Der Kommunismus in Afghanistan

Die Anfänge der Demokratischen Volkspartei Afghanistans

Den afghanischen Kommunisten gelang, was arabischen Bruderparteien stets missglückte: Die Machtergreifung. Dabei fing alles im Wohnzimmer eines Schriftstellers an.

„Der Kommunismus ist die einzige politische Bewegung der Geschichte, die mehr Anhänger durch eigene Gewalttaten als durch die Hände ihrer Feinde verlor“, schrieb Hermann Weber einmal, und auch wenn er dabei mehr die Säuberungen der stalinistischen Ära als den afghanischen Kommunismus im Blick hatte, kann seine Äußerung auch bei einer historischen Betrachtung der Demokratischen Volkspartei Afghanistans als Einleitung Verwendung finden: Die Geschichte der DVPA, der Hizb-i-Dimukratik-i-Khalq Afghanistan, ist weniger die Geschichte eines Kampfes um soziale Gerechtigkeit als vielmehr ein Trauerspiel allseitigen politischen und persönlichen Verrats.

Der Sozialismus wird parteilich

Die DVPA wurde am 01. November 1965 von Babrak Karmal, Nur Muhammad Taraki und 27 weiteren Genossen in Tarakis Haus in Kabul gegründet. Der Journalist und Schriftsteller Taraki wurde zum Generalsekretär, Karmal zu seinem Stellvertreter gewählt, die einem Fünfköpfigen Politbüro vor standen.

Karmal hatte bereits während seines Studiums der Rechtswissenschaften an der Universität Kabul Kontakt mit marxistischen Ideen, was in seinem Engagement in der westlich-demokratisch geprägten Studentenorganisation "Erwachte Jugend" (Wikh-i-Zalmaiyan) mündete. 1956 nach mehrjähriger Haft entlassen, fand er einerseits eine Anstellung beim Ministerium für Planung, um gleichzeitig eine kommunistische Plattform, die Marid, zu gründen, die in die DVPA mündete.

Ein Land wird politisch

Afghanistan stand zu dieser Zeit vor großen Umwälzungen, da sein Haushalt größtenteils durch westliche und osteuropäische Kredite finanziert wurde und das Land in Schulden versank, ohne dass der bedrückenden Situation der Bevölkerung (Unterdrückung durch Großgrundbesitzer mit eigener Gerichtsbarkeit und eigenen Gefängnissen, eine Analphabetismusrate von über 97% und regelmäßigen Hungersnöten) gemildert wurde.

1963 sah sich König Zahir Schah gezwungen, politische Parteien zu erlauben, was zu einem Erstarken vieler nationalistischer oder islamischer Parteien führte. Die DVPA war jedoch die einzige, in der sich sozialdemokratische, sozialistische und kommunistische Politiker versammelten.

Die Parteizeitung Khalq, „Die Massen“ oder „Das Volk“, erreichte eine Auflage von 10.000 bis 20.000 Stück, was im bis heute stark analphabetisch geprägten Afghanistan einen außergewöhnlichen Erfolg darstellte. Der Erfolg war so groß, das Zahir Schah die Zeitung am 23. Mai 1966 wegen anti-monarchischer und anti-islamischer Agitation verbieten ließ. Im selben Jahr wurde die gesamte Partei verboten, was zu starken innerparteilichen Streitigkeiten über den weiteren politischen Kurs führte.

Zwei Männer und zwei Richtungen

Karmal, 1966 und 1969 ins Parlament gewählt, stand der eher sozialistisch-gemäßigten Parcham („Banner“)-Fraktion vor, die ihre Anhängerschaft in den großen Städten hatte, während der bereits seit 1952 für den KGB spionierende Taraki mit dem Khalq („Massen“)-Flügel einen strikt am sowjetischen Kommunismus-Modell orientierten Kurs verfolgte, der zudem stark von der in den ländlichen Gebieten Ostafghanistans vertretenen Volksgruppe der Paschtunen und deren Stammesrivalitäten geprägt war. Daneben gab es weitere, allerdings für den Verlauf der Geschichte unbedeutende Fraktionen, wie die Kar-Gruppe, die später vollkommen aufgerieben wurden.

Die Partei stand damit von Anfang an vor einer ähnlichen Situation wie 1903 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands: Sollte das vorindustrielle Land erst in eine bürgerliche Republik oder, in einer permanenten Revolution (ironischerweise erstmals von Leo Trotzki formuliert), gleich in den Sozialismus „überführt“ werden?

Der Streit wurde von Anfang an von harten politischen Auseinandersetzungen und persönlichen Verleumdungen begleitet. So warf die Khalq-Fraktion der Parcham vor, insgeheim mit dem Regime des Königs zusammenzuarbeiten, da deren gleichnamige Zeitung legal herausgegeben werden konnte. Im Gegenzug beschuldigten Karmal und seine Mitstreiter die Khalq, einen vollkommen an der wirtschaftlichen Rückständigkeit des Landes vorbei gehenden Kurs der Sowjetisierung zu verfolgen. Ihr Konzept bestand darin, sämtliche demokratischen und anti-imperialistischen Kräfte in einer Nationalen Front zu bündeln, um langsam die Voraussetzungen für ein sozialistisches System zu schaffen.

Die endgültige Spaltung

1967 kam es schließlich zur (offiziell nie eingestandenen) Spaltung der Partei. Karmal bemühte sich, im Zentralkomitee Mitstreiter gegen den Khalq-Kurs zu finden und scheiterte. Nach einem Eingeständnis seiner Niederlage und einer (scheinbaren) Abkehr von seinen eigenen Ideen konnte er zwar seinen Posten behalten, musste aber mit ansehen, wie seine Anhänger größtenteils aus der Parteiführung entfernt wurden. Die Entwicklung der DVPA zu einer marxistisch-leninistischen Partei Moskauer Zuschnitts hatte begonnen; zu einer Partei, die im stark islamisch geprägten Afghanistan von vorne herein im Gegensatz zu breiten Teilen der Bevölkerung stand. Der Einfluss beider Flügel auf die politischen Entwicklungen sank erheblich, und als der König 1973 tatsächlich aus dem Amt gejagt wurde, musste sich die DVPA vorerst mit der Rolle des unbeteiligten Beobachters zufrieden geben.

Johannes Thiedig, Johannes Thiedig

Johannes Thiedig - Johannes Thiedig entschied sich nach seinem Studium der Germanistik, Geschichte und Politk für eine Karriere als freier ...

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