
- Ritter des Mittelalters - Sabine Peitz
Noch zu Beginn des 13. Jahrhunderts ließ der Dichter Wolfram von Eschenbach seinen Protagonisten Parzival im gleichnamigen Ritterepos die Frage stellen: „Du sprichst von Rittern, was ist das?“ Nun tritt Parzival dem Rezipienten der Geschichte nicht gerade als Geistesleuchte gegenüber, doch war auch im hohen Mittelalter die Frage nicht ganz unberechtigt, was denn ein Ritter überhaupt sei.
Heinrich I. greift auf die Idee des Lehens zurück
Bereits zu Beginn des neunten Jahrhunderts hatte Karl der Große die schwere Kavallerie, die Panzerreiter, durch die Vergabe von Lehen ausgebaut. Doch im Laufe der Streitigkeiten unter Karls Nachfolgern brach das System der Panzerreiter wieder auseinander.
Erst König Heinrich I., erster Herrscher aus dem sächsischen Königshaus der Ottonen, baute im römisch-deutschen Reich ab 926 wieder eine schwere Reiterei auf. Er sah sich und sein Reich dem Angriff der schnellen Reiterheere der Ungarn ausgesetzt. Auch Heinrich stattete die Männer seiner schweren Kavallerie mit Lehen, lateinisch „feudum“ aus, in welchen sie die Grundherrschaft ausüben konnten, wodurch diese nicht nur aufgrund ihres gehobenen Waffendienstes, sondern auch gesellschaftlich aus der Masse der Fußtruppen, die immer noch weitgehend aus freien Bauern bestanden, heraus traten.
„Miles“ wird die Bezeichnung für den berittenen Krieger
Schon in karolingischer Zeit hatte sich zunehmend der Begriff „miles“, was einfach nur Soldat bedeutet, als Bezeichnung für die Panzerreiter durchgesetzt. Unter den Ottonen, im 10. Jahrhundert, als das Fußvolk langsam, aber endgültig seine Bedeutung auf dem Schlachtfeld verlor, wurde dieser Begriff gleichbedeutend mit dem Träger eines Lehens, dem Vasallen, der für seinen Lehensherrn als schwerer Kavallerist seinen Dienst verrichtet. Durch diesen Dienst als schwere Reiter und die Einbindung in das feudale System bezeichnete „miles“ nun die Angehörigen einer in sich geschlossene Gesellschaftsgruppe.
So entwickelte sich ein gestaffeltes System von Heeresaufgebot und geschuldeter Heeresfolge, das im deutschsprachigen Raum als Heerschildordnung bezeichnet wurde. Alle, vom König über den hohen und niederen Adel bis hin zu einfachen freien Männern – und im römisch-deutschen Reich sogar bis hinab zu den unfreien Dienstleuten, den Ministerialen – waren in dieses System eingebunden und rückten über das Selbstverständnis als Elitekrieger ein Stück weit zusammen – auch über Standesgrenzen hinweg. Der Begriff „Ritter“ aber war damals noch gänzlich unbekannt.
Die Burg als Sitz für den Reiterkrieger
Vor allen in den Grenzmarken, doch auch innerhalb des Reiches errichteten Heinrich und seine Nachfolger ein System von befestigten Wohnsitzen, die sie ihren Vasallen als Teil ihres Lehens gaben. Mit den großen steinernen Anlagen, die wir heute allgemein mit dem Begriff „Burg“ verbinden, hatten die hölzernen Turmhügelburgen – „motte“ genannt – außer dem zentralen Wehrturm zunächst noch nicht viel zu tun. Die alten Fluchtburgen, die bis dahin im Falle eines Angriffs als Zuflucht der Bevölkerung gedient hatten, haben als Teil der Heimatverteidigung damit jedoch ausgedient.
Vom Reiterkrieger zum Ritter – Wechsel in Rüstung und Bewaffnung
Die schweren Reiterkrieger der sächsischen Könige unterschieden sich deutlich von den Panzerreitern Karls des Großen. Der Schuppenpanzer war durch das Kettenhemd ersetzt worden. Diese Körperrüstung war etwa knielang und besaß Ärmel, die knapp bis über die Ellbogen reichten.
