Vom Schleppen zum Klicken

Der Wandel der Arbeit in der Hamburger Speicherstadt

Früher. Da war alles besser. Und härter. Vor 100 Jahren mussten die Arbeiter noch richtig anpacken. Wie in der Hamburger Speicherstadt.

In früherer Zeit war die Hafenarbeit körperliche Arbeit, die jedoch weitestgehend in Ruhe ausgeführt wurde. Hektik gab es bei der Arbeit in der Hamburger Speicherstadt kaum. Es kam eben auf die Qualität und nicht auf so sehr auf Quantität an. Heute würden allerdings viele über Muskelverspannungen und Rückenschmerzen klagen. Und die Gewerkschaft würde auch noch ein Wörtchen mitreden.

Unterwegs in der Speicherstadt

Während man früher mit Pferdekutschen oder Schuten - flache Boote - in der Speicherstadt unterwegs war, erledigen dort heute LKWs die schwere Transportarbeit.

Früher wurden durch die Fleete, dies sind schmale Kanäle, auf flachen Kähnen die Waren vom Hafen in die Speicherstadt gebracht. Die Ewerführer hangelten sich mit langen Stangen, genannt Peekhaken, an in verschiedenen Abständen angebrachten Haken im Mauerwerk bis zum jeweiligen Lagerhaus entlang. Über größere Entfernungen wurden sie mit Schlepperhilfe fortbewegt. Dann wurden Kaffeesäcke, Tabakfässer, Getreidesäcke oder Teppichrollen mit hydraulischen Winden in die Speicher emporgezogen.

In den Speichern kümmerten sich dann die Quartiersleute gewissenhaft um die Lagerung der oftmals empfindlichen Waren, welche vor allem vor Nässe und extremen Temperaturen geschützt werden mussten. Heute werden diese empfindlichen Waren in Containern gelagert, was eine Lagerung sehr viel unkomplizierter macht. Der Containerumschlag macht das Löschen einer Stückgutladung bedeutend schneller.

Zehn Stunden statt eine Woche

Während Ewerführer und Quartiersleute früher bei einer Frachtmenge von 7.000 Tonnen mit der traditionellen Arbeitsweise - mit Sackkarren der Hafenarbeiter, Schuten und Seilwinden - eine ganze Woche beschäftigt waren, erledigen heute Techniker und Maschinen unterstützt von moderner EDV und Containerumschlag dieselbe Arbeit in nur zehn Stunden. Viele der traditionellen Berufe, wie Ewerführer und Quartiersleute werden aus diesem Grund durch Computer und Techniker ersetzt, weshalb es diese Berufe in Zukunft nicht mehr sehr oft geben wird.

Auch der Transport mit Seilwinden sowie die Lagerung in den Speichern der Speicherstadt gehören weitestgehend der Vergangenheit an. Heute werden die Waren mit Gabelstaplern in großen Lagerhallen verstaut. Dies geht schneller und macht den Transport mit Lastwagen einfacher.

Traditionelle Arbeitsweise trotz Moderne

Der Wandel der Erwerbsarbeit in der Hamburger Speicherstadt ist ein weiteres Beispiel der Ersetzung körperlicher durch maschinelle Arbeit. Es muss aber erwähnt werden, dass trotz der modernen Verfahren auch heute durchaus noch traditionell gearbeitet wird. Viele empfindliche Waren wie Schildkrötenfleisch, Haifischflossen, wertvolle Felle oder Kautschuk werden auch heute noch auf klassischem Wege von den Quartiersleuten verlesen, behandelt und gelagert.

Bei der Tabaklagerung vertraut man auch in unserer Zeit noch auf die geschulten Hände der Quartiersleute. In den Containerlagern schwanken die Temperaturen oft so stark, dass die Tabakblätter bitter würden, wenn man sie auf diese Weise lagern würde. Ähnlich ist es mit Tee und vielen teureren Gewürzen. Sie alle könnten bei einer Containerlagerung Schaden nehmen und werden deshalb noch immer in der Speicherstadt gelagert und behandelt.

Teppichhandel als wichtigster Arbeitgeber

Der wichtigste Arbeitgeber für die Quartiersleute aber ist heute der Teppichhandel. Fast die Hälfte der gesamten Lagerfläche der Speicherstadt wird zur Lagerung von edlen Orientteppichen aus dem Iran, Indien, Pakistan und Afghanistan genutzt. Damit ist die Speicherstadt das größte Teppichlager Europas. In diesem Bereich sind in der Hansestadt auch heute noch etwa 5.000 Menschen angestellt. Insgesamt aber wird es den Beruf der Quartiersleute nicht mehr allzu lange geben. Immer mehr hafenfremde Branchen lassen sich in der Speicherstadt nieder und immer mehr traditionelle Branchen wandern ab. Abgerissen wird die malerische Speicherstadt zwar nicht, da sie seit 1991 unter Denkmalschutz steht, aber in Zukunft wird die Speicherstadt wohl eher Museum denn Arbeitsplatz sein.

Dennis Schmidt, Dennis Schmidt

Dennis Schmidt - Von der Schülerzeitung zur Lokalzeitung zu Suite 101, so kann der Weg gehen, zumindest bei Dennis Schmidt aus Korbach. Dabei stand am ...

rss