Vom Wunder zum Jahrmarkt - Pützchens Markt

Zu den großen Ereignissen in der Region Köln/Bonn zählt im September der Pützchens Markt. Was ist der Ursprung dieses Jahrmarktes?

Es ist die umsatzstärkste Fünftages-Kirmes Deutschlands, doch die wenigsten Besucher kennen ihren Ursprung. Die Rede ist von Pützchens Markt, der jährlich am zweiten September-Wochenende etwa 1,5 Millionen Besucher in den Bonner Vorort Pützchen lockt. Sein Ursprung reicht weit zurück in die Zeit vor den Kreuzzügen, eine Zeit, in der man noch an Wunder glaubte. Ein Wunder war es nämlich, dass die Äbtissin Adelheid (985 bis 1018) aus dem nahe gelegenen Kloster in Vilich im Jahr 988 vollbrachte. Eine große Dürre hatte das gesamte Land erfasst. Sogar aus dem Westerwald wurde das Vieh zum Rhein getrieben, um es dort zu tränken. Um Abhilfe zu schaffen, stieß Adelheid der Legende nach allein mit der Kraft ihrer Gebete ihren Stock in das Erdreich am Ennert und siehe da: eine Quelle begann zu sprudeln.

Die Pilgerströme von Pützchen

Dass diese Quelle zur Heilquelle wurde, war aus damaliger Sicht fast zwangsläufig. Neben wertvollen Mineralien sollte sie nämlich auch heilende Kräfte inne haben. So kamen Augenkranke von weit her, um in Pützchen durch das Quellwasser Heilung zu erfahren. Nach dem Tode Adelheids gingen die "Wundergeschichten" um sie weiter. In der Kirche in Vilich, in der ihr Sarkophag aufbewahrt wurde, berichteten Menschen von spontanen Heilungen. Ein Blinder konnte plötzlich wieder sehen, Lahme wieder gehen. Schon 1056, wenige Jahre nach dem Tod der erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts heilig gesprochenen Adelheid, wurde die Wallfahrt so stark, dass in Vilich eine größere Kirche errichtet werden musste. Zum 13. Jahrhundert wurde für das Grab der Adelheid eine besondere Kapelle errichtet.

Durch den stetigen Pilgerstrom auch nach Pützchen, der sich insbesondere zum Tag des Quellenfundes im September entwickelte, entstand die Nachfrage nach Verpflegung. Die wenigen Gehöfte im Ort Pützchen waren dazu kaum in der Lage. Aus dem 14. Jahrhundert stammt eine Urkunde, die als die Gründungsurkunde von Pützchen Markt gilt. In einer lokalen Verkaufsurkunde vom 26. Januar 1367 ist vom „Adelheidisborn“ die Rede. Born bedeutet ebenso wie das rheinische „Pützchen“ (abgeleitet vom lateinischen puteus), Quelle oder Brunnen. Vermutlich nach dem Dreißigjährigen Krieg entwickelte sich der Markt, dessen erster schriftlicher Hinweis aus einer Rentmeistereirechnung von 1732/1733 stammt. Hierin ist von einer „Kirmes“ am Adelheidisbrunnen die Rede.

Die Kirche unterstützte den Markt rund um die Wallfahrt. Ende des 17. Jahrhunderts waren Karmelitermönche für seine Ausrichtung zuständig. Sie gaben im Jahr 1696 ein Büchlein mit 13 wunderbaren Heilungen mit dem Wasser des Adelheidisbrunnens heraus und bauten zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine Wallfahrtskirche und ein Kloster. Dass die erhobenen Gebühren für die Markthändler in Pützchen höher waren als anderswo, beweist die Bedeutung des Marktes. Er entwickelte sich gar zu einer Art Messe, bei der neue Produkte wie Solinger Klingen oder Bergische Leinen- und Wolltücher gezeigt und verkauft wurden. 1776 kam noch ein Viehmarkt hinzu, der bis zum Zweiten Weltkrieg fest mit Pützchens Markt verbunden war.

Das Wunderwasser und die Gaukler

Der Reichsdeputationshauptschluss im Jahr 1803 mit der Säkularisierung beendete unter Napoleon die Tätigkeit der Mönche. Das Klostergebäude wurde an Leopold Bleibtreu verkauft, der auf der Hardt am Ennert eine Alaunhütte betrieb. Dass die Wallfahrten jedoch weiter geführt wurden, ist einem Priester zu verdanken, der in der Kirche in Pützchen verblieb. Der Markt jedoch wurde auf die Wiesen zwischen Pützchen und Bechlinghoven verlegt. So hatten die Händler mehr Platz, das Markttreiben fortan aber nur noch wenig mit der Andacht an die heilige Adelheid zu tun. Im Jahr 1823 zog das 260-Seelen-Dorf Pützchen mit seinem 1.104 Buden starken Markt am 8. und 9. September bereits rund 50.000 Menschen an. Mit dem 20. Jahrhundert nahm das Vergnügen die wichtigste Stellung am Markt ein. Waren es zunächst noch Bänkelsänger, Gaukler, Spaßmacher, Tierbändiger und Künstler gewesen, die das Volk unterhielten, brachte die Entwicklung der Dampfmaschine auch erste Fahrgeschäfte nach Pützchen.

Die Bänkelsänger waren übrigens auch die Informanten des Marktes. Durch sie erfuhren die Menschen mangels eines Printmediums, was sich in der Welt zugetragen hatte. Viele Vorträge handelten von den unergründlichen Themen der Liebe und des Todes. Räuber und Mordgeschichten, insbesondere die des rheinischen Schinderhannes, waren besonders beliebt. Sie waren der Nervenkitzel auf Pützchens Markt. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde das Volk überdies mit Tanzbären, Ponys, Affen, Tiermenagerien und dressierten Hunden unterhalten.

Während im 19. Jahrhundert meist noch genug Platz für die Anfragen der Schausteller vorhanden war, ist es heute eng auf dem Marktgelände. Es stehen rund 7.000 Quadratmeter Fläche zur Verfügung. Trotzdem ist bis zum heutigen Tag der Pluutenmarkt als Teil der Kirmes erhalten geblieben. Das Adelheidispützchen, der Brunnen an der Kirche, wird übrigens noch immer von gläubigen Pilgern aufgesucht. Nach alter Tradition waschen die sich die Augen mit dem Quellwasser oder füllen es zum Mitnehmen in Flaschen ab.

Quelle: u.a. Heimatblätter des Rhein-Sieg-Kreises

Inga Sprünken - Kommunikation ist die Essenz jeder Gesellschaft. Darum finde ich für jeden die richtigen Worte, die richtigen Sätze, die ...

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