Von San Francisco reiste Rosenthal zur Schwefelinsel "Iwo Jima"

Von San Francisco zu den Alliierten im Pazifik  - Gerd Altmann  / pixelio.de
Von San Francisco zu den Alliierten im Pazifik - Gerd Altmann / pixelio.de
Ein Feature zum 100. Jahrestag des Fotografen Joe Rosenthal und Ikonenbild der Schlacht am "Iwo Jima". Gewürdigt mit dem Pulitzerpreis 1945.

Freiheitskämpfer im Zweiten Weltkrieg: Frauen und Männer, Tiger, die der Zurückdrängung der Demokratie entgegneten und die Unersetzbarkeit der demokratischen Staatsform mit unerbittlichem Einsatz auch im Pazifik verteidigten.

Historischer Auftrag

Über den Zweiten Weltkrieg kann man in publiken Bibliotheken nachblättern. Schreitet man dann entlang der gediegenen, grünbeschirmten Lampe und dem Tisch zum Fenster und sieht hinaus, kann man hin und wieder auch rechts-und linksideologische Schmierereien an der Wand einer Apotheke oder unterhalb eines Balkons ausmachen, die einem ungetilgten, neuen Anstrich des sozialistischen oder erzkonservativen Geistes entliehen sind. Die Geschichte ist auch immer eine Säule der gesellschaftlichen Definition und Gegenwart. Doch vermutlich nicht nur aus einem Desinteresse für die publiken, gediegenen "Bildungssalons" wird diese Epoche für manche politische Lager gleichsam nur noch etwas Blutleeres, Archiviertes und Dokumenteartiges sein. Es mag sein, dass die Ereignisse jener Jahrhundertmitte einen beachtlichen Teil kaum zu einer aktuellen, verschärften Wirklichkeitswahrnehmung befeuern wird. Die Korrespondenz über unbekannte und geläufige Namen der Weltkriegszeit wird fehlen, über Ereignisse, die ausgewischt scheinen unter dem Kalkül, dem Oppurtunismus und den kulturkapitalistischen Maßstäben des neuen Milleniums. Dabei werden sie ebenso die Völkergesänge der freien Gemeinschaften und die erkämpfte Hoheit der Wählbarkeit verdrängen. Die Demokraten der Welt wittern nicht nur, sondern bescheinigen für die Grundsätze und Würde der Menschheit stets etwas dieser wegweisenden, beinahe apokalyptischen Jahre. Etwas Nachhaltiges in ihren politischen Agitationen. Bescheinigen werden sie es auch in der anstehenden Jahrhundertmitte. Dabei denkt man hierzulande in erster Linie an die alliierten Freiheitskämpfer in Europa und deutschen Widerstandskämpfer. Menschen, die gegen die Achsenmächte fochten. In zweiter Linie - wenn man auf manchem Rand der Zeitungsseite etwas zu Joe Rosenthal erheischt zu allererst - ebenso an den Pazifik:

Männer, die auch in der Pazifikregion in verschlammten Stiefeln in den tiefen, dunklen Regen marschierten, die sich den japanischen Jagdfliegern A6M2 Zeros und Kyushu J7W1 Shinden stellten, den Maschinengewehren, den entvölkernden Gefechten des Zweiten Weltkrieges. Exakt in diesem Gewirr illustriert und symbolisiert das "Iwojima"- Bild jene schwarzen Kriegsjahre im Pazifik und den Kampf gegen den Oktroyismus der fernöstlichen, japanischen Achsenmacht. Der Militärreporter und Fotograf der Associated Press Joe Rosenthal schoss es. Datiert auf den 23. Februar 1945, auf der Vulkaninsel Iwo Jima.

Am 100. Geburtsjahr des Joe Rosenthal, der 1911 in Washington geboren wurde, erinnern Korrespondenten in Nordeuropa und Übersee ebenso an den Sieg über den programmatischen Radikalismus. In diesem Zusammenhang schwelgt niemand in sinnlosen Rückschauen. Abseits der aktuellen Finanz- und Währungsdiskurse verbirgt sich hinter der Vulkanerklimmung mehr als ein simples, tragisches Kriegsereignis: Es ist die Geburt der transatlantischen Bündnisse und das Sendungsbewusstsein der Rechtmäßigkeit.

Es waren sechs Soldaten, die 1945, zum Kriegsende hin, auf dem pazifischen Vulkan Iwo Jima zugegen waren und den Tiefflügen der japanischen Shinden-Flieger und dem pazifischen Kriegsschauplatz kurzweilig entkommen konnten und mit verschmutzen Uniformen den Vulkan erkletterten, wo sie Reporter Joe Rosenthal zu nachweislichen Teilnehmern des Weltinfernos und Hütern des demokratischen Weltgeistes machte.

Zu Joe Rosenthal

Wer war der Mann, der oftmals mit einer Zigarillospitze im Mundwinkel in die Kamera blickte und auf Mount Iwo Jima den fremden, verführerischen, harten Kriegsereignissen nicht abschwören wollte?

Joe Rosenthal bewarb sich während des Zweiten Weltkriegszeit vorerst erfolglos um einen Posten als Militärreporter. In jenen Jahren davor verdingte er sich bereits als Fotograf in Zeitungshäusern an der amerikanischen Westküste. Zunächst bei der Newspaper Enterprise Association, wo er nach dem College unter kam und unter anderem über Lokalwahlen berichtete und danach in die Redaktionsräume des San Franciso Examiner wechselte. Allmählich schwemmten dunklere Gerüchte über zerbombte Städte in Europa und Asien, über überfüllte Waisenhäuser und für Familien genutzte Squashhallen und Viehställe nach San Francisco, man munkelte über Parkbänke für Juden und Ghettos und organisierte Trommelmärsche in den Großstadtalleen der Achsenmächte. Trotz der brutalen Schilderungen lockte ihn der Kriegsschauplatz, und nachdem er in Europa als Reporter abgelehnt worden war, wollte Joe Rosenthal zu den pazifischen Gefechtsschauplätzen fliegen und für das amerikanische Publikum berichten.

