Von der Leselust zum Lesefrust?

Das Leseverhalten hat sich geändert. Wir lesen nicht unbedingt weniger, sondern anders: Stichwort Internet. Ein kurzer geschichtlicher Rückblick.

Die Ergebnisse der Pisa-Studie (Programme for International Student Assessment) des letzten Jahres werden im Dezember 2010 veröffentlicht. Im Mittelpunkt stand das Thema „Lesen“. Ein kontroverses Thema in der heutigen Zeit, denn das Leseverhalten hat sich eindeutig verändert: was und wie wir lesen und zum Teil auch die Motivation dahinter. Gehen wir doch ein bisschen zurück in der Geschichte und beleuchten das Leseverhalten des 18. und 19. Jahrhunderts.

Leselust im Wandel der Zeit

Wie schon erwähnt, die Motivation uns einer Lektüre zuzuwenden, ist nur mehr zum Teil die gleiche geblieben. Im 18./19. Jahrhundert gab es noch einen hohen Prozentsatz an Analphabeten und Bildung war nicht für jedermann zugänglich. Umso mehr wurde jede Art der Lektüre mit Interesse – von vielen auch mit Argwohn – aufgenommen und besonders neue Gattungen wie der Roman erreichten ein breites Publikum. Es bildeten sich Lesegemeinschaften von Personen mit ähnlichen Interessen und ähnlichem sozialem Milieu, die angeregt über das Gelesene diskutierten, ihr Wissen im Austausch mit anderen teilten und erprobten. Es kam zur „Aufklärung“ breiter Massen, die durch das Lesen Teil einer Öffentlichkeit wurden, die vielen im wahren Leben verwehrt blieb. Lesen war ein besonderes Gut, es stand für einen Wandel in der Gesellschaft, eine geistige Revolution, und Begriffe wie Leselust und Lesesucht entstanden.

Der Faktor Internet

Heute stehen uns alle Möglichkeiten offen, wenn es um das Thema Lesen geht. Entweder wir schmökern in Bibliotheken, Buchhandlungen, im Buchregal zu Hause oder im Internet nach der geeigneten Literatur. Nur ein geringer Teil wendet sich jedoch den ersten drei Varianten zu, die meisten werden sich für die letztere entscheiden. Das Internet bietet die Möglichkeit, Informationen in kürzester Zeit verfügbar zu machen. Wir leben in einer schnelllebigen Zeit: Wissen muss oft sofort abrufbar sein und nur das scheinbar Wichtigste ist von Bedeutung. Es ist Wissen in fragmentierter Form, häppchenweise serviert und leicht verdaulich aufbereitet. Der Vorteil: Jeder kann sich Zugang zu allen Themen des Lebens verschaffen, kann über Grenzen hinweg mit anderen kommunizieren und seine Meinung und seine Ideen öffentlich machen. Und die, die sich vorher nur mühsam von Anfang bis Ende einem Buch oder einer Zeitung widmen konnten, fühlen sich vielleicht durch die einfache Aufbereitung (etwa RSS-Feeds) im Internet angezogen und lesen mehr oder überhaupt. Der Nachteil: Wir widmen uns vielen Themen nur mehr im Ansatz, gehen nicht in die Tiefe und saugen meist vorgefasste Meinungen unreflektiert auf, da wir selbst zu wenig wissen, um eine eigene überhaupt bilden zu können. Wir sollten beides kombinieren und von beidem profitieren.

Das Buch zwischen Pflicht und Entspannung

Das Leseverhalten hat sich geändert, nicht aber grundlegend die Motivation und die Ziele. Wir müssen ohnehin so viel Fachliteratur für die Schule, für die Ausbildung, das Studium und unsere Arbeit lernen, dass wir Lesen oft als Belastung empfinden. Und wenn wir uns für ein Buch entscheiden, dann meist für „leichte Kost“, die zur Entspannung und in weiterer Folge zum Eskapismus führt.

Dennoch sollten wir Büchern (ob in Papierform oder als E-Book) mehr Zeit einräumen, uns mit Themen beschäftigen, die fernab vom Arbeitsalltag unser Interesse hervorrufen, die uns bereichern und die uns die Ruhe geben, die wir im Alltag leider oft verloren haben.