertreter werden nicht selten indirekt von der Wirtschaftslobby kontrolliert, und somit wird die Freiheit der einzelnen Journalisten in der Realität des Alltags beschnitten. Man will beispielsweise nicht auf die gut bezahlten Inserate der großen Unternehmen verzichten, die unter anderem die Gehälter der Journalisten sichern. Allzu deutliche Berichterstattung könnte diese verprellen.
Integratives Management zwischen Arbeitswelt und Privatleben
Wichtig ist, dass die erfolgreichen Unternehmer ihren kritischen Kindern wieder in die Augen schauen können, dass sie das, was sie im Geschäft tun, mit gutem Gewissen vor ihrer Familie, vor ihren Kindern präsentieren (weil verantworten) können, ohne sich in übliche Ausreden wie „das machen ja alle“ oder „das ist jetzt nun einmal so“ flüchten zu müssen.
Die Schlüsselworte, von denen aus man einen neuen Weg findet, lauten: Sinn, Integrität, Lauterkeit – nicht als Anhängsel oder als Mittel zum Zweck, sondern als selbststeuerndes Prinzip, unabhängig von jeder Kosten-Nutzen-Rechnung. Darum braucht langfristige und glaubwürdige Marktwirtschaft ethisch-politische Vorgaben, die nicht auf rein ökonomische Nutzenkategorien reduziert worden sind.
Wir machen uns wenige Gedanken darüber, dass wir gerade dabei sind, eine Welt ohne geborgene Plätze, ohne Ruheorte, ohne Inseln der Rekonvaleszenz zu schaffen. Die nächste Generation wird nicht in Würde leben können, wenn sie ständig rennen muss. Sie könnte eines Tages ohne Achtung auf ihre Eltern blicken, die ihr eine Welt hinterlassen haben, in der sie nicht mehr die Glücksquellen der Geborgenheit finden kann, wie es einige ihrer Eltern noch vermochten.
Hoffnung und der Glaube vieler junger Menschen
Sie haben keine Lust mehr, sich nach dem Muster ihrer Eltern durch Arbeit allein Anerkennung zu schaffen, und setzen ganz bewusst das Thema Lebensqualität auf ihre Prioritätenliste. Sie wollen, dass ihre eigenen Kinder sie nicht genauso vermissen werden, wie sie selbst ihre Eltern vermisst haben. Eine junge Frau sagte: „Arbeit ist mir wichtig, und ich möchte wirklich mein Bestes geben. Aber Arbeit ist nicht das, wofür ich arbeite. Ich arbeite, um mir die anderen Werte im Leben leisten zu können.“ Wer immer diese junge Frau einstellt, wird ihre Werte mit einstellen. Sie muss so denken, denn sie kann nicht mehr davon ausgehen, dass Fleiß automatisch eine sichere Lebensstellung nach sich zieht.
Die Wirtschaft zum Wohl der Gesellschaft mit neuem Sinn erfüllen. Denken und Handeln müssen gesellschaftliche Folgen prinzipiell unter einem ethischen Aspekt mit berücksichtigen, ohne dabei die wirtschaftlichen Gesichtspunkte zu vernachlässigen. Eine wirklich nachhaltige Entwicklung bedeutet, dass unsere Gesellschaft lernen muss, ihre Entscheidungen nicht nur nach ökonomischen Renditen, sondern der Gerechtigkeit vor allem künftigen Generationen gegenüber zu treffen.
Es braucht nicht nur die Unternehmer, sondern mehr und mehr Menschen, die auf verschiedenen Ebenen und Lebensgebieten anfangen, andere Modelle des Zusammenarbeitens und des Wirtschaftens zu entwickeln, die ihr Verhalten im Umgang mit dem Geld ändern, die sich nicht von Resignation herunterdrücken lassen und persönlich in ihrem eigenen Umfeld etwas zur Veränderung beitragen.
Manche haben Angst, ihren gut bezahlten Job zu verlieren und lassen abends im Büro das Licht brennen. Viele finden aber keine Arbeit mehr, mit der sie finanziell über die Runden kommen. Ein permanentes Umverteilen der Arbeit vieler Menschen auf wenige Köpfe. Wie kann man trotzdem mehr Erfüllung im Job finden? Johannes Czwalina und Clemens Brandstetter zeigen in ihrem Buch "Vom Glück zu arbeiten", wohin sich die Arbeitswelt der Zukunft entwickeln wird.
Johannes Czwalina/Clemens Brandstetter: Vom Glück zu arbeiten. FAZ-Institut, ISBN 978-3-89981-235-0, Euro 29,90.