In den Pazifik abgesandt, sollte er die heftigen Schlachten zwischen den Japanern und amerikanischen Militärverbänden dokumentieren. Als Pressemann der Associated Press berichtete er ab März 1944 über die Invasionen auf Guam, Neu-Guinea und Guadalcanal. Ein Jahr später sollte er das berühmteste Bild des Krieges festhalten.

Nicht mehr zum Dinner in San Francisco - die Wahl für die Feldlager im Fernen Osten

Nun hielt er sich also nicht mehr im beschaulichen San Francisco auf, wo er für eine Reportage auf eine der Straßenbahnen aufsprang und nach Redaktionsschluss fein, unversehrt und in galanter Frauenbegleitung eine Restauranttür aufschob und dinierte. Es war noch friedfertig:

Der Kellner ging mit ihrer Bestellung vom Tisch, und noch etwas der Delikatesse kauend legte er bald die Geldbörse neben Zigarettenspitze und Aktenmappe und bezahlte später das Dinner für die Dame und sich; dann pustete er eine Zigarettenspitze an, klemmte sie zwischen seine Zähne und tippte knapp an die hellrote, zischende Glut, und stieß dann, in charmanter Vergegenwärtigung der neuerlichen Entwicklungen, zu einem Glas Wein mit der schönen Frau und Begleitung an - und billigte es sich vor seinem auswärtigen Einsatz. Denn die Abende änderten sich. Es verblichen die gediegenen Dinner. Abende mit geöffneten Fallschirmen am fernöstlichen Himmel schossen aus der Dramaturgie des Schauplatzwechels. Fortan sah er Leutnants und verkrüppelte Soldaten im Lager und harten, verdrießlichen Hall. So zog er den Dschungel und das Unwegsame des Pazifikkrieges vor, der bereits Hunderttausende Tote einforderte. Rosenthal kam also auch als Mann des Tagesgeschäftes an die Pazifikfront, zur teuflischen Schwefelinsel, auf der keine Blitze des Fantasmus aufflammten und der Oberbegriff der Zerstörung in die Felsen, in das Robben und in die Arme der jungen Existenzen eingraviert schien.

Die Schwefelinsel wird zum Gefechtsschauplatz der Ideologien

Die Schwefelinsel... Das gelbbraune Eiland liegt etwa 1.200 Kilometer südlich von Tokio. Sie war ein Stützpunkt des kaiserlichen Militärs. Die Amerikaner wollten die Insel einnehmen und als wichtigen Flugstützpunkt gegen die japanische Hauptinsel nutzen.

Seinerzeit verwaltete sich die Achsenmacht Japan unter dem Vormund der kaiserlichen, antidemokratischen Leitideen. Zwar stolz, aber gezwungen von einer unaufklärerischen Einparteiensouverinität, unverwässert vom nazistischen Gestade und dem Frevel der 1930er und 1940er Jahre. Alles Kapital, alle wirtschaftlichen Zepter, alle Finanzströme, ob aus Genf, Antwerpen, London und Paris, zu den Zentren der Achsenmächte kanalisiert, hätten seinerzeit nicht gereicht. Auch nicht den Kaisertreuen. Diese Jahre boten keine publiken Brückenbauer, zu wenige, verwaltende Gentleman, keine programmatische Mitte, keine Sozialdemokraten, zu wenige Wahlplakate für Republikaner, keine Parlamentsdebatten, keine Grünen, keine Weltchartavisionäre und Vorboten der Vereinten Nationen – die Brust war gemästet mit Rassendenken und die Öffentlichkeit von nazistischen Stufen bestimmt. Der Militarismus war publik und populär und sollte mit technisierter Mobilisierung etwas Futuristisches erheben. Eine Illusion. So regte sich und fegte der Militarismus auch auch über die japanischen Inseln. Das war die düstere, mit Schuld und Millionenklagen gemästete Brust der frühen 1940er Jahre.

Die Konditionen im Pazifik, vor dem Iwojima Bild

In jenen Jahren waren die Küsten der Urwälder und grünen Wölbungen Stützpunkte geworden für japanische Einheiten und Zuflucht für abgeschossene Piloten und blutverschmierte Männer der alliierten Marine und Infanterie. In einer Gegend, in der es nach Palmen, Früchten, Vulkanerde, den Tanks der Jagdgeschwader und wartenden Blitzen roch. Der Pazifik war auch in den letzten Kriegsstunden und Luft- und Seegefechten eine Schlinge der Hölle. Eine verschlingende Höhle. In der Luft war der Pazifikabschnitt zum Einsatzgebiet für die amerikanischen Brigaden und japanischen Kamikazeverbände geworden. Bald sollte es zur Schlacht auf dem Vulkan "Iwo Jima" kommen und der Fotograf Joe Rosenthal das oft namenlose Leid und Aufbäumen und die ungewünschte, sprießende Elegie des Zweiten Weltkrieges, im selben Moment die Anwartschaft für das Nachherige manifestieren, mit publizistischer Ahnung und einer etwas verdreckten, noch intakten Kamera.

Quelle: Zeithistorische-Forschungen.de/ Jost Dülffer

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