Von der Wahrnehmung teuerer Autos

Kommentar zu den Brandanschlägen in Berlin

Reizobjekt Porsche  - Hartmut Giessler
Reizobjekt Porsche - Hartmut Giessler
Motive und Hintergründe rund um die Frage, warum es in Berlin immer wieder zu Anschlägen auf Luxusautos kommt.

Von „ganz Feuer-und-Flamme“ bis hin zur Brandstiftung: Die öffentliche Wahrnehmung großer und teurer Autos variiert heute zwischen Bewunderung und Neid bis hin zu offener Ablehnung. In Berlin zeigt sich die Ablehnung seit einigen Jahren in einer besonders aggressiven und in Deutschland bisher unbekannten Form: Woche für Woche brennen hier große und teure Autos. Fühlen sich die einen dabei an die Pariser Banlieues erinnert, wähnen sich andere schon in Bagdad.

Was geht da vor? Warum lassen einige Autos die Emotionen so hochkochen?

Die Attraktivität der Autos

Zunächst mal hat das Auto im Vergleich zu anderen heute gebräuchlichen Verkehrsmitteln einen handfesten Vorteil: In Verbindung mit der entsprechenden Infrastruktur macht es unabhängig und flexibel, es macht mobil. Darüber hinaus haften dem Auto aber seit jeher auch „weiche“ Qualitäten an: So mag das Auto seinem Nutzer das Gefühl von Freiheit und Kraft vermitteln. Auch Individualität und Persönlichkeit spielen hier eine große Rolle: Heute versuchen Hunderte verschiedene Modellvarianten, den unterschiedlichen Bedürfnissen, Nutzungsarten und auch den unterschiedlichen Charakteren ihrer Käufer zu entsprechen. Sehr schnell wird die Kaufentscheidung zum Ausdruck der eigenen Lebenseinstellung und zur Selbstinszenierung. Viele Automodelle sind ganz wesentlich Lifestyleprodukte. Zwar wird der Kauf auch von irrational großen und übermotorisierten Modellen häufig mit rationalen Argumenten wie Sicherheit, Komfort und vielleicht auch noch Schönheit begründet; Aber darüber hinaus spielen hier zumindest unbewusste häufig auch weitere Anliegen wichtige Rollen. So kann ein entsprechendes Auto immer auch repräsentieren, kann für den Erfolg und das gesellschaftliche Ansehen seines Besitzers stehen. Viele große Firmen, Banken und Unternehmensberatungen benutzen das Auto ganz offen genau so: je höher die Position desto teurer der Dienstwagen.

Das Auto als politisches Statement

Nun könnte man ja denken: Wer sich an schönen und technisch ausgereiften Autos erfreut, oder, anders ausgelegt, wer das Auto fürs Egotuning nötig hat, der soll sein Geld doch in eine entsprechende Karosse stecken. Aber was für den einen ein Reiz darstellt, reizt den anderen: So widerspricht das Auto als materialisierte gesellschaftliche Hierarchie lautstark einer Weltanschauung, die im linken politischen Spektrum verortet werden kann: Es dreht sich dabei um das diffuse Ideal einer klassenlosen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der materialistische Unterschiede kein Gewicht haben und auch nicht erstrebenswert sind. Das teure Auto am Straßenrand wird damit zum politischen Statement. Diese Ansicht scheint noch dadurch gestützt zu werden, dass teure Autos heute zumeist sehr konservativ gestaltet sind. So unterscheiden sich die einzelnen Modelle in der Oberklasse weniger von ihren Vorgängergenerationen, als dies in anderen Klassen der Fall ist. Designerische Innovationen finden heute eher bei Mittelklasse- und Kleinwagen statt. Auch diese Tatsache führt dazu, dass das eigentlich unpolitische Auto aus Blech und Plastik leicht in das politische Spektrum eingeordnet werden kann. Und hier greifen dann simpel gestrickte „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“-Denkschemata, die in Vandalismus gegen entsprechende Autos ausufern können.

In einigen Vierteln Berlins wird das Auto zudem als Zeichen der Gentrifizierung oder auch „Yuppisierung“ gedeutet: Insbesondere im Ostteil der Stadt werden häufig attraktive Innenstadtviertel nach aufwendigen Sanierungsmaßnahmen für einen Großteil der ursprünglichen Bewohner zu teuer. Diese Menschen werden dann von reicheren Leuten verdrängt – von Leuten mit großen Autos.

