Fast jeder kennt die prächtigen französischen Kathedralen wie Notre-Dame in Paris oder Reims, die mit ihrer gotischen Formensprache verzaubern. Doch wie fing alles an? Woher kommen die Ideen? Hierfür sollte man zunächst an den Beginn der normannischen Romanik gehen, um die entscheidenden Neuerungen auf den Weg zur Entwicklung der Gotik besser verstehen zu können.
Entstehung der Normandie
Im Jahre 911 schloss Karl der Einfältige mit dem Anführer der Normannen, Rollo, einen Vertrag, der dazu führte, dass sich die Normannen in der Grafschaft Rouen niederließen und auch die Taufe empfingen. Dies gilt als die Geburtsstunde der Normandie. Besonders verdient machten sich die Normannen, indem sie zahlreiche Kirchen und Klöster stifteten. Einen Höhepunkt ihrer Herrschaft bildete die Invasion Englands im Jahre 1066 durch Herzog Wilhelm, von der uns auch der Teppich von Bayeux berichtet. Durch die Eroberung kam die Romanik auf die Insel.
Zahlreiche neue Kirchengründungen bescherte Frankreich der einsetzenden Reliquienkult und die daraus resultierenden Pilgerfahrten.
Romanik
Die romanische Baukunst der Normandie gibt nicht nur dieser Landschaft neue Impulse, sondern strahlt außerdem noch in andere französische Gebiete aus, wie z. B. die Ile-de-France, aber auch in die von den Normannen eroberten Gebiete wie Großbritannien, Sizilien und Süditalien. Kennzeichnend für die normannische Architektur sind Doppelturmfassaden und die Vierungstürme.
Notre-Dame in Jumièges
Solch ein Vierungsturm, der an der Stelle aufragt, wo sich Langhaus und Querhaus treffen, befindet sich an der Abteikirche Notre-Dame in Jumièges. Die Kirche wurde 1040 als Neubau unter Abt Robert Campart begonnen. Hier findet man im Mittelschiff eine typisch romanische Flachdecke, aber in den Seitenschiffe bereits Kreuzgratgewölbe, ein Vorläufer des gotischen Kreuzrippengewölbes. Erste Schritte in Richtung Gotik werden auch am Wandaufbau sichtbar. Ist dieser in der Romanik meist auf Massivität ausgelegt, wird in Jumièges das Schiff schmaler und steiler. Die Wände im Inneren sind nicht mehr durchgehend, sondern werden unterteilt und erhalten durch Wandvorlagen mehr Plastizität. Außerdem wird die Dicke der Wand durch Arkadenöffnungen verringert. So werden in Notre-Dame bereits die ersten Schritte zur Auflösung der Wand sichtbar, die in der Gotik eine große Rolle spielte.
Caen
Weitere Beispiele für die aufkommende Gotik gibt es auch in der Abteikirche Saint-Etienne in Caen. Sie wurde um 1064 begonnen und 1077 geweiht. Diese Kirche war eine Stiftung Wilhelms des Eroberers und seiner Gemahlin. Wilhelm wurde in ihr schließlich auch 1087 beigesetzt. In dieser Kirche hat die Romanik ihre größte Grenze der Durchlichtung erreicht. Da es an den notwendigen technischen Voraussetzungen fehlte, kann die Auflösung der Wand erst wieder in der Gotik weiter vorangetrieben werden mit Hilfe des stützenden Strebewerks und der Ausbildung des Rippengewölbes.
Es befindet sich noch eine zweite betrachtenswerte Kirche in Caen. Die Abteikirche St. Trinité wurde 1059 von Mathilde, der Frau Wilhelms des Eroberers, gegründet und 1066 geweiht. In ihr ließ sich Mathilde 1083 beisetzen. Es handelt sich ebenfalls wie bei Saint-Etienne um eine dreischiffige Basilika. Hier haben nicht nur die Seitenschiffe ein Kreuzgratgewölbe sonder ebenfalls der Chor. Doch das wirklich interessante ist, dass sich über dem Arkadengeschoss Blendtriforien befinden, da Triforien eines der Standartelemente im gotischen Wandaufriss werden sollen.
Der Weg zur Gotik
Auch im Burgund sind bereits Ansätze gotischen Formenguts erkennbar.
Die wohl praktischste Entwicklung war die, des Umgangchores. Da ein reger Reliquienkult einsetzte, musste man den Massen an Pilgerströmen Herr werden, die sich meist vor den Reliquien zu stauen begannen. Durch den Umgangchor konnten die Pilger nun einmal um den begehrten heiligen Gegenstand herumgeführt werden.
An den Beispielen wird deutlich, dass sich allmählich in der Normandie und im Burgund, die ersten Stilmerkmale der Gotik erkennen lassen. Nach und nach weichen die romanischen Elemente und die großen Kathedralen können sich entwickeln.
