
- Regisseur Louis-Jeremy Spieß und Felicity Grist - creativeurge.org
Begonnen hatte alles im Sommer 2005, als Louis-Jeremy Spieß sein Drehbuch „Aus(Punkt)" verfilmen wollte. Schon seit Jahren war er im Kurzfilmbereich tätig, doch die mit den Mitteln der Dokumentation aufgezogene Satire über den Tag eines Stellvertreter des Todes (Einzugsgebiet Wien und Umgebung), begann ein neues Kapitel im Schaffen des Filmemachers. Seine Spießgesellen waren, wie schon bei einigen Projekten zuvor, Sebastian Leitner – mit Hauptbereich Kamera und Schnitt – sowie Mathias Kolb und Thomas Seiger. Gemeinsam stemmte man das Unternehmen „unabhängiger Kurzfilm“ und erkannte die Möglichkeit, als kleine Gruppe die Projekte umzusetzen, die man auch selbst auf der Leinwand sehen will: Das „Creative Urge“ war geboren.
Durch straffe Arbeitsteilung zu ehrlichen Geschichten
„Genau genommen war ‚Aus(Punkt)‘ wie ein Arbeitspapier, mit dem wir uns selbst bewiesen, dass es möglich war, unabhängig zu arbeiten“, so Sebastian Leitner. Seitdem haben die vier Wiener mehrere Werke realisiert und versuchen dabei ihrem Anspruch treu zu bleiben, „ehrlich Geschichten zu erzählen“. Während sich in der Projektfindungsphase alle vier Mitglieder einbringen, tritt ab der Pre-Produktion – je nach Projekt – bereits eine straffe Arbeitsteilung ein. Alle gemeinsam sorgen während der Dreharbeiten für die richtige Arbeitsatmosphäre. Einzig das Drehbuch liegt stets in den Händen desjenigen, der die Grundidee zum Projekt entwickelte.
Film-im-Film Satire "Blitzblau" und die "FladerantenSchau" als Marksteine
Dabei hat sich zu Beginn auch ein entsprechender Stil durchgesetzt: Skurrilität und Surrealität stehen im Vordergrund. „Wir wollen unterhalten“, meint Sebastian Leitner. Wie schon bei „Aus(Punkt)“, so setzten auch die Film-im-Film-Satire „Blitzblau“ – welche zuletzt bei den Wiener Video- und Filmtagen und indiestars.de zu sehen war – und die zunächst nur als Nebenprojekt anvisierte Mini-Serie „Fladeranten Schau“ auf die Vermengung des Dokumentarischen und des Fiktiven.
Vor allem bei der später auf OKTO und cohesive.tv ausgestrahlten 12-teiligen „FladerantenSchau“ verbinden sich diese beiden Elemente, wenn zwei Möchtegern-Verbrecher von einem Kamerateam interviewt und auf ihren Diebeszügen verfolgt werden. Doch bei „Creative Urge“ will man mehr: „‚echt jetzt‘ ist ein sehr dramatisches Sujet und zeigt eine größere Bandbreite“, merkt Sebastian Leitner vielversprechend an. Ende September 2009 wurde basierend auf einer wahren Begebenheit, die leidvolle Geschichte von Lissi W. erzählt.
Eine wahre Geschichte: "echt jetzt"
Der Wechsel von der Fake-Dokumentation (oder auch Mockumentary) hin zum geerdeten Drama, hat dem Team allerdings nichts von seiner Experimentierfreude genommen. In drei in ihrer Tonart völlig unterschiedlich aufgebauten Trailern – die alle auf der offiziellen Website zu besichtigen sind – weisen die Filmemacher auf das Spiel mit der Erwartungshaltung des Zusehers hin und deuten zugleich auch den Reichtum an, der sich in den Bildkompositionen von „echt jetzt“ verbirgt. Um zu derartigen Resultaten zu gelangen, musste allerdings auch ein nicht zu unterschätzender Aufwand betrieben werden. Wie auch schon bei vorangegangenen Arbeiten, war auch bei „echt jetzt“ Improvisation gefragt, dabei sind die finanziellen Mittel beschränkt. Die Mitglieder der No-Budget-Gruppierung, stützen sich auf die Ersparnisse, was dazu führt, immer wieder handwerklich tätig zu werden, um Arbeitsmaterialien oder für eine Szene notwendige Requisiten zu zimmern. Dabei steht ein Grundgedanke bei allen Projekten immer im Vordergrund: „We just do things“, so der Leitspruch für locker-leichtes Arbeiten von Creative Urge.
Diesem Motto folgend funktioniert „echt jetzt“ vor allem, wenn sich die Macher selbst nicht zu ernst nehmen. Das gelingt insbesondere wenn Haupdarstellerin Felicity Grist als Lissi ihr Liebesleben mit ihren drei besten Freunden diskutiert. Das eine oder andere Klischee – der männliche Freund ist selbstverständlich schwul – darf da natürlich nicht fehlen, dient jedoch zur Auflockerung der ernsten Thematik, welche im Endeffekt mit genügend Feingefühl aufgerollt wird. Selbst wenn in der einen oder anderen Sequenz die Farbfilter ein wenig zu sehr die Stimmung eines David Lynch-Thrillers vermitteln wollen und so manche Montage um die eine oder andere Minute kürzer geraten hätte können. „echt jetzt“ bleibt ein äußerst sehenswerter Kurzfilm.
