„Ich habe einen Edelstein gefunden.“ Die fünfjährige Naomi kommt freudestrahlend angerannt und hält ihrer Mutter eine Murmel hin. Die Haare zerzaust, das Gesicht vor Aufregung und Hitze gerötet watet sie durchs Wasser. Im extra auf dem Erfahrungsfeld der Sinne angelegten Teich ist heute Schatzsuche angesagt. Ausgerüstet mit Küchensieben und kleinen Schüsselchen durchsuchen mehr als 30 Kinder das Wasser. Zuerst war die Suche noch leicht, denn das Wasser war klar und die Kinder konnten bis auf den Grund sehen. Aber mittlerweile ist es sehr aufgewühlt und Naomi kann nur noch ertasten, was auf dem Grund liegt. Wie auch immer, es macht offensichtlich riesigen Spaß. Die Kleine ist kaum zu bremsen. Lachen, Schreien und Plantschen erfüllt die Luft.
Wellness für die Sinne
Auf dem Gelände der Wöhrder Wiese in Nürnberg stehen die verschiedensten Geräte und Anlagen. Im Prospekt steht, dass man auf dem Erfahrungsfeld Gelegenheit bekommt, sämtliche Sinne einzusetzen. Und tatsächlich gibt es viel zu sehen, tasten, riechen, schmecken und ausprobieren. Erlebnisse, die für den Menschen unserer hoch zivilisierten Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich sind. Nicht einmal für die Kinder. Dinge, die in anderen Ländern einfach zum Alltag gehören, wie zum Beispiel Brotbacken, sind hier eine aufregende Erfahrung. Dass das Brot gebacken und nicht einfach beim Bäcker gekauft wird, ist eine völlig neue Erfahrung, die anscheinend hungrig macht. Zwei Kinder verzehren gerade mit großem Appetit ihre selbst gebackenen Brote. „Zu Hause essen sie nie Vollkornbrot“, erklärt ihre Mutter überrascht. Für Naomi, die in der Türkei aufgewachsen ist und oft zusammen mit ihrer Großmutter und ihren Tanten am Backtag Brot gebacken hat, ist es nichts Neues. Trotzdem ist sie hellauf begeistert und gar nicht mehr wegzubewegen.
Wasser ein Lebenselexier
Toll findet sie den von Gerhard Wokurka entworfenen Trinkwasserbrunnen, den die N-ERGIE, gespendet hat. „Endlich kann man auch in Deutschland das Wasser trinken", freut sich Naomie. "Sonst heißt es ja immer das sei schmutzig oder giftig“, kommentiert sie den Trinkwasserbrunnen. Weise fügt sie hinzu: „Solche Spielsachen müssen gar nicht erfunden werden, die sind einfach da.“ Schon läuft sie weiter um auf eine Flow-Form zu klettern. Dieses vom englischen Künstler John Wilkes gestaltete Gerät besteht aus aneinander gereihten Becken, durch die sich das herablaufende Wasser seinen Weg bahnt. Die Kinder stellen Steine und ihre Füße in die Becken und freuen sich darüber, wie das Wasser diese Hindernisse überwindet. Leider werden sie von einer Betreuerin in ihrer Sinneserfahrung gebremst. „Das Programm am "Herten" ist ein Schiffchenrennen“, erklärt sie den Kindern und bittet sie, nicht mehr auf das Gerät zu klettern, sondern sich an das Programm zu halten.
Ein abgesichertes Abenteuer
Die nächste Attraktion ist ein Floß zum Überqueren der Pegnitz. Die Fähre ist für viele Kinder der Höhepunkt auf dem Erfahrungsfeld, obwohl sie ausgesprochen langsam fährt, also ganz gegen den Trend der Zeit. Auch Naomi überquert den Fluss mit ihrer Mutter mehrere Male und kehrt über eine abenteuerlich anmutende Hängebrücke zurück. An der Brücke hängt ein Schild mit der Aufschrift: “Vorsicht Lebensgefahr – nicht rhythmisch Schaukeln.“ Ein abgesichertes Abenteuer.
Kinder destruktiv?
Das durch die Sparkasse Nürnberg geförderte "Aqua-Mobile", hat den Ansturm der Kinder nicht überlebt. Perfekt designed, aber nicht stabil genug ausgeführt. Die an einem Gerüst labil befestigten, beweglichen Behälter, die mit Wasser befüllt kippen und so in einer Kettenreaktion Wasser an den jeweils angrenzenden Behälter abgeben, waren der großen Beanspruchung nicht gewachsen. Drei der vorhandenen Schaufeln sind abgebrochen. Das eigentliche Programm kann deshalb nicht mehr stattfinden. Die Kinder scheint das jedoch nicht zu stören. Sie schöpfen unermüdlich weiterhin Wasser in die kleinen Becken und spielen mit den abgebrochenen Teilen, die sie spontan als Schiffe einsetzen. Ein kleiner beleibter Mann mit spärlichem Haarwuchs macht seiner Enttäuschung mit den Worten Luft, „die Kinder heutzutage machen doch einfach alles kaputt.“ Er fügt noch hinzu, das Erfahrungsfeld wäre eigentlich für Erwachsene aufgebaut. Die vielen Kinder störten ihn, denn er müsse sich beim Erleben seiner Sinne konzentrieren, um auch wirklich die angekündigten Empfindungen fühlen zu können.
Die Sinne zu fordern und neu zu entdecken war die Absicht von Hugo Kükelhaus, dem Begründer des Erfahrungsfeldes zur Entfaltung der Sinne. Auf der Weltausstellung 1967 in Montreal machte er auf sein neuartiges Spielzeug aufmerksam, welches dem durch unsere Zivilisation bedingten Abstumpfen der Sinne entgegenwirken soll. Fortschreitende Technisierung lässt laut Kükelhaus den Sinnen nichts zu tun. Sie entwickeln sich zurück oder sterben ab, wenn sie nicht erneut sensibilisiert werden.
Hoffentlich ist da nichts Lebendiges drin!
Sehr angeregt durch ihre Sinneserfahrung ist eine junge Frau in der Tastgalerie. "Iieeh," ruft sie, während sie mit geschlossenen Augen in eine Reihe Krüge fasst. "Hoffentlich ist da nichts Lebendiges drin!" Der Versuch "Tasten - Töpfe mit Inhalt", ist eine weitere Station auf dem Erfahrungsfeld. Die blind ertasteten Gegenständen erregen Ekel und Heiterkeit. Nicht immer sind die Anleitungen für die Experimente offensichtlich. Das zeigt sich im verständnislosen Gesichtsausdruck so manchen Erfahrungsfeldbesuchers. Die Frage "Was muss man den hier machen" erklingt immer wieder. Sind wir wohl trotz Fortschritt dabei uns zurück zu entwickeln?