Unter den Kaisern aus dem Haus der Salier, die von 1027 bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts die Geschicke des römisch-deutschen Reiches bestimmten, entwickelten sich Ausrüstung und Kampfweise der Reiterkrieger weiter. Das Kettenhemd hatte nun lange Ärmel mit fest angefügten Handschuhen. Auch die Kapuze war fester Bestandteil der Rüstung, was im deutschsprachigen Raum zur Bezeichnung „halsberge“ für das Kettenhemd führte. Immer häufiger ergänzten der miles seine Rüstung nun auch durch lange Streifen aus Kettengeflecht, die er sich vor Schienbein und Oberschenkel band und aus denen sich im Laufe der Zeit die „isenhosen“, also quasi Strümpfe aus Kettengeflecht, entwickelten.
Hauptangriffswaffe blieb die Lanze, die der miles seit der Mitte des 11. Jahrhunderts nicht mehr über dem Kopf schwang, sondern unter die Achsel klemmte. Auf diese Art konnte er den gesamten Schub des Streitrosses in den Stoß legen. Ermöglicht wurde diese neue Technik durch den Hohlsattel mit hohen Vorder- und Hinterbögen.
Diese neue Kampfweise hatte natürlich auch Folgen für die Rüstung. So reichte das Nasal, ein schmales Naseneisen am Helm, nun nicht mehr aus, um das Gesicht bei einem vom Schild abgeglittenen Lanzenstoß ausreichend zu schützen. Schon bald entstand ein fest am Helm angebrachtes Gesichtsvisier. Dieses wiederum machte den Krieger unter seinem Helm unkenntlich – ein Unding in einer Zeit, in der man nicht irgendeiner abstrakten Staatsidee, sondern persönlich einem Herrn die Gefolgschaft schwor. Man konnte ja einfach nach Hause gehen, wenn es auf dem Schlachtfeld niemanden mehr gab, dem man zu Treue verpflichtet war.
Um weiterhin kenntlich zu bleiben, entwickelte man das Wappenwesen. Schon lange war es üblich gewesen, den Schild – der nun übrigens nicht mehr rund, wie noch zur Zeit der Ottonen, sondern lang dreieckig war – mit Mustern oder allerlei Getier zu verzieren. Diese Bilder ordnete man nun fest einem Mann, später der ganzen Familie zu.
Die Kirche bringt ein neues Selbstverständnis – vom Reiterkrieger zum Ritter
Zwar nicht die am schwierigsten zu beherrschende – in den Ritterepen des Mittelalters wird immer nur die Stärke des Schwertarmes, niemals aber das Geschick im Umgang damit gerühmt –, aber doch die prestigeträchtigste Waffe war das Schwert. War unter den Karolingern noch die Lanze das Symbol der Herrschaft gewesen, so übernahm nun das Schwert diese Rolle. Mit der Übergabe des Schwertes an den Jungen Mann trat dieser aus der Vormundschaft seines Vaters und erhielt somit das Recht, für sich selbst zu streiten.
Die Form des Schwertes hatte sich seit der Zeit der Ottonen kaum verändert. Nur die Parierstange war immer länger geworden, was dem Schwert die Form eines Kreuzes gab. Dies wusste die Kirche für sich zu nutzen, hatte sie es doch seit dem 10. Jahrhundert bereits geschafft, dem Fehdewesen und den damit verbundenen Übergriffen auf unschuldige Bauern und das Gut der Kirche durch den so genannten Gottefrieden Einhalt zu gebieten.
Das kriegerische Tun erhielt somit ein christliches Fundament. Der Dienst für alle Schutzbedürftigen, allen voran natürlich der heiligen Mutter Kirche, stand nun an erster Stelle. Daraus entwickelte sich schnell ein eigenes Selbstverständnis. Die Kreuzzüge trugen das Ihrige dazu bei. Irgendwann im 12. Jahrhundert, wohl schon zur Zeit der Staufer, war es so weit: der Ritter war geboren. Das Schwert wurde zu seinem Sinnbild schlechthin.
