Vom Hirten zum Werwolf

Wie Aberglaube schuldig macht

Werwolf, Holzschnitt, 162 × 126 mm - Gotha, Herzogliches Museum (Landesmuseum)
Werwolf, Holzschnitt, 162 × 126 mm - Gotha, Herzogliches Museum (Landesmuseum)
Besonders im Mittelalter suchten die Menschen die Ursache für Unglücke im Aberglaube. Nicht selten gerieten dabei Unschuldige in den Verdacht, ein Werwolf zu sein.

Von dem Mythos des Werwolfes, der einen Menschen bezeichnet, der sich bei Vollmond in einen Wolf verwandelt, wird bereits in den Schriften von antiken Griechen erzählt. So wird beispielsweise in den „Metamorphosen“ von Ovid von dem griechischen König Lykaon berichtet, den Zeus in einen Wolf verwandelte. Auch später handeln unterschiedliche Sagen verschiedener Völkern von Menschen, die sich entweder aufgrund einer Verletzung oder durch das Bündnis mit dem Teufel in Wölfe verwandeln und als gefährliches Monster ihr Unwesen treiben.

Zu der Zeit der Hexenprozesse im 16. Jahrhundert finden auch die Werwolfprozesse ihre Hochphase. Der berühmteste Fall ist der des Bauers Peter Stubbe, der 1589 mit seiner Tochter und seiner Geliebten hingerichtet wurde, da er sich als Werwolf an zwei Mädchen vergangen und dreizehn Kinder getötet haben soll.

Vom Hirten zum Werwolf

Hirten waren damals wie Henker und Müller ausgeschlossen aus dem bürgerlichen Leben. Ihre Berufe galten, trotz ihrer Notwendigkeit, als unehrenhaft und sowohl die Hirten, als auch ihre Familien, falls ihnen überhaupt das Recht der Eheschließung zugesprochen wurde, wurden von den dörfischen Bürgern gemieden und sie lebten mit ihrem Vieh abseits. Aufgrund ihres Wissens über das Vieh, die sie bei Krankheit und Gefahr vor wilden Tieren schützen mussten, wurden sie dennoch von den Mitbürgern aufgesucht und um Hilfe gebeten. Nicht selten sollten sie zum Schutz der Tiere ihren Segen als Wolfsegner sprechen. Wie bei den Hexen war die Kräuterkunde der Hirten zwar oftmals die einzige Möglichkeit, bei Krankheit Heilung zu erfahren, dennoch stand sie im Verruf, das Werk des Teufels zu sein. Besonders wenn das Vieh trotz der Behandlung nicht genesen konnte oder gar starb, war die Gefahr für einen Hirten groß, als Hexer angezeigt zu werden. Auch ihre Lebensweise, die als anstößig galt und zunehmend in Verruf geriet, festigte die Rolle der Hirten als Außenseiter und Sündenbock.

Das bekannte Buch „Der Hexenhammer“, in dem beschrieben wird, wie Hexen zu erkennen und zu bekämpfen seien, beschrieb außerdem das Wesen des Werwolfes. Als circa 1580 im Dillburger Land ein extremes Viehsterben einsetzt, suchen die Bürger Rat und Hilfe bei dem Grafen Johann VI und fordern ihn zur „Hexenbrennerei“ auf. Obwohl er anfangs zögerlich auf diese Aufforderung reagiert, geraten immer mehr Personen in den Verdacht, als Hexe oder Hexer das Vieh zu verderben. Besonders bedroht sind dabei natürlich Personen, die von Berufswegen mit dem Vieh zu tun haben. Im Jahr 1587 wird Küh-Ludwig bezichtigt, ein Werwolf zu sein, da trotz seiner Segnung Schafe aus der Herde gerissen werden. Aufgrund seiner Aussage, dass er die Tiere bei Tag und nicht des nachts gesegnet habe, wird er verurteilt und hingerichtet.

Ein weiterer prägender Fall ist der des Hen Knies, der nach eigener Aussage ein Bündnis mit dem Teufel eingegangen sei, da er kurze Zeit zuvor ein Rind verlor, dessen Wert er nicht ersetzen konnte. Der Teufel habe ihn mit einer scharfen Salbe eingerieben und ihm einen weißen Pelz übergeworfen, woraufhin Knies einige Stunden geschlafen habe. Bei seinem Erwachen habe er den Drang verspürt, alles, was sich in seiner Umgebung befand, niederreißen zu müssen.

Sündenböcke bei Wolfsplagen

Auch in späteren Jahren traten Werwolfprozesse wellenartig auf. Zumeist, wenn in den betreffenden Regionen eine Überpopulation an Wölfen herrschte und somit übermäßig viel Vieh gerissen wurde. Wie auch bei den Hexenprozessen, suchte die Bevölkerung nach Sündenböcken, die für das Sterben verantwortlich gemacht werden konnten, um eine Lösung des Problems zu beschaffen. Die Vorwürfe beziehungsweise Symptome, die jemanden zu einem Werwolf machten, häuften sich im Laufe der Zeit. Waren es zunächst hauptsächlich Hirten, die als Werwolf angezeigt wurden, kamen später Vorwürfe der Sodomie und anderen unsittlichen Verhaltens hinzu.

Judith Binias, Judith Binias

Judith Binias - Judith Binias, Jahrgang 1985 freiberufl. Autorin/Regisseurin Kurzvita Abitur: 2005 Regiearbeiten: 2009: J. Binias: "Das ...

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