
- Bautzen - an den Ufern der Spree - peter bachstein
Wer zum ersten Mal nach Berlin kommt, mag erstaunt sein über die zahlreichen Gewässer dieser Stadt. Da gibt es Seen, Kanäle und Flüsse - unter anderen auch die Spree. Letztere gehört so sehr zu Berlin, dass sich kaum jemand fragt, wo sie eigentlich her kommt. Selbst Berliner können die Frage nach der Spreequelle nicht unbedingt beantworten. In Berlin selbst ist sie jedenfalls nicht zu finden.
Berlin und die Spree
Bei Erwähnung der Spree denken die meisten Menschen automatisch an Berlin. Das ist die Spreestadt par excellence, seit etwa dreihundert Jahren sowohl erfurchtsvoll wie ironisch auch Spreeathen genannt. Diese anspruchsvolle Bezeichnung stammt aus einem Huldigungsvers Erdmann Wirckers für den Preußenkönig Friedrich I. und dürfte für die damalige kleine Stadt mit etwa fünfzigtausend Einwohnern wohl doch etwas übertrieben gewesen sein. Erst das neunzehnte Jahrhundert hat mit seinen zahlreichen klassizistischen Bauwerken einen nachempfundenen Hauch von Antike in diese Stadt gebracht. Im Bereich der Spreeinsel ist dieser immer noch spürbar.
Von dort aus gesehen machte der Fluss wohl schon immer einen so bedeutenden Eindruck, dass es zu Fontanes Zeiten sogar mal einen "Tunnel über der Spree" gab. Jedenfalls trug ein literarischer Sonntagsverein damals diese Bezeichnung und Fontane verewigte sie in seinem 1898 erschienen autobiografischen Werk "Von 20 bis 30". Aber nicht nur der märkische Literat, sondern auch die ewig junge Marlene Dietrich sang von der Spree, die immer noch durch Berlin fließt, was auch hoffentlich noch ein paar Jahre so bleiben wird.
Doch mag sie auch noch Jahrtausende fließen - ihr baldiges Ende findet sie dennoch hier in Berlin. Denn von der ehrwürdigen Kulisse Spreeathens aus bleiben ihr nur noch wenige Kilometer, bis sie in Spandau von der Havel geschluckt wird. Aber wo ist ihre Quelle?
Scheinbar weiß das keiner so genau, ist aus Berliner Perspektive vielleicht auch nicht so besonders wichtig. Aber die Neugier lässt nicht locker und sie war schon immer das beste Motiv um zu verreisen und zwar Richtung tschechische Grenze, wenn die Landkarte nicht lügt. Also auf in die Oberlausitz.
Von Berlin nach Bautzen
Nun liegt ja nicht nur Berlin an der Spree, sondern unter anderen auch Bautzen. Als Standort für die Suche nach der Spreequelle scheint diese Stadt durchaus interessant zu sein. Von Berlin aus dauert die Fahrt dorthin etwa dreieinhalb Stunden, egal ob mit Auto oder Bahn. Mit dem Regionalzug geht es übrigens am besten, trotz der beiden Umstiege in Cottbus und Görlitz.
Man kann also von Berlin kommend am Mittag bereits in Bautzen sein und muss auch nicht unbedingt gleich weiterfahren, um die Spreequelle zu finden. Besser vielleicht, die Stadt selber erst mal ein bisschen kennenlernen, denn sie hat mehr zu bieten als Senf und das Gelbe Elend, wie hier der Knast heißt. Immerhin ist Bautzen gut tausend Jahre alt, hat trotz mancher Bausünden eine sehenswerte Altstadt und ist darüber hinaus ein Zentrum der Sorben. Deswegen sind hier auch alle Straßenschilder zweisprachig und manche Bewohner nennen die Spree daher auch Sprjewja.
Allerdings sind manche Bautzner nicht immer gut auf die Spree zu sprechen. Normalerweise sieht sie hier eher aus wie ein besserer Gebirgsbach. Doch immer wieder verwandelt sie sich in einen reißenden Strom, der Brücken, Häuser, Straßen verschluckt. Dieses Übel betrifft aber hauptsächlich die Seidau, jene Vorstadt direkt im Spreetal, wo die Gerber einst ihr etwas geruchsintensives Handwerk betrieben. Oben auf dem Felsen jedoch, wo die Wehrtürme der alten Kaufmanns- und Handwerkerstadt noch immer in den Himmel ragen, fürchtet niemand die Spree. Selbst das extreme Hochwasser des vergangenen Jahres konnte zwar erneut einige Häuser der Seidau wegreißen, erreichte aber niemals die Zinnen der eigentlichen Stadt.
Bautzens Beziehung zur Spree scheint intensiver zu sein, als das in Berlin der Fall ist. Natürlich hat Berlin jede Menge Wasserwege, sogar einen zweiten Fluss. Das relativiert Berlins Verhältnis zur Spree natürlich. Bautzen hingegen muss sich allein mit diesem Gewässer begnügen, das erst noch ein richtiger Fluss werden will. Trotzdem ist er Namensgeber unter anderem für das Schwimmbad, ein Hotel und eine Pension. Letztere braut übrigens ein phantastisches unfiltriertes Bier - allerdings nicht mit Wasser aus der Spree.
Die Quellen der Spree
Nun gehört die Spree nicht gerade zu den größten Flüssen der Welt und auch verglichen mit anderen deutschen Flüssen hat sie mit etwa vierhundert Kilometern Länge eher bescheidenere Ausmaße. Trotzdem gibt sie sich keineswegs nur mit einer Quelle zufrieden. Vielmehr müssen es gleich drei sein. Diesem Umstand verdankt sie möglicherweise auch ihren Namen, denn dieser soll soviel wie "Streuung" oder "streuen" bedeuten und sich eben auf diese drei Quellen beziehen.
Um sie zu besuchen muss man von Bautzen aus noch ein Stückchen weiter gen Süden fahren - zum Beispiel nach Ebersbach an der tschechischen Grenze. Hier wird eine der Quellen mit einem pittoresken Häuschen aus dem Jahre 1895 geschmückt. Auch die zweite Quelle in Neugersdorf bekam 1888 ihren ganz besonderen Schmuck in Form einer schmiedeeisernen Einfassung. Die dritte entspring einem der sagenhaften Blauen Steine der Oberlausitz - dem 583 Meter hohen Kottmar. Sie ist wahrscheinlich die geheimnisvollste der Drei, denn die Blauen Steine sollen die Oberlaustitz schon oft vor Katastrophen und Verwüstungen geschützt haben. Ob die Quelle aber ein wenig von der mythischen Kraft des Felsens mit bekommen hat, verraten die alten Sagen jedoch nicht.
