Vom Umgang mit Erinnerungskultur in Auschwitz

Robert Thalheims Spielfilm "Am Ende kommen Touristen"

Robert Thalheim wollte mit "Am Ende kommen Touristen" die Erinnerungskultur, das statische Gedenken und Mahnen, verändern. Das ist mit dem Film über Auschwitz geglückt.

Robert Thalheim verändert mit „Am Ende kommen Touristen“ nachhaltig die Erinnerungskultur. Sein Film gehört inzwischen zum Unterrichtsmaterial, mit dem Schulen und Begegnungsstätten den Schrecken der Konzentrationslager für junge Menschen nachvollziehbar machen. Der Regisseur ist 1974 in Berlin geboren und hat nach einem Studium in Amerika an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam 2006 seinen Regie-Abschluss gemacht. „Am Ende kommen Touristen“ ist sein zweiter Spielfilm, der 2007 in Cannes in der Reihe „Un certain regard“ präsentiert wurde.

Zivildienst in Auschwitz

Der Protagonist der Filmerzählung, Sven (Alexander Fehling), macht in der Gedenkstätte Auschwitz seinen Zivildienst. Lieber wäre er nach Amsterdam gegangen, aber nach der Absage des dortigen Jugendzentrums bleibt im nichts anderes übrig, als sich mit seiner neuen Aufgabe anzufreunden.

Die Sache mit den Koffern

Und die besteht darin, sich den betagten ehemaligen KZ-Insassen Stanislaw Krzeminski (herausragend: Ryszard Ronczewski), der im Reparieren der Koffer der Häftlinge einen Lebenssinn gefunden hat, zu kümmern. Doch der ist misstrauisch und missmutig. Die jungen Verantwortlichen der Gedenkstätte wollen ihn und seine Arbeit nicht mehr. Schließlich möchten sie die Koffer so bewahren, wie die Häftlinge sie zurücklassen mussten, Krzeminski aber setzt seine gesamte Energie ein, um die Koffer wieder richtig aufzuhübschen. Wie sich herausstellt, hat er damals den Ankömmlingen versprochen, sich um das Gepäck zu kümmern. In ewiger stoischer Geduldsarbeit erfüllt er seine moralische Pflicht, denn er als Überlebender fühlt sich den Toten gegenüber schuldig. Ohne diese Arbeit verliert er seine Existenzgrundlage.

Koffer als Sinnbild für Erinnerung

Die Koffer sind das gelungene Sinnbild, mit dem Thalheim die Erinnerungskultur thematisiert, die bald ohne Zeitzeugen auskommen wird und in diesem Fall deren Anliegen wenig Respekt entgegenbringt. Die Restaurateure des Museums bestimmen, dass Krzeminski keine Koffer mehr bekommen soll, da er entgegen der Museums-Philosophie die Koffer wieder herstellt, die doch nur konserviert werden sollen. Langsam freunden sich Sven und der alte Mann an, und der junge Deutsche besorgt dem Alten die Basis für dessen Arbeit eben auf illegale Weise. Die Koffer, sowieso eines der stärksten Erinnerungssymbole, sind ein Beispiel dafür, wie subtil der Regisseur Robert Thalheim in seinem Film „Am Ende kommen Touristen“ mit all den Aspekten des Erinnerns umgeht: dass die Überlebenden eigentlich nur noch das wissenschaftlich korrekte Erinnern stören, dass sie als Grüßaugust bei Gedenkfeiern benutzt werden und dass die Nachkommen hilflose Gesten oder Rechthaberei entwickeln.

Ein bisschen Liebe

Aber Sven lernt auch die junge Polin Ania (Barbara Wysocka) kennen, die ihm zeigt, dass es neben dem Gedenken auch ein ganz normales Leben in Oswiecim, wie Auschwitz auf Polnisch heißt, gibt. Auschwitz! In den in der Nähe der Stadt liegenden Vernichtungslagern wurden im Zweiten Weltkrieg über 1,5 Millionen Menschen getötet. Unter diesem Namen hat Oswiecim ewige traurige Berühmtheit erlangt. Doch es gibt auch ein Leben neben der Erinnerung. Sie machen Fahrradtouren, verlieben sich ineinander und kümmern sich um Anias Bruder, der wegen einer Prügelei seine Arbeit verliert: Ganz normales junges Leben also.

Unspektakulärer Film ganz groß

Diese Kombination von Fragen zur Erinnerungskultur mit alltäglichen Lebensproblemen von jungen Menschen hat den Film von Thalheim populär gemacht. Sehr menschlich, differenziert und auf allen Ebenen unspektakulär arbeitet dieser große Film, der in der Form fast wie eine Nachrichtennotiz daherkommt und sicher auch alle jungen Menschen in seinen Bann zieht. Zu Recht hat Thalheim mit „Am Ende kommen Touristen“ Eingang in den Erinnerungskanon gefunden.

Robert Thalheim: Am Ende kommen Touristen. Spielfilm. 85 Minuten. 2007

Hanne Landbeck, Hanne Landbeck

Hanne Landbeck - seit 1998 schreibe ich als freie Journalistin hauptsächlich für den Bereich Feuilleton. Mich interessieren kulturelle ...

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