
- Russische Eier - Schwehn
Er ist deutschem Gedankengut entsprungen, wiewohl die Gelehrten auch welschen Einschlag nicht ganz ausschließen können. Er hat Konkurrenten - vom Kranich und Storch über den Fuchs bis hin gar zum Christkind. Er hat viele Feinde; und deshalb auch ist er in der Lage, sein Blickfeld auf 190 Grad zu weiten. Urkundlich wird er erstmals erwähnt in den Jahren 1638 und 1682, und zwar im Saarland, im Neckarraum und im Elsaß. Die Rede ist vom eierbringenden Osterhasen. Dieses wundersame Geschöpf, dem die Zoologen die Existenz absprechen möchten, ist gleichwohl in die wissenschaftliche Literatur eingegangen: "De ovis paschalibus - Von Oster-Eyern", lautete die 1682 von dem Heidelberger Georg Franck gefertigte Dissertation.
Eine Geschichte für die Einfältigen und die Kinder
Wie aber kam es, daß sich Meister Lampe mit den braunglänzenden Augen und dem flinken Geläuf als Eierspender zur Osterzeit so nachhaltig durchgesetzt hat? So, wie es schon im 17. Jahrhundert an Saar und Neckar bis ins Westfälische hinein Brauch war? Seinerzeit erzählte man den Einfältigen und den Kindern, es sei der Hase, der "Stoppelhopser", der die Eier bringe und sie verstecke, auf daß die Knaben und Mägdelein sie suchen sollten zum Ergötzen der Erwachsenen. Die Gelehrten erarbeiteten zwei unterschiedliche Thesen - wie anders sollte es auch sein:
Zwei Symbole für Leben und Fruchtbarkeit
Die einen beziehen sich auf eine alte Wahrheit, nämlich darauf, daß das Ei Symbol für Leben und Fruchtbarkeit ist. Aber auch der Hase ist schon seit der Antike ein solches Symbol, und mit Beginn der Christenheit ist er zugleich als ein Auferstehungssysmbol gedeutet worden. Und flugs gibt es zwischen Ei und Hase eine innere Verwandtschaft. Ein Zweites kommt hinzu. Im Mittelalter war es in deutschen Landen üblich, Pacht und Zins, also die Steuern, vorwiegend in Naturalien zu entrichten. Und einer der beiden großen "Steuertermine" war Ostern - die Zeit der ersten Eierschwemme und zugleich die der schmackhaften Frühjahrshasen. So wurde beides ein beliebtes Steuerentgelt. Und darum sagt die eine Denkrichtung unter den Volkskundlern, die symbolische Deckungsgleichheit von Ei und Hase sowie deren materielle Zusammenführung zum Ausgleich von Pacht und Zins hätten dazu geführt, daß der Hase in der volkstümlichen Überlieferung alle anderen Eierbringer verdrängt habe.
Die Protestanten "sekularisierten" die Ostereier
Andere Volkskundler sehen indessen den eierbringenden Osterhasen als Ausfluß der Reformation in Deutschland. Denn zuvor habe sich angesichts des strengen Fastenbrauchs zwischen Aschermittwoch und Ostern stets eine Eierschwemme angesammelt, weil nicht nur der Fleischgenuß sondern auch der Eierverzehr den rechten Katholiken verboten war. Was dazu führte, daß der "Eierberg", bunt bemalt, in den Kirchen geweiht und frommen Patenkindern von den Alten geschenkt wurde. Solchem Brauch allerdings, dem Fasten und Eierweihen, mochten sich die Protestanten nicht länger anschließen. Sie säkularisierten die zuvor kirchlich geweihten Ostereier und suchten nach einem neuen Boten; sie verfielen schließlich auf den bei den Kindern beliebten Meister Lampe.