Umweltauswirkungen

Es ist kein Geheimnis, dass Autoverkehr Umweltauswirkungen hat: Luftverschmutzung, Lärm, Flächenverluste, Sicherheitsrisiken, Klimawandel und allgemeine Beeinträchtigungen der Lebensqualität sind einige davon. Dies alles sind Probleme, die nicht durch das einzelne Auto verursacht werden, sondern die sich durch den kollektiven Einsatz dieser Verkehrsmittel aufsummieren. Trotzdem könnte man mit einiger Berechtigung sagen, dass Besitzer von großen, übermotorisierten Autos doch ein bisschen mehr Schuld an diesen Umweltauswirkungen haben als der Großteil der andere Verkehrsteilnehmer. Auch dies lässt sich wieder politisch deuten: Jedem ist klar, dass das Ökosystem der Erde überfordert wäre, wenn jeder fahrtüchtige Mensch einen großen Spritfresser fahren würde. Diese Fahrzeuge können also nur benutzt werden, weil andere sie nicht benutzen. Hier wird sich offenbar ein zu großes Stück vom Kuchen abgeschnitten, was das Gerechtigkeitsempfinden vieler Menschen verletzt.

Übertragene Probleme

Eine Gesellschaft besteht nie aus isolierten Individuen. Was Menschen tun, hat Auswirkungen auf andere Menschen – insbesondere wenn diese Tätigkeiten nicht im Privaten stattfinden sondern in der Öffentlichkeit, was beim Autofahren der Fall ist. Hier kommt es zu Auswirkungen, die als „übertragene Probleme“ bezeichnet werden: So mögen beispielsweise große Geländewagen für ihre Insassen besonders sicher sein, bei einem Crash sind sie aber durch ihre Höhe und ihre Steife für die anderen Verkehrsteilnehmer ein Sicherheitsrisiko. Stark motorisierte Autos mit leistungsfähigen Bremssystemen mögen auch bei hohen Geschwindigkeiten noch sicher betrieben werden können, für die anderen sind hohe Geschwindigkeiten aber eine Gefahr. Neben Sicherheitsrisiken können auch Beinträchtigungen der Lebensqualität als „übertragene Probleme“ auf andere Menschen abgewälzt werden: So leisten sich viele gut situierte Menschen ein Haus im Grünen – weil es dort zum Beispiel nicht so viele Autos gibt. Um aber trotzdem an den Vorzügen der Stadt teilzuhaben, nutzen sie Autos und fahren damit dort, wo sich andere Menschen vielleicht bewusst für eine zentrale Wohnung und gegen ein Auto entschieden haben. Dies kann man insbesondere in Berlin beobachten: Die Stadt hat die deutschlandweit geringste Autodichte pro Einwohner, trotzdem ist alles voll Autos. Nicht selten sind dies die Autos der Leute, die „im Speckgürtel“ außerhalb der Stadt wohnen, Verkehrslärm und Abgase betreffen aber vor allem die Städter.

Lehre aus dem Vandalismus

Um es vorweg ganz klar zu sagen: Das feige und hinterhältige Zerstören von teuren Autos macht die Welt nicht besser. Diese vorurteilsbasierte und willkürliche Form der Selbstjustiz gegen Personen und Familien kann kein intelligenter Mensch gutheißen. Ganz abgesehen davon, dass die vermeintlichen Oberschichtenmenschen, die eigentlich getroffen werden sollen, häufig über eine Versicherung verfügen, der alte Golf, der neben der Luxuskarosse geparkt hatte und der gleich mit verbrannt ist, aber vielleicht nicht versichert war. Mit einem bloßen Verweis auf Neid, Missgunst oder Unzurechnungsfähigkeit ist die Ablehnung gegenüber diesen Autos aber auch nicht erklärt. Vielmehr muss sich ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür entwickeln, dass verschiedene Autos verschiedene Auswirkungen auf die Umwelt und auf andere Menschen haben können und dass heute viele Menschen große, teure und übermotorisierte Autos als Provokation wahrnehmen. Wenn der soziale Friede dauerhaft gewahrt werden soll, dann sind Toleranz, Sensibilität und Respekt vor Werten und Weltanschauungen gefragt – und zwar von allen.

Stefan Heimann, Stefan Heimann

Stefan Heimann - Ich habe Elektrotechnik und Philosophie in Aachen und Berlin studiert und beschäftige mich sehr viel mit Umwelt- und Klimaschutz und ...

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