
- Neues Geld - Tom Koehler, Hamburg
Die Technologie basiert auf Near-Field-Communication, die bereits in den neueren Smartphones über die Android-Software von Google integriert ist. Eine kontaktlose Übertragung ermöglicht ähnlich den RFID-Chips eine Interaktion zwischen Geräten. Im Kaufhaus sind Verpackungen oder Waren selbst mit diesen Chips ausgestattet, um Diebstahl zu verhindern. RFID lösen beim Verlassen des Gebäudes ohne Bezahlvorgang einen Alarm aus.
Geldbeutel, Brieftasche und Portemonnaie
Der Mensch entfernt sich von der Dinglichkeit des Geldes. Hackte im Mittelalter auf dem Markt der Händler vom mitgebrachten Silberstück einen Teil ab (Hacksilber), wurde später Münzen zum Standard. Die trug man im Geldbeutel aus Leder unter dem Wams mit sich herum. Metall als Zahlungsmittel hat einen entscheidenden Nachteil: Es wiegt schwer in der Tasche. Die technische Entwicklung ermöglichte via Druck die Erzeugung eine neue Form des Geldes. Banknoten aus Papier eroberten die Welt. Hartgeld diente nur noch dem Ausgleich kleinerer Summen. Die Brieftasche, Ausdruck der neuen Bezahlform Papiergeld, verschwand später und machten den Karten Platz. Das Geld ist heute digital, ein Portemonnaie besteht aus einem Stück Plastik. Ob Einkauf, Parkhaus oder Nahverkehrsticket – überall ist es möglich, sein Kunststoffgeld zu verwenden.
Digitalgeld verändert die Welt
Wie Undinglichkeit von Werten seine Wirkung entfaltet, zeigen TV-Shows. Anwälte und Finanzberater arbeiten mit Schuldnern daran, die realen Minusbeträge zu minimieren. Geld, welches man nicht sieht, nicht anfassen kann, gibt sich leichter aus. Die Karte gezückt, den Dispo-Kredit ausgenutzt – es ist so einfach. Unternehmen arbeiten daran, Bezahlformen zu finden, die den Menschen auch in der Online-Welt ermöglichen, mit geringstem Aufwand einzukaufen oder Dienstleistungen zu bezahlen. PayPal, Kreditkarte oder Prepaid-Karten sind nur eine kleine Auswahl. Weitere MicroPaiment-Systeme wie Flattr oder Kachingle versuchen, durch Kleinstbeträge Leser von Artikeln zu bewegen, einen Minimalbetrag zu geben.
Smartphone – die Killerapplikation
Was wurde noch vor gar nicht langer Zeit über die Zukunft der digitalen Gesellschaft geschrieben. So mancher Beitrag hat aus heutiger Sicht den Charme eines Jules Verne. Die SMS ist die Cash-Cow der Mobilfunk-Betreiber. Leistungsfähige Smartphones ermöglichen den permanenten Zugang zu Informationen via WWW. Das Informationsverhalten wird von Tag zu Tag mobiler, schneller, unabkömmlich. Hat die stete Verfügbarkeit erst einmal Besitz ergriffen, verlangt sie nach mehr. In diesem Falle wird der kleine schicke Apparat in der Hosentasche zum Zentrum des Lebens. Denn nun ist es auch möglich, mit ihm bezahlen. Der Erwerb von Waren oder Dienstleistungen erfährt einen komplett digitalen Werdegang: Informationen lassen Menschen nach Dingen suchen, Systeme erkennen dies und speisen den Werbe-Stream mit Entsprechungen. Die Systeme teilen gleich mit, wo sich (dank eingebautem GPS) das nächste Geschäft befindet. Dank Funkverbindung der Hardware (Handy, Kasse) und Funkverbindung der Software (Bezahlsystem, Mobilanbieter, Hausbank) erfährt der Vorgang des Erwerbs eine vom Menschen losgelöste Dimension. Sie hinterlassen auf diesem Wege sehr komfortable Datenmengen, die es den Werbetreibenden erlauben, weiter mit tollen Angeboten und Rabatten zu locken.
Von Henkern und Satelliten
In der „guten alten Zeit“ ging es Dieben und anderen Schlimmfingern an den Kragen. Dann hackte der Henker die Hand ab, gleich dem gestohlenen Hacksilber. In späterer Zeit bedurfte es schon mehr krimineller Energie. So ein Banküberfall will vorbereitet sein. Dann machten sich die bösen Buben die Hände gar nicht mehr schmutzig und raubten ahnungslosen Geldbesorgern die Karte, nachdem sie beim Bankautomaten ausgespäht wurden. Doch nun bekommt der Verlust des „Geldes“ eine herbe Geschmacksrichtung. Beim Abhandenkommen des Bezahlsystems Smartphone verschwinden nicht nur die Zugänge zu PayPal und Co. Unser Leben verschwindet. Zugänge zu Firmen-Servern, Mail-Accounts und sozialen Netzwerken werden frei Haus geliefert, inklusive aller Informationen über einen selbst, die in diesen Systemen abgelegt wurden. Von der umfangreichen Kontakt-Datenbank ganz abgesehen. Noch während der Verlust unbemerkt bleibt, können Täter das Leben Fremder kopieren und immensen Schaden anrichten. Wer diesen Schaden hat, bemüht Ortungs-App und Satelliten-Zoom, doch seine digitale Welt ist mit einem Mal bitter real und in Gefahr. Schuld daran: ein kleines schlankes Silberdings, welches sein täglicher Begleiter war.
